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Blutproben in der Klinik (Symbolfoto) © Belova59 @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Eine Postkoloniale Intervention

Corona-Impfungen oder die Suche nach globaler Solidarität

Die Corona-Pandemie hat ein Wettrennen um die Entwicklung eines Impfstoffs ausgelöst, das an den Kolonialismus erinnert. Trotz der lauten Rufe nach Solidarität und einem globalen Kampf gegen das Virus gewinnen nationaler Egoismus und ‚westlicher‘ Imperialismus.

Von und Montag, 02.11.2020, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 02.11.2020, 9:02 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |   Drucken

Die Corona-Pandemie bringt die global anwachsende soziale Ungleichheit in all ihren Facetten und mit all ihren Konsequenzen deutlich zutage. Hier in Deutschland ist die Hoffnung groß, dass bald ein Impfstoff gefunden werden kann und alles wieder „normal“ weiterläuft. In anderen Teilen dieser Welt ist die Aussicht auf einen Impfstoff nicht hoffnungsgebend, denn wie so oft profitieren primär reiche Länder von medizinischen Errungenschaften wie Impfstoffen. Dies liegt unter anderem daran, dass einzelne, mächtige Pharmakonzerne Medikamente mit Patenten belegen und so für größtmöglichen und langanhaltenden Gewinn sorgen, was für ärmerer Länder bedeutet, dass diese Medikamente lange Zeit unbezahlbar bleiben – so wird dies auch im Hinblick auf einen Corona-Impfstoff befürchtet.

Des Weiteren sichern sich bereits jetzt reiche Länder wie die USA oder die EU-Staaten Unmengen an Impfdosen, ohne dass ein öffentlicher Diskurs darüber geführt wird, was das für wirtschaftsschwache Länder bedeutet. Das hier in Deutschland so häufig wiederholte Mantra der Solidarität scheint einmal mehr über Bord geworfen zu werden. Mit Blick auf die Corona-Entwicklung stellen sich darüber hinaus weitere zentrale Fragen: Wer stellt sich für Testungen zur Verfügung? Inwieweit stellen sich Menschen überall auf der Welt wirklich freiwillig zur Verfügung? Werden die Menschen umfassend über mögliche Risiken aufgeklärt?

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Das bereits Anfang April geführte Interview zwischen dem Chefarzt einer Pariser Klinik und dem Forschungsdirektor einer staatlichen Forschungsinstitution in Frankreich verdeutlicht die Brisanz dieser Fragen. In dem Interview spekulierten die beiden Gesprächspartner öffentlich darüber, Corona-Impfstofftestungen in Afrika durchzuführen, da dort viele Menschen lebten, die dem Virus schutzlos ausgesetzt seien und wo es „pas de masques, pas de traitement, pas de réanimation“ gäbe, also vorteilhafte experimentelle Voraussetzungen, die laut der beiden Gesprächspartner auch schon damals zur HIV-Forschung genutzt worden seien.

Das Interview löste viel Empörung und Wut aus – sowohl in Frankreich, als auch anderen EU-Ländern, besonders aber in afrikanischen Staaten. Zurecht wurden viele wütende afrikanische Stimmen laut, die sich dagegen wehrten, im Kontext fortdauernder rassistisch-kolonial geprägter Strukturen von zwei weißen Ärzten öffentlich als Menschen zweiter Klasse und „Versuchskaninchen“ degradiert zu werden. Auch der äthiopische Arzt und Mitglied der WHO, Dr. Tedros A. Ghebreyesus, äußerte sich zu diesem Interview und brachte sehr deutlich zum Ausdruck: „Africa can not and will not be a testing ground.“

Impfstofftestungen in Afrika

„Während wir diesen Artikel schreiben, haben sich unter anderem Menschen in Südafrika dazu verpflichtet, an einer Erprobung eines Impfstoffes durch Pfizer teilzunehmen. Über 2.000 HIV-positive Personen sind ebenfalls Teil dieser Testreihe. Es existieren keine öffentlich zugänglichen Informationen darüber, wie diese Menschen für die Erprobung dieses Impfstoffes ausgewählt wurden…“

