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Kadir Özdemir, Migazin, Integration, Migration, Migranten, Soziologie
A. Kadir Özdemir © privat, Zeichnung: MiG

Defragmentiert

Lockdown mit Spahn, Instagram und den Migrationserb:innen

Für 2021 habe ich mir mehr Me-Time vorgenommen. Dann wurde es langweilig und ich beschäftigte mich - wieder - mit rechten Polizei-Strukturen, mit #ShamelessSeehofer, Jens Spahn und erstmals Instagram.

Von Montag, 11.01.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 10.01.2021, 11:02 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Vor wenigen Tagen sagte ich Bismillah 2021 und nahm mir vor, jetzt aber wirklich meinen seit Jahren verschobenen Vorsatz zu erfüllen, mehr Me-Time einzulegen.

Ich schaute mir stundenlang wunderschöne Landhäuser auf Tumblr an, probierte aufwendige neue Rezepte aus, belegte einen virtuellen PoC-Tanz-Meditationskurs und genoss es, endlich mal wieder mit anderen zu tanzen, sei es auch virtuell.

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Doch dann… wurde es langweilig. Sich zu entspannen war harte Arbeit. In der Zwischenzeit begann ich, mich in ungesundem Maße mit rechten Strukturen in der Polizei, die nach unserem Alptraum-Minister #ShamelessSeehofer lauter Einzelfälle sind oder seinem Gleichgesinnten, Jens Spahn, zu beschäftigen.

Letzterer hat während der Pandemie bei vielen an Beliebtheit gewonnen. Viele von uns erinnern sich jedoch gut an seine Tweets. „Ist der Mohrenkopf eigentlich noch erlaubt?“, fragte er ebenso öffentlichkeitswirksam wie heuchlerisch. Immer wieder relativierte er die Zugehörigkeit von Muslim:innen zu Deutschland, machte sich zum Anspruch,  deutsche Muslim:innen und ihre Selbstorganisationen mit eloquenteren Worten als die AfD zu kritisieren. Er drückte sein Unverständnis gegenüber antirassistischen Feminist:innen aus, die sich für die religiöse Selbstbestimmung von Frauen engagieren, die Antifa setzte er auf die gleiche Stufe mit der NPD. Und wenn er völlig im Rausch war, sinnierte er, wie er einer deutschen Mutter erklären solle, warum ihre Kinder mit der Bundeswehr nach Afghanistan geschickt würden, während Geflüchtete dorthin nicht abgeschoben werden dürften. Ganz davon abgesehen, dass sich die Kinder dieser imaginären Mutter sich freiwillig für den Weg als Berufssoldaten im deutschen Militär entschieden haben, ist es interessant, dass für Jens Spahn scheinbar die Mütter die Verantwortung für ihre Kinder tragen und die Väter ohne Ansprache auskommen. Ich lasse mal Details seiner „Macho-Araber“-Fantasien aus, über die er sich empört, weil diese sich in der Dusche des Fitnesscenters nicht komplett nackt ausziehen wollen, sondern mit Badehose duschen. Corona verdeckt und verdrängt vieles, im Schatten aber wächst und gedeiht die #racistmainstreamculture.

Nach zahlreichen Schleifen des immergleichen Bullshits fragte ich mich: War die Beschäftigung mit dem Rassismus von CDU-Ministern wirklich „Me-Time“? Ich versuchte, eine Weile, Nachrichten auszublenden, kehrte zu Tumblr zurück, probierte weitere Rezepte aus und legte einen Instagram-Account an. Instagram war für mich lange Zeit das Sinnbild hedonistischer Verstopfung. Nachdem aber die Hälfte der Poser zu TikTok abwanderte, wurde das Medium für politisch-kulturelle Arbeit interessant. Ich wurde in kurzer Zeit fanboy von @ferda_ataman, @melisaerkurt, @farazshariat und @m_amjahid, entdeckte für mich neu und inspirierend @eliffkoroglu, @sueheyla_uenlue und verliebte mich in ein Gedicht von @unesjomajo.

Nach den ersten Tagen intensiver Versenkung in der neuen Materie, stand für mich die Frage im Raum, was die Sozialen Medien sollen, wenn daraus nicht etwas Sinnvolles für das analoge Leben herauskommt. Ließ sich die digitale Vernetzung nicht auch in echte Begegnungen überführen? Ich nutzte meinen jungen Account, um einen Aufruf zur Gründung eines PoC-Theaterkollektivs zu starten. Und innerhalb weniger Tage gab es tolle Rückmeldungen. Das Kollektiv Die Migrationserb:innen steht nun in den Startlöchern. Wir werden Hannover rocken, inşallah.

Vielleicht ist Me-Time für Menschen wie mich identisch mit Community-Time, ob digital oder analog. Ich muss nicht Gong-Meditieren oder zum Entspannen ein Spagat machen. Ich muss auch nicht, mich mit der ganzen rassistischen Kackscheiße zumüllen. Und vor allem muss ich mich nicht isolieren, um bei mir zu sein. In dieser ohnehin gefühlt endlosen Zeit des Lockdowns, gibt die Verbindung mit meiner Community mir enorm viel Energie und verleiht mir Zuversicht. Lasst uns 2021alle zusammen zu einem guten Jahr machen.

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