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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Abendland wird abgebrannt

2021 startete mit einem Tiefpunkt: die Besetzung des Kapitols, der Abstieg der USA zum failed state. Wie lange es wohl noch dauert, bis sich die Flüchtlingsströme umkehren?

Von Dienstag, 12.01.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 11.01.2021, 10:45 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

2020 liegt hinter uns und auch wenn uns die Spahndemie noch eine Weile verfolgen wird, waren die Hoffnungen groß, dass es in 2021 bergauf gehen würde – und doch haben wir schon in der ersten Woche des Jahres einen neuen Tiefpunkt erlebt.

Beginnen wir mit einem Exkurs: Nicht unähnlich der amerikanischen Republik war die römische im Kern eine kleptokratische Oligarchie, in der wenige Clans die Macht innehatten, um deren Strukturen sich die Politik organisierte. Eines Tages übernahmen zwei Brüder einer dieser Familien (Gaius und Tiberium Sempronius Gracchus) die Macht in Rom mit dem Ziel, Macht und Reichtum fairer unter den Bürgern Roms zu verteilen. Beide Brüder überlebten dies nicht, Tiberius‘ Ermordung durch die Senatoren sowie die durch Gaius angeführte Revolte gegen den Senat markierten einen Dammbruch in der römischen Politik. 80 Jahre später hatte Rom einen Kaiser – weil es keinen König haben durfte.

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Oder, für diejenigen, die wo nicht so gerne Bücher lesen und lieber ins Kino gehen: Als Lex Luthor Superman getötet hatte und der plötzlich dann doch wieder nicht mehr tot war, weil Gehälter zu zahlen und Tickets zu verkaufen waren, erklärte dieser (so etwas wie): „Ich musste Superman nicht töten, ich musste nur der Welt zeigen, dass er bluten kann.“

Warum aber dieser Exkurs?

„… stehen erst einmal alle Meinungen, wie dumm sie auch sein mögen, gleichwertig einander gegenüber, werden sie nicht mehr an Moral und Logik gemessen, wird sich die am einfachsten klingende durchsetzen.“

Weil da draußen immer noch Vollidioten in Redaktionen sitzen, die gesehen haben, wie ein Mob bombenlegender, bewaffneter, rechts-revolutionärer Terroristen das Kapitol, den Senat und den Kongress der Vereinigten Staaten, gestürmt hat, freundlich begrüßt von einigen der paar Polizisten und Militärs, die anwesend waren, während sich der Präsident weigerte, die Nationalgarde gegen diese Revoluzzer einzusetzen, und die angesichts dieser Bilder Dinge schreiben wie: „1:0 für die Demokratie.“

Was auch immer die zeitweise Besetzung des Kapitols war, war dies sicher kein Sieg für die Demokratie, sie hat gerade so überlebt. Rechtsextreme auf der ganzen Welt  freuen sich im Internet und planen dort bereits einen lokalen Ableger des Sturms auf den Sitz der ansässigen Regierung. Für den Reichstag wurden in der Folge erst einmal die Sicherheitsvorkehrungen deutlich erhöht.

Der Abstieg der USA von der westlichen Weltmacht zum afrikanischen failed state ist jedenfalls atemberaubend. Und der Grund dafür ist nicht in globalen Entwicklungen zu suchen, wo Donald Trump, sichtbarstes Zeichen dieses Niedergangs, sie vermutet hat. Er kommt stattdessen direkt aus dem Inneren der Republik: Die Algorithmen der „sozialen“ Medien segmentieren Nutzer in Gruppen und verstärken die darin bereits zirkulierenden Meinungen. Sie hebeln so das soziale Korrektiv der Mitte aus, dass den Kern der Demokratie ausmacht – indem sie den Nutzern den Mainstream ihrer extremistischen Kleingruppe als die Mitte vorgaukeln. Nur durch den Erfolg von Bubbles lässt sich erklären, dass letzte Woche Menschen mit größter Selbstverständlichkeit zur Revolution auf das Kapitol marschierten und vor laufender Kamera jammerten, dass sie von der Polizei mit Pfefferspray angegriffen wurden, obwohl sie doch gekommen waren, um die Regierung zu stürzen.

„Wie lange es da noch dauern wird, bis sich die Flüchtlingsströme umkehren, wird sich zeigen…“

Das, was die alten Griechen noch als Eunomie, gute Ordnung, bezeichneten, ist mit dem Aufstieg von facebook und twitter und dem darauf folgenden Aufstieg von cringygen Populisten – von Donald Trump über Boris Johnson bis hin zu Bernd Höcke, von QAnon über Brexiteers bis zu den Quer-„Denkern“ – Geschichte. Demokratie ist ohne Eunomie jedoch dauerhaft unmöglich – stehen erst einmal alle Meinungen, wie dumm sie auch sein mögen, gleichwertig einander gegenüber, werden sie nicht mehr an Moral und Logik gemessen, wird sich die am einfachsten klingende durchsetzen.

Wie lange es da noch dauern wird, bis sich die Flüchtlingsströme umkehren, wird sich zeigen – aber Nordafrika sollte vielleicht einerseits schon einmal Gespräche über eine gemeinsame Grenzagentur aufnehmen und andererseits sich überlegen, wie viele angeschwemmte bleiche Wasserleichen in Socken und Sandalen es an seinen Stränden zu tolerieren bereit ist.

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