Raúl Krauthausen, Aktivist, Behinderung, Rassismus, Benachteiligung, Diskriminierung
Raúl Krauthausen © privat

Podcast

„Der Virus lehrt uns, dass wir alle Menschen sind“

Der Aktivist Raúl Krauthausen spricht im Podcast „DiversityFM“ über die „Initiative #Risikogruppe“ und seinen Blick auf die aktuelle Situation rund um Corona, insbesondere aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung und anderen marginalisierten Personen.

Montag, 20.04.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 19.04.2020, 19:45 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Die Grundidee der Initiative #Risikogruppe war, den Betroffenen eine Stimme zu geben. Alten, Menschen mit Vorerkrankungen bzw. mit einer Behinderung sollte ein Gesicht gegeben werden. Die Aktion ist für Raúl Krauthausen überraschend viral gegangen, was zugleich zu neuen Problemen führte: „Das wir jetzt die ganze Zeit unsere Homestorys erzählen sollen. Das wir erzählen sollen wie es uns persönlich geht. Das wir uns nackig machen sollen.“ Dies bärge die Gefahr, dass medial mehr über Einzelschicksal als über das Gesamtphänomen gesprochen wird.

„Es hat was von Willkommenskultur damals 2015. Plötzlich sind wir alle Nachbarn. Plötzlich hängen im Hausflur Zettel, ob man Unterstützung benötigt. Plötzlich gibt es Communitys, Hackathons und alles Mögliche.“

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In erster Linie wollten die Initiatoren die Bürger auffordern, die Risikogruppen zu schonen, indem sie zu Hause bleiben. Mittlerweile muss aus Sicht der Aktivisten auch darüber gesprochen werden, wie es Menschen ergeht, die vereinsamen. „Und dann natürlich auch Menschen mit Angststörungen, die durch Nachrichten noch mehr Angst bekommen. Und das vielleicht unglaublich viele Triggermomente hat, die wir gar nicht auf dem Schirm haben. Es geht nicht nur um Einkaufshilfen und Nachbarschaftshilfen. Wir müssen uns auch die Frage stellen: Wie geht’s unseren Mitmenschen gerade psychisch und seelisch?“

Raúl Krauthausen hat das Gefühl, dass derzeit eine starke gesellschaftliche Solidarität gelebt wird. „Es hat was von Willkommenskultur damals 2015. Plötzlich sind wir alle Nachbarn. Plötzlich hängen im Hausflur Zettel, ob man Unterstützung benötigt. Plötzlich gibt es Communitys, Hackathons und alles Mögliche.“ Und gleichzeitig warnt Krauthausen: „Wir wissen aber auch wie es weiterläuft: Irgendwann vereinzeln diese Strömungen und dann gibt es gegenläufige Trends. Und dann erzählen die Medien doch lieber Geschichten, die sich skandalisieren lassen. Dann wird wieder irgendjemand an den Rand gestellt und ausgebuht. Dieser jetzige Moment wird nicht lange anhalten. Und ich mache mir ein bisschen Sorgen, wie lange wir eigentlich noch gemeinsam dastehen.“

Deswegen sei es zentral, neben Maßnahmen für die Wirtschaft gerade auch Menschen zu unterstützen, die gar nichts haben, beispielsweise Obdachlose oder Alleinerziehende mit Kindern in Grundsicherung. Darüber hinaus findet der Aktivist, dass jetzt endlich auch mal die Zeit gekommen ist, über radikale Maßnahmen, wie Verstaatlichungen und Grundeinkommen zu sprechen. Am Beispiel des Gesundheitssektors werde gerade deutlich, zu welchen Problemen die Privatisierung führe. „Wenn Krankenhäuser nach Profit arbeiten müssen, dann gibt es irgendwann auch nicht mehr genug Intensivbetten. Ich hoffe, dass wir die Zeit danach auch dafür nutzen, um mal diese Fragen zu stellen. Vielleicht ist die Idee des Neoliberalismus auch endgültig Geschichte.“

„Es ist schon erstaunlich, dass 14 der 15 Minuten in der Tagesschau nur noch mit Corona-Meldungen voll sind. Und wir nichts mehr erfahren über die Krise rund um Syrien, der Türkei und an Europas Grenzen. Dass wir nichts mehr über Rassismus in diesem Land erfahren.“