Die Geschichte von Impfstofftestungen und dem Testen tödlicher Präparate durch ‚westliche‘ Pharmakonzerne an afrikanischen Subjekten ist lang. 1996 ging Pfizer nach Nigeria, um angeblich ein Heilmittel gegen den Menengitis-Ausbruch zu finden. Schon damals wurden ethische Forschungsleitlinien missachtet und Menschenversuche durchgeführt, die Pfizer dafür nutzte, Daten zu sammeln und die Impfung der Bevölkerung – inclusive Kinder – voranzutreiben. Das Resultat war, dass viele Menschen erblindeten und/oder ihr Gehör verloren. Andere verloren ihr Leben.

Während wir diesen Artikel schreiben, haben sich unter anderem Menschen in Südafrika dazu verpflichtet, an einer Erprobung eines Impfstoffes durch Pfizer teilzunehmen. Über 2.000 HIV-positive Personen sind ebenfalls Teil dieser Testreihe. Es existieren keine öffentlich zugänglichen Informationen darüber, wie diese Menschen für die Erprobung dieses Impfstoffes ausgewählt wurden: Wie ist ihr sozio-ökonomischer Status, inwieweit wurden sie über mögliche Risiken im Kontext der Impfstofftestungen aufgeklärt und wie werden sie im Falle von Nebenwirkungen durch die Impfstofftestungen versorgt?

Dass der Kolonialismus die Geburtsstunde für industrielle Pharmaproduktion und globale Gesundheitsfürsorge war, ist gut dokumentiert und leicht nachzuzeichnen. Die schon vor der Corona-Pandemie bestandenen Ungleichheiten, die bestimmte Teile der europäischen Gesellschaft, wie z. B. Minderheiten exponieren, exponieren auch Länder des Globalen Südens und setzen diese gewöhnlichen, vermeidbaren und heilbaren Krankheiten aus. Nachdem Corona bislang nicht in jedem Teil Afrikas vorkommt und Rahmenbedingungen innerhalb der Länder variieren, sind die Erfahrungen im Umgang mit dem Virus auch nicht vergleichbar. So sorgen in Südafrika die Folgen des doppelten Erbes von Kolonialismus und Apartheid dafür, dass sich Corona auf fundamentale Weise auf das Leben und die Existenzgrundlage der Schwarzen Mehrheitsgesellschaft auswirkt. Eine Ungleichheit, die kolonisierte und rassifizierte Körper erneut in Versuchskaninchen für ‚westliche‘ Pharmaindustrien verwandelt.

Zur Bedeutung einer postkolonialen Perspektive

In Kürze soll auf die Bedeutung eingegangen werden, die eine postkoloniale Perspektive im globalen Kontext und auch auf politischer Ebene hat. Der Begriff ist nicht eindeutig bestimmbar oder einer besonderen wissenschaftlichen Richtung zuzuweisen1. Vielmehr werden aus dieser Perspektive unterschiedliche Phänomene im Zusammenhang mit bis heute anhaltender kolonialer Strukturen analysiert und dekonstruiert. Somit ist das Präfix ‚post‘ nicht als die Zeit ‚nach‘ der Unabhängigkeit kolonisierter Länder zu lesen, da dies kein Endpunkt darstellt. Bis heute ist es unmöglich „eine Geschichte des ‚Westens‘ ohne die Geschichte der kolonisierten Länder zu schreiben“2 – und andersherum.

Kolonialismus und europäischer Imperialismus haben die Welt geprägt und sich tief in gesellschaftliche Strukturen eingebrannt. Eine postkoloniale Analyse beispielsweise von Geschichtsschreibung oder politischen, gesellschaftlichen, medialen Diskursen zielt letztlich darauf ab, die vorherrschenden eurozentrischen Blickwinkel und daraus resultierende Erzählungen zu entlarven und andere, marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen. Sie kann somit als „Widerstandsform gegen die koloniale Herrschaft und ihre Konsequenzen betrachtet werden“3.

