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Rettungsschiff Alan Kurdi im Mittelmeer © Sea Eye/Fabian Heinz

Quarantäne-Schiff nicht in Sicht

Dramatische Szenen auf Rettungsschiff „Alan Kurdi“

Durch die Corona-Krise ist die Seenotrettung im Mittelmeer kaum noch möglich. Rettungsschiffe haben es extrem schwer. Denn Italien und Malta haben ihre Häfen geschlossen. Mehr als 140 Flüchtlinge müssen seit zehn Tagen an Bord ausharren.

Freitag, 17.04.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 16.04.2020, 16:45 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Die Lage auf dem deutschen Rettungsschiff „Alan Kurdi“ mit mehr als 140 Flüchtlingen an Bord spitzt sich offenbar zu. „Die Menschen sind total verzweifelt und werden seit zehn Tagen auf der ‚Alan Kurdi‘ festgehalten“, sagte Einsatzleiter Jan Ribbeck von der Regensburger Organisation Sea-Eye, die das Schiff betreibt, am Donnerstag. Die Seenotrettung ist wegen der Corona-Krise extrem erschwert. Die Häfen von Italien und Malta sind geschlossen.

Drei Personen mussten von der „Alan Kurdi“ weggebracht werden. Dabei sollen sich dramatische Szenen abgespielt haben, als sich drei Boote der italienischen Küstenwache näherten. „Sie deuteten an, ins Wasser springen zu wollen, um die italienischen Boote zu erreichen und ließen sich kaum beruhigen.“

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Quarantäne-Schiff nicht in Sicht

Das vom italienischen Verkehrsministerium angekündigte Quarantäne-Schiff war auch am Donnerstag noch nicht in Sicht. „Wir haben weder aus Berlin, noch aus Rom belastbare Hinweise auf Zeitpunkt und Ort der Evakuierung auf ein Quarantäneschiff erhalten“, sagte Sea-Eye-Vorsitzender Gorden Isler dem „Evangelischen Pressedienst“. „Wir warten inzwischen seit Ostersonntag auf dieses Schiff.“

Auch den etwa 40 weiteren Flüchtlingen auf dem spanischen Rettungsschiff „Aita Mari“ wird momentan ein sicherer Hafen verwehrt. „Die gesteigerte Brutalität gegen Flüchtende und die neue Härte gegen Rettungsorganisationen kann nur mit dem Versuch der abschreckenden Wirkung erklärt werden“, sagte Isler. „Ein solidarisches Verhalten der EU-Mitgliedsstaaten gegenüber Italien und Malta ist längst überfällig.“

Sieben Personen vermisst

Zuvor waren weitere Seenotfälle im Mittelmeer bekanntgeworden. Maltesische Medien und die Internationale Organisation für Migration (IOM) berichteten, dass in maltesischen Gewässern ein Boot mit fünf Toten an Bord gefunden wurde.

Ein Handelsschiff habe die 51 Überlebenden und die Toten aufgenommen und nach Libyen gebracht, nach ihren Angaben wurden sieben weitere Personen vermisst. Die Organisation Alarm Phone vermutete, dass es sich um das Boot handelt, das vor Tagen einen Notruf absetzte und dann vermisst wurde.

Internationale Organisationen warnen

Der IOM-Chef in Libyen, Federico Soda, warnte, dass Flüchtlinge und Migranten nach Fluchtversuchen in Internierungslager gesperrt würden. Kriminelle nähmen sie auch in Geiselhaft, um Lösegeld zu erpressen. Die Vereinten Nationen haben wiederholt betont, dass das Bürgerkriegsland Libyen kein sicherer Hafen für Flüchtlinge sei. Zuletzt haben die Kämpfe zwischen Truppen der Regierung von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch und Einheiten des Rebellengenerals Chalifa Haftar wieder zugenommen. Wegen Corona wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.

Auch in Südostasien versuchen Menschen, über das Meer zu fliehen. Die Küstenwache von Bangladesch rettete fast 400 Rohingya-Flüchtlinge aus Seenot, wie die Zeitung „Dhaka Tribune“ am Donnerstag berichtete. 28 seien nach Angaben der Überlebenden gestorben. Die erschöpften und ausgemergelten Menschen waren offenbar vor zwei Monaten aus den Camps in Cox’s Bazar im Südosten von Bangladesch aufgebrochen, um nach Malaysia zu gelangen, wo sie aber abgewiesen wurden. Die meisten seien Frauen und Kinder. (epd/mig)

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  1. Gerrit sagt:

    Eigentlich mag man solche Artikel schon fast nicht mehr lesen, denn diese Probleme sind ja nicht neu. Aber das ist vermutlich auch die „Taktik der Zermürbung“ offizieller Stellen … Abschreckung von Flüchtlingen durch menschenunwürdiges Behandeln und abwarten bis Kritiker vielleicht nicht mehr viel sagen, denn es sind immer die gleichen Argumente, die man vorträgt/vortragen kann.

    Seit JAHREN wissen alle in der EU, daß eigentlich ein neues Flüchtlingskonzept dringendst erforderlich ist. Seit Jahren ist bekannt, daß man die Mittelmeer-Anrainer mehr unterstützen muss und „EU-Binnenstaaten“ sich nicht auf „DUBLIN ausruhen“ dürfen.

    Und was passiert? Nichts bzw. nicht viel?

    Viele Konferenzen, viele Absichtserklärungen (von denen die, die sie geben, im Moment der Abgabe schon wissen, daß sie sie nicht einhalten). Viel Betroffenheit ohne tatsächliche Reaktionen. Ein Herr Seehofer, der kurzzeitig vom „Saulus zum Paulus“ wird, dann aber schnell die Rolle rückwärts macht, also wieder Saulus. Menschen wie ein „Herr“ Salvini, die ihre Profilgelüste voll auf dem Rücken von Flüchtlingen ausleben. Deutsche Abgeordnete, die m.W. auf Lesbos mit Rechtsradikalen Jagd auf Flüchtlinge undNGO’s machen, zumindest dagegen demonstrieren, anschließend wieder im Deutschen Bundestag sitzen und Diäten kassieren. Ein „“Herr““ Orban, der nicht nur in Sachen Flüchtlingspolitik der EU „auf der Nase tanzt“ usw. usw. usw.

    Ein jeder weiß, daß Flüchtlinge in Libyen unmenschlich behandelt werden. KZ-ähnliche Zustände werden von der UN angeprangert. Die Fakten und Sichtweise der UN scheint dann aber doch sehr zu differieren von der Sichtweise der EU – also im Zweifelsfall ist es dann für die EU doch wieder ein „Sicherer Hafen“ … dieses Libyen. Ist halt einfacher für die EU.

    Nein, man mag solche Artikel eigentlich nicht mehr lesen. Aber es ist WICHTIG und der Finger muss immer „wieder in die Wunde gelegt werden“. Vielleicht erleben wir ja doch noch den Tag, wo so was wie Menschlichkeit im Umgang mit Flüchtlingen einzieht. Wo Menschen die Oberhand bekommen, die schon jetzt für Flüchtlinge da sind. Glücklicherweise auch in verantwortlichen Positionen, als Beispiel die Bürgermeister, Landräte, Politiker*Innen in den Kommunen der Aktion „Sichere Häfen“. Hoffen wir es und „arbeiten“ wir dafür!!!

    Vielleicht ist ja bei den ganzen „Riesen-Rettungsschirmen“ wegen Corona noch ein „kleines Schirmchen“ übrig für ein Problem, was wir lange kennen, aber nie wirklich nachhaltig ernsthaft gelöst haben.