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Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt a.M. © Kiefer. @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Studis gegen rechte Hetze

„Journalisten verbreiten gerne Positionen von Islamkritikern“

Bei einer Veranstaltung Mitte Januar an der Frankfurter Goethe-Universität über „Verschleierung“ kam es zu Handgreiflichkeiten. Die Initiative „Studis gegen rechte Hetze“ hatte gegen die Veranstaltung protestiert. Die mediale Aufmerksamkeit war groß. MiGAZIN sprach mit einer Aktivistin über ihre Motive und die Hintergründe des Protests.

Von Dienstag, 04.02.2020, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 03.02.2020, 12:26 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |   Drucken

Leon Wystrychowski: Warum haben Sie gegen die Veranstaltung protestiert?

Jasmine S.*: Im Frühjahr letzten Jahres hatte im „Museum Angewandte Kunst“ die Modeausstellung „Contemporary Muslim Fashion“ stattgefunden. Daraufhin gab es mehrere Veranstaltungen an der Uni, die sich mit der Ausstellung beschäftigten. Den Auftakt bildete eine sogenannte „Kopftuchkonferenz“, die von der Dozentin Susanne Schröter und dem „Normative Order Exzellenzcluster“ ausgerichtet wurden. Diese Konferenzen waren auffallend einseitig mit islamfeindlichen Referenten besetzt. Neben Schröter selbst sind hier vor allem Alice Schwarzer und Necla Kelek zu nennen.

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Die Konferenz erhielt ein riesiges Medienecho und breite Unterstützung, darunter vom AStA (Allgemeiner Studierendenauschuss) Frankfurt. Die damalige Feminismusbeauftragte der AStA kritisierte die Auswahl der Referierenden – und zwar deshalb, weil auf dem Podium auch zwei Frauen mit Kopftuch saßen. Wäre es nach der AStA gegangen, wären also die Betroffenen hier überhaupt nicht zu Wort gekommen.

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*Die Interviewte ist in der Initiative Studis gegen rechte Hetze an der Goethe-Universität Frankfurt aktiv, die sich 2019 in Reaktion auf die antimuslimischen und antisemitischen Mordaufrufe der rechts-terroristischen „Atomwaffendivision“ am Campus gründete. Aus den im Interview erwähnten Gründen möchte sie nicht mit vollem Namen genannt werden.

Dagegen richteten sich die ersten zaghaften Proteste einer kleinen studentischen Initiative. Sie wurde jedoch als „demokratiefeindlich“ diffamiert, die Aktivisten als „islamistische Identitäre“ abgestempelt. Im gleichen Zeitraum kam durch Medienberichte heraus, dass in den Unibibliotheken Flugblätter der sogenannten „Atomwaffendivision“ ausgelegt wurden …

…, einer Neonazi-Terrororganisation, die ursprünglich aus der USA kommt und dort bereits mehrere Morde begangen hat.

Jasmine S.: Genau. Die Aufmachung dieser Flyer war sehr martialisch: Auf der Vorderseite ein betender Mann, dem eine Axt in den Rücken geschlagen wird. Dazu die Überschrift „Töte Moslems“ und der Aufruf „Kill your local Imam. Kill your local Rabbi.“

Wie bekannt wurde, wusste die Uni-Leitung schon einige Wochen von diesen Flugblättern. Das kam nur heraus, weil ein Student zur Presse gegangen ist. Viele muslimische und jüdische Studierende waren danach sehr verängstigt. Zu ihrer Verunsicherung trug bei, dass es von der Uni-Leitung nur eine lächerliche kleine Erklärung gab und auch vom AStA nur einen lapidaren Facebook-Post. Das hat uns verwundert, weil sich gerade der AStA selbst auf die Fahnen schreibt, gegen jeden Antisemitismus kämpfen zu wollen. Dann werden antisemitische Mordaufrufe verteilt und es passiert gar nichts.

Auf der anderen Seite bemängeln Sie die große Aufmerksamkeit für diese Kopftuch-Konferenzen?

Jasmine S.: Die letzte Podiumsdiskussion war die dritte große Veranstaltung innerhalb von weniger als einem Jahr. Diese unverhältnismäßige Aufmerksamkeit hat schon fast obsessiven Charakter. Hinzu kommen weitere Veranstaltungen, mit dem gleichen inhaltlichen Tenor. Parallel zu dem „Verschleierungspodium“ fand zum Beispiel eine Veranstaltung mit dem Titel „Muslimisch, männlich, desintegriert“ von „Normative Orders“ statt.

Was konkret kritisiert ihr an diesen Veranstaltungen?

Jasmine S.: Uns war schon im Vorhinein klar, welche Inhalte die Referierenden ungefähr vertreten werden. Schließlich haben sie sich alle schon zu dem Thema öffentlich geäußert. Das hat sich auf der Veranstaltung dann bestätigt. Das Tragen des Kopftuches wurde mit der Apartheid verglichen, als „Fahne des Islamismus“ bezeichnet. Das Kopftuch sei ein Instrument der Unterdrückung, eine „Zwangskleidung“. Die Moderatorin hatte schon in einem Interview in der Welt erklärt, dass der Islam „nur eine verdammte Ideologie“ sei.

Diese Leute kaschieren ihre wahre Motivation mit Begriffen wie Religions- oder Kopftuchkritik. In ihren Beiträgen wird dann aber immer schnell klar, dass es um „den Islam“ als Ganzes und die Muslime geht.

Auch die „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“ haben die Veranstaltung mit organisiert.

