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Besucher im NS-Konzentrationslager Auschwitz © Michela Simoncini @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Interview mit Gabriele Woidelko

Historikerin: NS-Zeit als Alltagsgeschichte greifbar machen

Viele Jugendliche lehnen es ab, sich auch 80 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches noch mit der NS-Zeit zu befassen. Und ihre Geschichtskenntnisse sind oft mehr als dürftig. Wie sich das Interesse junger Menschen an der NS-Zeit wieder wecken lässt, verrät die Historikerin und Slawistin Gabriele Woidelko im Gespräch.

Montag, 27.01.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 26.01.2020, 14:44 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

2017 ergab eine Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung, dass weniger als die Hälfte der Jugendlichen wissen, was in Auschwitz geschah? Ist das nicht alarmierend?

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Gabriele Woidelko: Ein Ergebnis der repräsentativen Umfrage, die forsa vorgenommen hat, lautete, dass nur 59 Prozent der damaligen Schülerinnen und Schüler über 14 Jahren wussten, dass Auschwitz-Birkenau ein Konzentrations- und Vernichtungslager war. In Anbetracht der zentralen Bedeutung, die die Auseinandersetzung mit der Geschichte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und ihrer Verbrechen für das demokratische Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland hat, ist das ein erschreckend niedriger Anteil.

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Gibt es neue Daten, ob die Vermittlung von Geschichtswissen aus der NS-Zeit derweil besser geworden ist?

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Gabriele Woidelko, Jahrgang 1968, ist studierte Historikerin und Slawistin. Als Dozentin war sie an der Universität Hamburg tätig. Seit 1996 ist sie bei der Körber-Stiftung, zunächst als Programm-Managerin, dann bis 2015 als Leiterin des europäischen Geschichtsnetzwerks EUSTORY, des FutureLab Europe und weiterer Europaaktivitäten des Bereichs Bildung. Von 2016-2018 verantwortete sie das Fokusthema „Russland in Europa“ und als Programmleiterin das Körber History Forum. Im März 2018 übernahm sie die Leitung des Bereichs Geschichte und Politik.

Gabriele Woidelko: Der amerikanische Fernsehsender CNN hat Ende 2018 eine Studie in mehreren europäischen Ländern gemacht, in der über 7.000 Menschen befragt wurden. Eines der Ergebnisse war, dass 40 Prozent der befragten Deutschen im Alter von 18 bis 34 Jahren „wenig“ oder „gar nichts“ über den Holocaust wissen. Trotz dieses ähnlichen Befundes sind die Studien schwer miteinander vergleichbar, weil sie in Gesamtthematik und Fragestellung voneinander abweichen.

Gilt das Bebel-Zitat „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“ bei jungen Leuten nicht mehr?

Gabriele Woidelko: Meiner Meinung nach hat dieses Zitat nach wie vor Gültigkeit. In der Arbeit der Körber-Stiftung mit jungen Menschen in Deutschland und Europa zeigt sich immer wieder, wie groß das Interesse Jugendlicher und junger Erwachsener an Geschichte sein kann. Begeisterungsfähig für Geschichte sind junge Menschen nach unserer Erfahrung immer dann, wenn sie verstehen, was die Vergangenheit mit ihnen und ihrem Lebensumfeld zu tun hat. Das heißt: Je konkreter die Vergangenheit für junge Menschen in der eigenen Familie oder an ihrem Lebensmittelpunkt greifbar wird, desto höher ist die Bereitschaft, mehr wissen und verstehen zu wollen.

Viele Jugendliche und junge Erwachsene lehnen es aber ab, sich auch nach 80 Jahren noch mit der Nazi-Vergangenheit zu beschäftigen.

Gabriele Woidelko: Auch bei dieser Frage spielt die Art und Weise, wie Jugendlichen und jungen Erwachsenen Geschichte vermittelt wird, eine große Rolle. Unserer Erfahrung nach bieten beispielsweise die Auseinandersetzung mit konkreten Biografien und den konkreten Auswirkungen der NS-Geschichte vor Ort gute Anknüpfungspunkte, um eine tatsächliche oder gefühlte Ablehnung junger Menschen gegenüber der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte zu überwinden. Dabei geht es nicht unbedingt nur um die Lebenswege bekannter Opfer und Täter des Nationalsozialismus.