Zwischen Solidarität und Wettbewerb – oder einfach nur Wettbewerb?

„In der Hochphase des Kolonialismus beuteten europäische Mächte Länder im Süden derartig aus, dass dort soziale Einrichtungen, wie beispielsweise die Gesundheitsfürsorge strukturell so unterentwickelt blieben, dass Krankenhäuser in Afrika nur europäische Administrator:innen versorgten, während ungeeignete und schlecht ausgestattete Gesundheitsposten Millionen von Nativen versorgten.“

Der Widerspruch zwischen Solidaritätserklärungen und dem Wettbewerb ‚westlicher‘ Staaten bei der Entwicklung eines Impfstoffes und der vermeintlichen Zusammenarbeit zeigt sehr deutlich den fortwährenden Nachlass kolonialer und imperialer Strukturen globalen politischen wirtschaftlichen Handelns. Im Bewusstsein für anhaltende globale Ungleichheiten als direktem Resultat des ‚westlichen‘ Imperialismus und Kolonialismus ist es angesichts der infektiösen Natur des Virus‘ ignorant, eine Bevölkerung zu schützen, ohne sich um eine andere zu kümmern, da letztlich alle der Gefahr einer Infektion ausgesetzt sind. Diese Tatsache missachtend liefern sich die EU und die USA dennoch ein Rennen darum, Impfstoffe aufzukaufen, um ihre Bevölkerung zu schützen – kein neues Verhalten. Im Rennen um diesen Impfstoff fließen Gelder in Forschung und Testung und die beteiligten Pharmakonzerne machen satte Gewinne. Es zeigt sich, was in einer kapitalistischen postkolonialen Realität zu erwarten war: trotz der lauten Rufe nach Solidarität und einem globalen Kampf gegen das Virus gewinnen nationaler Egoismus und ‚westlicher‘ Imperialismus.

Es geht mit der Erfahrung einher, wie sehr manche Leben, in diesem Fall die von Schwarzen, zur Disposition stehen. In der Hochphase des Kolonialismus beuteten europäische Mächte Länder im Süden derartig aus, dass dort soziale Einrichtungen, wie beispielsweise die Gesundheitsfürsorge strukturell so unterentwickelt blieben, dass Krankenhäuser in Afrika nur europäische Administrator:innen versorgten, während ungeeignete und schlecht ausgestattete Gesundheitsposten Millionen von Nativen versorgten. Unglücklicherweise hatten die öffentliche Gesundheit und die Medizin eine Schlüsselrolle in diesem Prozess, ähnlich wie die Medizin auch daran beteiligt ist, das Ende der globalen Ungleichheit hinauszuzögern. Deutschland hält in diesem Zusammenhang einen nicht erstrebenswerten Rekord: So haben deutsche Ärzt:innen beispielsweise zum Wohle des Landes fleißig Frauen in Namibia sterilisiert.

Wenn es in Afrika ein Land mit tiefer kolonialer Prägung gibt, ist dies Südafrika. Vom Landbesitz, bis zum Curriculum, welches noch bis heute auf die Nichtintegration alternativer Medizin im Gesundheitssystem ausgerichtet ist. Die Solidarität, die derzeit angemahnt wird, fehlt mit Blick auf Südafrika dringend, wo viele Menschen ihre Lebensgrundlagen verloren haben. Die Muster der Auswirkungen von Covid-19 folgen den schon existierenden rassifizierten Zugängen zu Ressourcen, wie medizinischer Versorgung oder der Teilhabe an Schutz vor Krankheiten. Eine postkoloniale Perspektive ermöglicht ein besseres Gespür für die Kontinuitäten in kolonialen Strukturen zu bekommen, sowohl im Hinblick auf Zukunftsperspektiven als auch bezüglich materieller Ressourcen und institutioneller Strukturen.