Jasmine S.: Solche Gruppierungen geben sich gerne Namen, die Eindruck schinden. Auf ihrer Facebook-Seite teilen sie aber rassistische Karikaturen: Ein furchteinflößender Mann mit schwarzem Bart will einer blonden weißen Frau mit kurzem Kleid eine Burka überstülpen. Die Frau rennt schreiend davon. So eine pauschal rassistische Zuschreibung erwartet man üblicherweise auf rechtsextremen Seiten.

Ihr werft den Veranstaltern antimuslimischen Rassismus vor.

Jasmine S.: Es geht uns nicht darum, wie sich die Referenten selbst verstehen. Fakt ist, dass sie einen Beitrag dazu leisten, rassistische Ressentiments salonfähig zu machen. Sie geben dieser Hetze sogar einen „feministischen“ oder „emanzipatorischen“ Anschein, normalisieren antimuslimische Stimmungsmache und holen sie damit aus der AfD-Schmuddelecke heraus. Das macht sie so gefährlich. Dafür bekommen sie jetzt Applaus von der AfD.

Mit den Schlagworten „Freiheit“ und „Frauenrecht“ ein Verbot von Kopftüchern zu fordern, ist aber schon sehr ironisch. Gerade muslimischen Frauen wird so ihre Freiheit abgesprochen, sich für oder gegen ein Kopftuch zu entscheiden. Außerdem fördert diese Debatte nur ihre gesellschaftliche Ausgrenzung und verstärkt ihre weitere Stigmatisierung.

Wie lief Ihr Protest ab?

Jasmine S.: Wir haben nach dem ersten Drittel der Veranstaltung Plakate hochgehalten, auf denen Zahlen von Angriffen auf Muslime und Moscheen in den letzten Jahren standen. Wir haben auch die Geschichten von einigen Opfern von antimuslimischer Gewalt thematisiert, wie dem Mord an Marwa El-Sherbini 2009 in Dresden. Außerdem gab es in Frankfurt gerade im vergangenen Jahr mehrere Skandale um Rassismus und rechte Gewalt – ich sage nur „NSU 2.0“. Die Performance sollte die Veranstaltung friedlich, aber laut stören.

Uns wurde vorgeworfen, dass wir nicht auf die Fragerunde am Ende gewartet hätten. Das ist absurd. Seit fast einem Jahr finden diese Veranstaltungen statt. Muslimische Stimmen wurden systematisch ausgeschlossen. Wenn sie sich dann durch Protest Gehör verschaffen, behauptet man, diese Möglichkeit hätte die ganze Zeit bestanden.

Und was sagt Ihr zu dem Vorwurf der Veranstalter, Ihr würdet die Meinungsfreiheit untergraben?

Jasmine S.: Die Frage ist: Warum soll eine Veranstaltung, die Rassismus fördert, von der Meinungsfreiheit gedeckt sein, der kritische Protest dagegen aber nicht? Hier liegt eine scheinheilige „Kopftuch-Debatte“ vor, die auf dem Rücken muslimischer Frauen ausgetragen wird. Im Kern ist sie rassistisch und zielt darauf ab, Muslime mit Kopftuch auszuschließen. Wir wollen das entlarven und den Fokus auf das eigentliche Problem lenken: Diskurs über antimuslimischen Rassismus und das Erstarken rechtsradikaler Organisationen.

Im Zuge Eurer Protestaktion kam es Medienberichten zufolge zu einer „Schlägerei“. Wie kam es dazu?

Jasmine S. Es gab keine Schlägerei oder Prügelei! Die Gewalt war einseitig und ging von der anderen Seite aus. Wir begannen unsere Performance, indem wir nacheinander aus dem Publikum aufstanden, Plakate mit Schlagworten in die Höhe hielten und ein Statement aussprachen. Damit unterbrachen wir den dritten Redebeitrag des Abends. Sofort schlug uns eine Welle der Aggression entgegen. Damit hatten wir so nicht gerechnet. Unsere Schilder wurden heruntergerissen, Mitglieder unserer Gruppe als „Islamisten“ beschimpft und geschubst. Nur durch das Eingreifen anderer Besucher konnte verhindert werden, dass Schlimmeres passierte. Die Polizei kam. Die Veranstalter forderten ein Hausverbot für uns. Die Polizei hielt das aber nicht für angebracht, nahm vielmehr unsere Anzeige wegen der Angriffe auf. Wir verließen anschließend auf eigenen Wunsch die Veranstaltung, die dann weiter fortgesetzt wurde.

Die Darstellung in den Medien ist anders.

Jasmine S.: Die Berichterstattung in einem großen Teil der Presse ist ein Lehrstück verzerrender Darstellung und Stimmungsmache. Viele Medien schreiben offensichtlich einfach und ohne Prüfung voneinander ab, manche dichten dann noch etwas hinzu. Es ist kein Wunder, dass so viele Menschen verhetzt werden.

Die Veranstalter kündigen an, sich nicht „einschüchtern“ zu lassen und weiter machen zu wollen. Wie steht es bei Ihnen?

Jasmine S.: Wir haben niemanden eingeschüchtert, weder haben wir gedroht, noch physische Gewalt angewandt – die haben wir erfahren. Unser Protest war friedlich. Es ist traurig, dass die mediale Darstellung so einseitig und verzerrt ist und Journalisten allzu gerne die Position von angeblichen Islamkritikern übernehmen und verbreiten. Wegen solchen Entwicklungen ist es immer schwieriger geworden, sich offen gegen Rassismus zu stellen. Besonders die Betroffenen selbst haben oft Angst, in die Öffentlichkeit zu treten und so noch mehr in den Fokus zu rücken.

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