Moldawien, Eli Zaidman, Moldau, Antisemitismus, Rassismus
Eli Zaidman © privat, Zeichnung MiG

Moldawien

Die Tragikomik der Auswanderung aus dem ärmsten Land Europas

Die Corona-Kontaktbeschränkungen haben Familien vor eine ungewohnte und harte Probe gestellt. Für Menschen, die ihre Familien im Ausland haben, dauert die Zeit der Sehnsucht, Sorgen und Ängste an.

Von Donnerstag, 02.07.2020, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 01.07.2020, 14:59 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Während ich diesen Artikel schreibe, weiß ich, dass meine Mutter seit 24 Stunden hohe Temperatur hat und Brustschmerzen. Sie fährt morgen zum Arzt, um einen Covid-19 Test zu machen. Ich will sie umarmen, aber weder darf ich noch kann ich das jetzt tun. Ich denke daran, wann ich sie zum letzten Mal umarmte – das war Anfang Januar, als ich mich von meinen Eltern in Chisinau, Hauptstadt Moldawiens, verabschiedete und zum Studium nach Berlin zurückkehrte. Damals wusste ich noch nicht, dass eine Pandemie die Welt übergreifen wird und wir wieder in die Zeit der dichtgemachten Grenzen katapultiert werden. Für eine Familie aus der Republik Moldau, die sich inzwischen auf vier Länder dieser Welt verteilt, ist das eine sehr schwere Situation.

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In der Republik Moldau leben weniger Menschen als in Berlin. Die kleine Republik leidet dazu unter der höchsten Auswanderungsrate in der Region: Von den offiziell 3,5 Millionen moldauischen Staatsbürgern sind in den vergangenen zehn Jahren fast eine Million in arbeitsfähigem Alter ausgewandert. Sie leben heute in Italien, Rumänien, Russland und versorgen ihre Eltern und Kinder, die zu Hause geblieben sind. Die genaue Anzahl der im Ausland lebenden Moldauern ist schwer einzuschätzen – die meisten besitzen eine rumänische Staatsbürgerschaft und sind EU-Bürger. Die meisten flüchten aus wirtschaftlichen Gründen – jede vierte Person in Moldawien lebt unter der Armutsgrenze.

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Moldawien existiert in seiner heutigen Form seit 1991 – ein kleines Land zwischen Rumänien und der Ukraine, kein Meerzugang, keine natürlichen Ressourcen, zwei eigensinnige autonome Regionen und ein gespaltenes Volk – das Ergebnis der letzten zwei Jahrhunderte. Einst ein eigenständiges Fürstentum, zweimal so groß wie heute, wurde es 1812 zersplittert und teilweise vom russischen Reich erobert. Nach einer kurzen Wiedervereinigung zwischen den beiden Weltkriegen als Teil des Königreichs Rumänien besetzte die Sowjetunion unter anderen rumänischen Gebieten auch den östlichen Teil der Region, welcher zur Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik wurde. Seit 1991 ist dieser östliche Teil das heutige Moldawien.

„Wir Moldauer in Berlin, Rom, Moskau oder Paris sind verzweifelt. Wir arbeiten und studieren hier mit der illusorischen, selbsttäuschenden Hoffnung, irgendwann nach Hause zurückzukommen und ein neues, gesundes und stolzes Land aufzubauen. Gleichzeitig leben Moldauer in Moldau mit dem Wunsch, nach Europa, Russland oder in die USA zu ziehen. Und sobald sie ausgezogen sind, wird sie die ewige Schuld plagen, nicht zu Hause geblieben zu sein.“

Offiziell ist das politische System Moldawiens eine parlamentarische Republik. Tatsächlich aber ist die einzige Institution, die durch das Vertrauen der Bevölkerung Anspruch auf Legitimität erheben kann, die Kirche. Die moldauisch-orthodoxe Kirche verfügt über moralische Autorität und entscheidet oft darüber, wie Menschen handeln und leben sollen. Umso tragikomischer waren die jüngsten Veröffentlichungen des Oberbischofs. In einem Land, in der weder Medizin noch Wissenschaft Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung genießen, rief er zur Vorsicht vor Impfungen auf – diese seien nur ein Mittel zur Durchsetzung von totaler Überwachung der Bevölkerung.

In den ersten zwei Wochen im Juni sind in Moldau täglich mehr als 400 Personen an Covid-19. Jedes Krankenhaus verfügt über eine „Corona-Abteilung“, wo Patienten behandelt werden. Gleichzeitig ist keines dieser Krankenhäuser sicher für Personen ohne Corona. Mangelnde Masken und Hygieneartikel, sowie Disziplin der Bevölkerung tragen dazu bei, dass Krankenhäuser als Infektionsherden gelten und möglichst gemieden werden – fast ein Viertel aller positiv getesteten Personen sind Pflege- und medizinische Kräfte.

Trotz desaströser Umstände und unvergleichbar schlechterer epidemiologischer Lage im Land folgt die moldauische Regierung europäischen Ländern und lockert jetzt auch noch Corona-Restriktionen: Ermöglichung religiöser Dienste, Öffnung großer Märkte. Und ab dem 15. Juli sollen auch die Quarantäneregelungen für Einreisende aufgehoben werden. Moldauer im Ausland suchen bereits nach einer günstigen Möglichkeit, zu ihrer Familie in die Heimat zu reisen und sie in die Armen zu nehmen – Infektionsbedrohung hin oder her.

Wir Moldauer in Berlin, Rom, Moskau oder Paris sind verzweifelt. Wir arbeiten und studieren hier mit der illusorischen, selbsttäuschenden Hoffnung, irgendwann nach Hause zurückzukommen und ein neues, gesundes und stolzes Land aufzubauen. Gleichzeitig leben Moldauer in Moldau mit dem Wunsch, nach Europa, Russland oder in die USA zu ziehen. Und sobald sie ausgezogen sind, wird sie die ewige Schuld plagen, nicht zu Hause geblieben zu sein.

Meiner Mutter geht es wieder gut. Sie wurde negativ getestet und erholt sich gerade von den stressigen, verzweifelten Tagen voller Ungewissheit und Angst. Seitdem ich in Deutschland studiere, haben wir eine stillschweigende Vereinbarung: keine Tränen während der Videocalls – eine Abmachung, die während der Pandemie kaum einhaltbar ist.

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