Wie kann das in der Praxis gelingen?

Gabriele Woidelko: Wir meinen, es ist zielführender, den Alltag und die Lebensläufe derjenigen in den Blick zu nehmen, die vor Ort und in unmittelbarer Nachbarschaft vom Nationalsozialismus betroffen beziehungsweise in ihn verstrickt waren. Dieser Ansatz, den die Körber-Stiftung mit dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten seit fast 50 Jahrzehnten fördert, ergänzt die offizielle Gedenkkultur um den zentralen Aspekt der Alltagsgeschichte und macht NS-Gewalterfahrungen auf eine ganz direkte Weise verständlich und greifbar.

Ritualisierte und starr protokollarische Gedenkfeiern sind eh nicht Sache der Jugend. Wie können Sie dennoch wieder mehr für die einstigen Ereignisse interessiert werden?

„Aber die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit ist Teil unseres demokratischen Selbstverständnisses in Deutschland. Und damit sollten sich alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen auseinandersetzen.“

Gabriele Woidelko: Der Schlüssel liegt in dem alltagsgeschichtlichen, lebensweltnahen Zugang. Und in der Methode des forschend-entdeckenden Lernens. Wenn junge Menschen die Gelegenheit erhalten, selbst aktiv zu werden, sich im Rahmen von eigenständiger Projektarbeit mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, eigene Fragen an die Geschichte zu entwickeln, dann wird nicht nur die Geschichte interessant für sie, sondern sie leiten aus der Vergangenheit auch Fragen an ihre eigene Gegenwart ab. Für solche Projektarbeit braucht es Räume innerhalb und außerhalb der Schule. Diese Räume sind in den letzten Jahren durch die Veränderung der Lehrpläne und des Schulalltags leider geringer geworden. Das ist bedauerlich.

Die Bundesregierung stellt bis 2022 für das neue Programm „Jugend erinnert“ für Workshops, Theaterstücke oder Fanprojekte insgesamt 17 Millionen Euro zur Verfügung. Ist das sinnvoll investiertes Geld?

Gabriele Woidelko: Das Programm „Jugend erinnert“ verfolgt einen sehr guten Ansatz, indem es NS-Gedenkstätten und Dokumentationszentren als außerschulische Lernorte stärkt und ihnen ermöglicht, innovative pädagogische Formate mit jungen Menschen und für junge Menschen zur zeitgemäßen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu entwickeln. Auch hier steht der Begriff „lebensweltlicher Zugang“ im Mittelpunkt. Das deckt sich mit dem Zugang, den wir mit dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten verfolgen. Wünschenswert wäre nach unserer Erfahrung, dass die Vermittlungsangebote von Schule und außerschulischen Lernorten zukünftig noch stärker miteinander vernetzt werden.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat angeregt, Besuch von Schülern in KZ-Gedenkstätten zur Pflicht zu machen. Verspricht der Einsatz einer solchen „pädagogischen Brechstange“ Erfolg, sich mehr mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen?

Gabriele Woidelko: Der Begriff „pädagogische Brechstange“ ist an dieser Stelle nicht zielführend. Ob verpflichtende Gedenkstättenbesuche das Problem lösen können, hängt sicher davon ab, wie diese Gedenkstättenbesuche ablaufen und wie sie vor- und nachbereitet werden. Sicherlich sind sie aber nicht der alleinige Weg zum Ziel. Aber die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit ist Teil unseres demokratischen Selbstverständnisses in Deutschland. Und damit sollten sich alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen auseinandersetzen. Dass die Bundesregierung Maßnahmen ergreifen will, um die Geschichte des Nationalsozialismus möglichst verbindlich an alle jungen Menschen zu vermitteln, die in Deutschland leben, ist aus meiner Sicht gut nachvollziehbar. (epd/mig)

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