Moldawien, Eli Zaidman, Moldau, Antisemitismus, Rassismus
Eli Zaidman © privat, Zeichnung MiG

Moldawien

Warum ich in meiner Heimat Rechts wähle

In Deutschland bin ich politisch links. Am Sonntag werde ich bei der Präsidentschaftswahl in meiner Heimat Moldawien aber rechts wählen - für Europa und für mein Land.

Von Mittwoch, 28.10.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 28.10.2020, 15:50 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Am Sonntag, dem 1. November 2020, findet in der Republik Moldau Präsidentschaftswahl statt. Ich habe mich frühzeitig für die Wahl im Ausland registriert und werde noch vor der Öffnung am Berliner Wahllokal sein, um einen vorderen Platz in der Schlange zu bekommen – und zwar, um die Kandidatin des rechten Flügels zu wählen.

Anders als in Deutschland wird in der Republik Moldau für die Kandidat:innen direkt abgestimmt. Zwei der acht Kandidierenden stehen unter besonderer Aufmerksamkeit: der amtierende Präsident Igor Dodon und die ehemalige Ministerpräsidentin Maia Sandu. Igor Dodon ist als unabhängiger Kandidat registriert, gilt aber als der inoffizielle Führer der sozialistischen Partei und wird einstimmig von dem linken Flügel – d.h., der Kommunisten und der Sozialisten – unterstützt. Maia Sandu leitet die junge, fortgeschrittene und Europa-nahe Opposition – und bekennt sich eindeutig als rechts.

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Ich stehe fest hinter den Werten des linken Spektrums – soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Diversität. Das Problem liegt darin, dass die angeblich linken Parteien meiner Heimat selbst nicht dahinterstehen. Die sozialistischen und kommunistischen Parteien sind heute größtenteils Nachfolger der kommunistischen Elite von Ländern der ex-Sowjetunion, die durch oberflächliche Änderungen träge versuchen, sich von der Kommunistischen Partei der UdSSR zu distanzieren, tatsächlich aber im Zuge der 30-jährigen Unabhängigkeit immer noch von dem alten System profitieren. Heute stellen linke Parteien der Republik Moldau die einzige mehr oder weniger lebendige Verbindung zur durch Russland geprägten Vergangenheit und zur zerfallenen Idealen der Sowjeten. Die heutige post-kommunistische Linke Moldaus ist eine weitere Erinnerung daran, warum Kommunismus der Sowjetunion eine vollständige Verstümmelung seiner ursprünglichen Idee war.

„Das, was man in Moldau ‚Politik‘ nennt, ist Geopolitik – nur geopolitische Ausrichtungen entscheiden tatsächlich darüber, wer für wen abgestimmt.“

Das, was man in Moldau „Politik“ nennt, ist Geopolitik – nur geopolitische Ausrichtungen entscheiden tatsächlich darüber, wer für wen abgestimmt. Entscheidend ist, ob man eine enge Beziehung mit Russland behalten oder sich auf den europäischen Weg einstellen will, oder ob man sich eine Vereinigung Rumäniens und Moldawiens wünscht – nur Nuancen ändern sich, die Geopolitik steht aber über allen anderen Angelegenheiten.

Die sogenannten Linken vertreten den Weg, den Republiken der ehemaligen Sowjetunion fast 80 Jahre lang bahnten – den weg der Vorherrschaft der russischsprachigen Bevölkerung und der Entnationalisierung der Stammbevölkerung. Die Rechten, hingegen, zielen auf den Bruch mit der alten Tradition ab und auf Wiederaufbau eines nationalen Gefühls, welches uns weiterbringen würde. Das Wort „Stolz“ finde ich in diesem Zusammenhang unangemessen – es gibt noch zu wenig, worauf man stolz sein könnte. Stattdessen bevorzuge ich den Begriff „Patriotismus“ – Liebe und Anerkennung zu einem eigenen Land und der Wunsch, dort zu leben und an der Entwicklung mitzuwirken.

Somit gibt es einen riesigen Bruch zwischen dem, was unter „rechts“ in Deutschland verstanden wird und in den Staaten der ehemaligen UdSSR. Rechte Parteien im Westen vertreten Euroskeptizismus – rechte Parteien Ostens sind die einzige Möglichkeit dieser Länder, in die Europäischer Union zu kommen. Deshalb bin ich in Deutschland politisch links und werde am 1. November in der Botschaft der Republik Moldau eine Kandidatin der Rechten wählen – und hoffen, dass meine Stimme etwas bewirkt.

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