Burak Tuncel, Kolumne, MiGAZIN, Dichtung, Dichter
Burak Tuncel © privat, Zeichnung: MiG

Dichtertränen

Winter in der fremden Heimat

Mit Tränen in den Augen wanderte er umher, der Fremde. Lieder der Traurigkeit spielte sein Klavier an diesem Tag. War dieser Ort, den man Deutschland nannte, der falsche Platz für ihn? Hatte er sich verlaufen?

Von Mittwoch, 15.07.2020, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 15.07.2020, 10:07 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Der Fremde war doch hier geboren und hatte seit seiner Kindheit hier gelebt. Als Dichter verkleidet kam er in dieses Land. Fremd waren die Blicke, die man ihm widmete, wenn er voller Anmut durch die Straßen tanzte und die schönsten Lieder sang. Die Gesellschaft, welches der Fremde bewohnte, gab ihm die Identifikation des Fremden, des Ausländers. Zu schön, seine Lieder. So zog er aus seine Kleider und war splitternackt. Es war besser nackt durch die Straßen zu laufen, als das falsche Kostüm zu tragen. Der Fremde, den man auch die Liebe nannte, an dem Ort seines Ursprungs, wurde müde, sehr müde. Jeden Tag von der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert zu werden, brach das Herz und auf diese Weise bricht man den Willen der schönen Seelen auf dieser Welt. So ist es der Welt Lauf.

Wunderschöne Blumen der Dichtung pflanzte der Junge, umso literarischer er sich ausdrückte, umso mehr nahm der Rassismus gegen ihn zu. Die Blumen waren ein Dorn in den Augen des weißen Menschen, der keinen Schimmer hatte von den Mysterien der Liebe. Die Nekrophilie regierte in seinem Lande, wie es der liebende Dichter Erich Fromm beschrieb in seinen unsterblichen Werken.

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Zu schön, des Dichters Geruch. Wie alles Schöne auf dieser Welt, bekam der Dichter als Gegenleistung Spott und Tadel zu spüren. Es war in der Tat eine Schande, wie die Menschen mit dem Fremden umgingen. Die Zukunft wird lachen über die Armseligkeit dieser Menschen, die jene Kunst zerstörten, die das Leben schöner machen sollten. Doch das Urteil war gefällt. Der fremde Dichter, der Bote der Liebe sollte für immer aus dem Lande wo er geboren war vertrieben werden. So entschied die Masse des Markplatzes, so entschied der weiße Mann.

„Doch das Urteil war gefällt. Der fremde Dichter, der Bote der Liebe sollte für immer aus dem Lande wo er geboren war vertrieben werden. So entschied die Masse des Markplatzes, so entschied der weiße Mann.“

Für den weißen Mann ging es nur um Profit und Habgier. Er verstand die Lieder der Indianer nicht. Für ihn gilt nur Alles welches man kaufen und verkaufen kann. Die Liebe ist ihm ein Dorn. Der Hunger des weißen Mannes wird die Erde verschlingen. Der Anblick seiner Städte schmerzen die Augen der liebenden Menschen. Es gibt keine Stille in den Städten dort. Die Gesetze des Dschungels gelten hier. Wettbewerb und Konkurrenzdenken zerstört alle Schönheiten, und Diskriminierungen sind an der Tagesordnung. Der Frühling ist dort fern. Dort haben die Tiere Angst vor den Menschen.

Die Zeit war nun gekommen, das Urteil gefällt. So zog der Fremde, die Liebe weit weg in andere Welten. Er wurde aus seiner eigenen Heimat vertrieben. So entstanden die Dichtertränen, die nun aus seinen Augen flossen. Der Dichter kam um Schönheit zu bringen, doch kein Abnehmer seiner Künste. Das Materialistische wurde angebetet in Deutschland. Der fremde Dichter, die edle Blume, welches vom Leben selbst geschickt wurde. Er war die Tränen der Sterne. Seine Blumen der Dichtung überragten die Sterne. Über die Sterne hinauszugehen, das ist der Wunsch der Erde. Die Mutter Erde wird seine Poesie verstehen. So machte sich der Fremde auf den Weg. In seinem armen Gewand lief er voller schöner Anmut. Rein war sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel.

„So verließ der fremde Junge seine Heimat und der Winter brach ein. Es wurde kalt, sehr kalt. Die Schneeflocken weinten und sangen die Lieder des Abschieds. Für immer wurde es Abend im Abendland. Es sollten keine Blumen mehr wachsen.“

Ging er nicht davon wie ein Tänzer? Sein Tanz war zu schön um von dieser Welt zu sein. Er stieg ein letztes Mal auf den Berg seiner Heimat und blickte hinunter in das Tal. In jene Stadt, wo er geboren war. Tränen liefen über seine Wangen. Er wusste, dass das Schicksal der Liebe stets gekreuzigt zu werden sei. So tat man es auch mit Vincent Van Gogh, Friedrich Nietzsche und Sokrates. Nun war er an der Reihe. „Der fremde Dichter.“ Wenn die Liebe mit Tränen in den Augen aus seiner Heimat vertrieben wird, ist dies kein gutes Omen für die Gesellschaft, die jenes Verbrechen ausübte. So verließ der fremde Junge seine Heimat und der Winter brach ein. Es wurde kalt, sehr kalt. Die Schneeflocken weinten und sangen die Lieder des Abschieds. Für immer wurde es Abend im Abendland. Es sollten keine Blumen mehr wachsen.

Aus dem Tal kam eine Frau, um sich vom Dichter zu verabschieden. Sie war eine Seherin und hatte als einzige an ihn geglaubt, als er hier gelebt hatte. Mit unendlicher Zärtlichkeit schaute sie den Jungen an und küsste seine Augen, zum Abschied. Tränen flossen und wurden zu einem Ozean. Sie wusste, dass der Junge gehen würde, denn seine Zeit war gekommen. Die Frau schwieg und schaute dem Fremden nach bis er im Nebel verschwunden war und sie blieb lange stehen an den Mauern der Stadt, erinnerte sich seiner Schönheit und schrieb ein Gedicht, dem Fremden gewidmet.

„Warum wurden die Blumen so schön und doch so glücklos geboren? Es scheint, dass dies Schicksal aller liebenden Dichter sei. Immer schon waren die Menschen grausam zu denen, die uns lieben und dienen, ohne die Stimme zu erheben. Aber die Zeit wird kommen, wenn die besten Freunde, die wir haben, uns für unsere Grausamkeit verlassen. Hat denn keiner bemerkt, dass die Wildblumen mit jedem Jahr seltener werden? Es mag sein, dass ihre weisen Männer ihnen geraten haben, fortzugehen, bis der Mensch menschlicher wird. Womöglich sind sie in den Himmel gezogen. Und möge Gott uns allen Verzeihen.“

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