Gerechtigkeit im Verteilungsprozess ist möglich

„Zu Anfang dieser Pandemie hatten wir leise Hoffnung, dass der Ruf nach Solidarität wirklich globale Geltung haben könnte. Sich Geschichte vielleicht einmal drehen würde und ‚westliche‘ Staaten von all denen lernen, die sie sonst als besonders ‚unzivilisiert‘ und ‚unterentwickelt‘ konstruieren…“

Mit Blick auf Afrikas marginalisierte Position in der Weltwirtschaft und die Aktivitäten der ‚westlichen‘ Staaten, Impfstoffe für sich selbst zu sichern, auch wenn das bedeutet, dass diese damit armen Länder vorenthalten bleiben, hat die African Union Commission das African Centres for Disease Control and Prevention (Africa CDC) Konsortium für Covid-19 Clinical Trial (CONCVACT) eingerichtet. CONCVACT ist unter anderem darum bemüht, einen gerechten Zugang zu Impfstoffen rund um den Globus herzustellen, in dem sie mit multilateralen Institutionen wie der UN und der WHO zusammenarbeiten. Entsprechend strebt CONCVACT danach, die Zusammenarbeit bei der Entwicklung, den Erprobungen und der Verteilung von Impfsoffen zu sichern. Während Afrikas wirtschaftliche Position impliziert, dass die Entwicklung eines Impfstoffes auf dem Kontinent höchst unwahrscheinlich bleibt, sind die Prinzipien, die zur Einrichtung von CONCVACT und den Aktionen der African Union und anderen Staaten des globalen Südens, das moralische Gegenteil zu der auf Konkurrenz basierenden Agenda Europas und den USA. Das verlangt notwendigerweise nach Solidarität. Die Mehrheit der menschlichen Bevölkerung – die sich außerhalb des ‚Westens‘ befindet – scheint diesem Ruf zu folgen. Covid-19 ist mehr als eine medizinische Epidemie, es ist eine soziale Epidemie, der am besten mit Solidarität entgegengewirkt werden kann.

Zu Anfang dieser Pandemie hatten wir leise Hoffnung, dass der Ruf nach Solidarität wirklich globale Geltung haben könnte. Sich Geschichte vielleicht einmal drehen würde und ‚westliche‘ Staaten von all denen lernen, die sie sonst als besonders ‚unzivilisiert‘ und ‚unterentwickelt‘ konstruieren, weil erkannt wurde, dass diese Attribute gerade im Zusammenhang mit Solidarität eher ‚westliche‘ Staaten beschreiben – so unsere Utopie. Der Kampf um einen Impfstoff verdeutlicht aber, wie tief kapitalistische und koloniale Strukturen verankert sind, dass diese noch nicht einmal angesichts eines für alle Menschen gleichsam gefährlichen Virus überdacht oder gar verändert werden können – noch weiter weg von Solidarität geht jedenfalls kaum.

Info: Dieser Beitrag ist eine Kooperation von MiGAZIN mit dem Netzwerk Rassismuskritische Migrationspädagogik Baden-Württemberg. Das Netzwerk versteht sich als Forum von Menschen aus den Feldern Soziale Arbeit, Schule, Bildung/Weiterbildung, Hochschule sowie angrenzenden Professionen, die sich fachlich und (fach-)politisch in den Feldern Soziale Arbeit, Schule, Weiterbildung – und auch darüber hinaus – einmischen und dort Rassismus selbststärkend, reflexiv-kritisch und wenn nötig auch skandalisierend zum Thema machen. Das Netzwerk informiert Interessierte in regelmäßigen Abständen von circa 1-2 Monaten per E-Mail-Newsletter über aktuelle Entwicklungen, Veranstaltungen und Publikationen im Feld der Migrationspädagogik. Dieser Text ist zuerst dort in einer ungekürzten Fassung erschienen.

  1. Castro Varela/Dhawan 2015, S.15
  2. Ebd.
  3. Ebd., S.16
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  1. Ute Plass sagt:

    „Zwischen Solidarität und Wettbewerb – oder einfach nur Wettbewerb?“

    Gute Frage, die darauf hinweist:
    Im Kapitalismus gibt es keine Solidarität!

    Armut wird nicht durch Impfungen verschwinden,
    Krankheiten sehr wohl durch das Verschwinden von Armut !