Krauthausen fragt sich, wer schlussendlich die Rechnung bekommt für die Milliarden, die der Staat jetzt in die Wirtschaft und die Infrastruktur reinpuppt. Er geht davon aus, dass vor allem Sozialleistungen gekürzt werden. „Das wird ein ganz bitterer Kampf werden. Wir kennen das aus der Vergangenheit, wenn die Schwarze Null zum Diktat wird.“

Mit Besorgnis beobachtet er die öffentliche und mediale Fokussierung auf ein Thema: „Es ist schon erstaunlich, dass 14 der 15 Minuten in der Tagesschau nur noch mit Corona-Meldungen voll sind. Und wir nichts mehr erfahren über die Krise rund um Syrien, der Türkei und an Europas Grenzen. Dass wir nichts mehr über Rassismus in diesem Land erfahren. Und diese Themen sind ja nicht einfach weg, sondern sie bleiben. Und meine Befürchtung ist, dass es für die Politik ein leichtes ist, diese Themen leicht und bequem unter den Teppich zu kehren. Aber wir müssen weiter die Fahne hochhalten, denn es bleibt immer noch ein Thema.“

Krauthausen ist fest davon überzeugt, dass Menschen mit Migrationshintergrund strukturell benachteiligt werden, wenn es um Gesundheitsleistungen geht.  Auch Menschen mit Behinderung machten sich aktuell Gedanken, ob sie sich irgendwann in einer Situation wiederfinden, im Krankenhaus auf Behandlungen angewiesen zu sein und sich das Gesundheitssystem die Frage stellt, wer Unterstützung bekommt und wer nicht und wo es sich noch lohnt, Leben zu retten. Mit Blick auf Italien, Spanien oder Frankreich ist dieses Szenario durchaus vorstellbar. „Wir müssen aufpassen, dass nicht die Allerschwächsten unter die Räder kommen.“

Info: Im Podcast „DiversityFM“ spricht Fuzum Ghirmazion mit klugen und empowernden Menschen über sein Herzensthema Diversity. Dafür spricht er mit stillen Held*innen. Der Podcast ist auf Spotify, iTunes, YouTube zu hören. Weitere Infos gibt es auf Instagram oder Facebook unter „DiversityFM_Der Podcast“.

Mit Blick auf die immer weiter ansteigende Zahl an Toten, treibt den Aktivisten aktuell noch etwas Anderes um: „Die Sorge, die ich mir mache, ist, dass wir stumpf werden. Dass wir schon so betäubt sind von diesen Meldungen, dass sie uns nicht mehr berühren und nicht mehr erreichen. Und dass es dann ein bisschen so ist, wie die Geflüchteten im Schlauchboot, die uns nicht mehr berühren. Die uns noch am Anfang berührt haben und plötzlich ist es eine Meldung von vielen geworden. Da habe ich Sorge vor, dass wir da abstumpfen.“

Hoffnungsfroh stimmt Krauthausen allerdings, dass die Menschen als Gemeinschaft, als Nachbarschaft, als Gesellschaft näher gerückt sind. „Wenn der Virus uns eine Sache gelehrt hat, dann, dass wir alle Menschen sind. Dass der Virus keine Ausnahme macht zwischen Deutschen und Nichtdeutschen, Jung und Alt, Behindert und Nichtbehindert. Sondern, dass wir eine Menschheit sind und wir nur gemeinsam diese Krise bewältigen.“ (mig)

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  1. Ute Plass sagt:

    „Wenn der Virus uns eine Sache gelehrt hat, dann, dass wir alle Menschen sind. Dass der Virus keine Ausnahme macht zwischen Deutschen und Nichtdeutschen, Jung und Alt, Behindert und Nichtbehindert. Sondern, dass wir eine Menschheit sind und wir nur gemeinsam diese Krise bewältigen.“

    Wäre sehr schön, wenn sich diese Einsicht von Krauthausen, dessen Sozialhelden-Engagement ich sehr schätze, über die Corona-Krise hinaus halten würde.
    Mit dem Soziologen Heitmeyer bin ich allerdings skeptisch, da, wie dieser sagt, es im Kapitalismus keine gesellschaftliche Solidarität geben kann.
    https://www.deutschlandfunk.de/corona-pandemie-soziologe-solidaritaet-veraendert-keine.694.de.html?dram:article_id=474121