Ana-Maria Trăsnea, SPD, Migranten, Berlin, Rassismus
Ana-Maria Trăsnea © Raluca Trăsnea, Zeichnung: MiG

Vielfalt

Es gibt genug, wofür wir kämpfen müssen

Ich habe mir früher oft die Frage gestellt, warum es so wenig Menschen mit Migrationsbiografie in die Parlamente schaffen. Heute weiß ich, es geht – trotz zahlreicher Hindernisse.

Freitag, 12.03.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 11.03.2021, 17:28 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Ich habe mir früher oft die Frage gestellt, warum es so wenig Menschen mit Migrationsbiografie in die Parlamente schaffen. Heute weiß ich, Menschen mit Migrationsbiografie sind nicht unpolitischer, sind nicht weniger an Politik interessiert, wollen sich nicht weniger in politischen Debatten einbringen: Es sind viel mehr Strukturen, die viele hindern. Das betrifft nicht nur den Zugang zur Politik, sondern auch den Aufstieg. In Metropolregionen wie Berlin oder dem Ruhrgebiet gibt es über die Parteigrenzen hinweg viele Kandidat:innen mit Migrationsbiografie für ein konkretes Mandat. Bei den Parteilisten, die den Einzug der meisten Abgeordneten im Deutschen Bundestag gewährleisten, spiegelt sich die diverse Gesellschaft nicht wider.

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Es war auch für mich nicht selbstverständlich, dass ich Bundestagskandidatin für die SPD in Berlin Treptow-Köpenick geworden bin. Und um ehrlich zu sein, klingt es für mich manchmal noch surreal, wenn ich sage: Ich heiße Ana-Maria Trăsnea und ich bin Direktkandidatin für den Bundestag. Dabei hat sich meine Partei nicht nur für mich als Kandidatin entschieden, auch ich habe mich eines Tages für die Politik entscheiden müssen.

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„Der wahrscheinlich bedeutendste Schritt meines Lebens. 2013 trat ich der SPD bei, 2016 hatte ich mein erstes Mandat auf kommunaler Ebene.“

Viele Menschen mit Migrationsbiografie erfahren, wie auch ich, eine gewisse Skepsis in der eigenen Familie, wenn sich jemand politisch engagieren möchte. Meine Familie wurde von Politiker:innen in Rumänien schwer enttäuscht, Korruptionsskandale wurden zur Normalität, Schmiergelder für die einfachsten Dienstleistungen des Staates waren weit und breit eingeübte Praxis. Das habe ich schon in jungen Jahren an der eigenen Haut gespürt, dass Kinder mit einflussreichen Eltern in den Augen meiner damaligen Grundschullehrerin mehr wert waren als ich. In meiner Heimatstadt im Nordosten Rumäniens habe ich zudem erlebt, dass der Zugang zum Gesundheitswesen von Geld und Status abhängt. Diejenigen, die sich eine gute medizinische Behandlung leisten können, zahlen eben den entsprechenden Preis und werden vorgezogen – alle anderen müssen warten. Solche Beispiele könnten etliche Seiten füllen. Sie alle fallen unter ein Schlagwort: soziale Ungerechtigkeit verschärft durch Alltagskorruption.

Dieses vorgefertigte Bild galt es auch für mich selbst aufzubrechen, bevor ich überhaupt loslegen konnte. So wie mir meine Genoss:innen Vertrauen entgegenbrachten, so musste auch ich der Politik damals einen Vertrauensvorschuss gewähren. Ich tat dies. Der wahrscheinlich bedeutendste Schritt meines Lebens. 2013 trat ich der SPD bei, 2016 hatte ich mein erstes Mandat auf kommunaler Ebene.

Der Weg in das Kommunalparlament gestaltete sich schwierig. Früh musste ich lernen, dass Fleiß und Wille in der Politik nicht ausreichend sind. Selbst nach fünf Jahren in der Bezirksverordnetenversammmlung begegnen mir noch negative Vorurteile, insbesondere von Menschen aus anderen Fraktionen, mit denen ich nicht tagtäglich zusammenarbeite. Es sind nicht nur vergleichsweise milde Stereotype, dass ich mich als Migrantin bestimmt nur für Integration interessiere oder respektlose Kommentare mit Blick auf den „komischen“ Namen.

„Es sind vor allem Momente, in denen rassistische Bemerkungen gegenüber ‚anderen‘ Gruppen wie Geflüchteten, Osteuropäer:innen, arabischstämmige oder Roma im Raum unwidersprochen bleiben.“

Es sind vor allem Momente, in denen rassistische Bemerkungen gegenüber „anderen“ Gruppen wie Geflüchteten, Osteuropäer:innen, arabischstämmige oder Roma im Raum unwidersprochen bleiben. In den Momenten, in denen ich den Mund aufmachte, hieß es dann im Nachhinein, „nimm dir das nicht zu Herzen. Die Person XY ist nur schwer einzufangen. Wir haben schon versucht zu diskutieren.“ Solche Momente lassen einen deutlich spüren, dass Menschen wie ich doch „anders“ sind und leider von manchen Teilen der Gesellschaft nur toleriert werden. Denn wir sollen nicht zur Mehrheitsgesellschaft gehören.

Ich bin mir sicher, dass ich mit solchen Erfahrungen nicht allein bin. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Rassismus, Diskriminierung, Antisemitismus und Sexismus immer noch strukturell in der Politik verankert sind. Zuletzt zeigte das eine Umfrage unter weiblichen Bundestagsabgeordneten. Bei mir sind es Erfahrungen, die ich als Politikerin mache, bei anderen sind es Gründe und Hindernisse, gar nicht erst Politik zu machen.

„Denn in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens spiegelt sich die Vielfalt unseres Landes nicht wider. Nicht in den Medien, nicht in der Verwaltung, nicht in dem Spitzenpersonal der Parteien.“

Denn in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens spiegelt sich die Vielfalt unseres Landes nicht wider. Nicht in den Medien, nicht in der Verwaltung, nicht in dem Spitzenpersonal der Parteien. Es fehlen Vorbilder. Die Interessen und Bedürfnisse vieler Menschen findet kaum Platz auf der politischen Agenda.

Dabei sind Menschen mit Migrationsbiografie Teil dieser Gesellschaft, sie sind Teil von Deutschland. Weshalb sollte unsere Stimme in all ihrer Vielfältigkeit nicht gehört werden? Es wird Zeit, in den Vordergrund zu treten und dafür zu streiten, dass dies nicht vereinzelte Ausnahmen bleiben.

Ich habe mir früher oft die Frage gestellt, warum es so wenig Menschen mit Migrationsbiografie in die Parlamente schaffen. Heute weiß ich, es geht – trotz zahlreicher Hindernisse.

Ich hätte mich als kleine Ana-Maria sehr gefreut, wenn es in Treptow-Köpenick eine Bezirksverordnete mit Migrationsbiografie gegeben hätte. Für den Bundestag zu kandidieren, wäre der kleinen Ana-Maria damals nicht in den Sinn gekommen. Nun macht sie genau das. Denn es gibt genug, wofür wir kämpfen müssen.

Meinung
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