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Zwei Freunde © Yasin Hassan @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Spanien & Deutschland

Zwei Länder, zwei Bildungsbiografien

Seit Jahrzehnten grübeln Sozialwissenschaftler darüber, warum Integration oder gar Assimilation in der einen Gesellschaft reibungslos verläuft und in der anderen holprig und noch in der zweiten oder dritten Generation zum Problem werden kann. Von Dr. Rodolfo Valentino

Von Mittwoch, 26.04.2017, 4:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 26.04.2017, 16:24 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Das Erfolgsrezept liegt, wie in der neueren soziologischen Literatur zur Genüge analysiert, in der sozialen Inklusion als ein Prozess, in dem jeder Mensch in seiner Individualität von der Gesellschaft akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzuhaben.

Die folgenden beiden Biografien lassen stark vermuten, dass nordeuropäische Länder wie Deutschland sich schwerer als südeuropäische wie Spanien tun, weil „südländisches“ Aussehen (dunkle Haare, dunkle Augen, dunkle Hautfarbe) bei „Nordländern“ stärker auffällt und in seiner Bedeutung überbewertet oder gar übertrieben wird. Inwieweit das Aussehen in zwei unterschiedlichen europäischen Ländern zu gegensätzlichen Biografien bezüglich der Inklusion und Teilhabe führen kann, zeigen der 24-jährige in Spanien geborene und aufgewachsene Abdel M. und der in Deutschland seit seiner Geburt lebende 20-jährige Ayaz G.

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Spanien/Málaga. Abdel M.

Abdel M., 24 Jahre alt, in Málaga geboren und aufgewachsen. Wenn man ihn nicht gerade in Begleitung seiner traditionell gekleideten Mutter sieht, hält man ihn für einen Andalusier. Seine Eltern stammen aus Marokko und sind in den 1990er Jahren nach Spanien eingewandert. In seiner Heimatstadt machte er Abitur und studierte Medizin. Da er die französische Sprache sehr gut beherrscht, hatte er sich überlegt, bei Verwandten in Frankreich seine medizinische Spezialisierung abzuschließen.

Bei einem Besuch rieten ihm seine Verwandten davon ab. Zu aufgeheizt sei das Thema „Einwanderung aus arabischen Ländern“ zurzeit und habe die französische Gesellschaft vergiftet. „Mir fiel auf“, gesteht Abdel M. „dass ich von vielen nicht-mediterran aussehenden Franzosen nicht gerade nett behandelt wurde, miss dem aber keine Bedeutung zu, weil ich ja Spanier bin. Dann wurde ich in Frankreich aber immer wieder darauf angesprochen, ob ich denn ein ‚reiner‘ Spanier sei. Das kam mir dann doch verdächtig vor. In Spanien wäre so etwas undenkbar.“

Wenn man gegen das spanische Antidiskriminierungsgesetz verstößt, indem man jemand als „moro“ oder „Sudaca“ beleidigt oder negative Konnotationen über „Blut oder Abstammung“ verbreitet, kann man mit einer Geldstrafe von bis zu 60.000 € geahndet werden. Für Abdel M. war das eine neue, unangenehme Erfahrung, weil er sich in Spanien noch nie Gedanken über sein Aussehen oder seine Abstammung machen musste.

Deutschland/Euskirchen. Ayaz G.

Anders als der circa 2.380 km entfernt lebende Ayaz G. in Euskirchen. Der 20-Jährige erzählt uns, dass alle seine Cousins und Cousinen in Istanbul Abitur gemacht und ein Studium absolviert haben. Er selbst ging zur Hauptschule, weil seine Eltern nach der Grundschule gar keine Chance gehabt hätten, ihn auf eine bessere Schule zu schicken.

„Während sich bildungsferne Eltern in der Türkei für ihre Kinder aufopfern und in ihre Schulausbildung der Kinder investieren, kommst du in Deutschland mit türkischem Migrationshintergrund sehr schnell auf die Haupt- oder Förderschule“. Leider deckt sich diese Aussage auch mit den bildungssoziologischen Studien zu bestimmten Migrantengruppen, weil Lehrer ihnen den Zugang zu den besseren Schulen verwehren. „Meine Verwandten in der Türkei überrascht das sehr, weil sie eigentlich eine ganz gute Meinung über Deutschland haben und denken, dass man hier viel mehr Bildungschancen hat“, führt Ayaz G. fort. „Meine Cousins finden es zum Beispiel toll, dass ich zweisprachig bin und auch Englisch sehr gut beherrsche.“

Ihm persönlich hat diese Mehrsprachigkeit wenig genutzt, weil er regelrecht von seinen Lehrern und den Berufsberatern der Arbeitsagentur in die „traditionellen“ Berufe wie Kfz-Mechaniker, Restaurantfachmann oder Einzelhandels-Kaufmann „hineinberaten“ wurde.

In zwei Monaten möchte Ayaz G. nach Istanbul gehen, um dort an einer „American Business-School“ den höheren Abschluss zu erlangen, der ihn in Deutschland verwehrt wurde. Danach möchte er als Hochschulabsolvent zurück nach Deutschland kehren. Aus bildungssoziologischer Sicht eine interessante Umgehung von stigmatisierenden und diskriminierenden Strukturen, die es Ayaz G. verwehrten, eine von seinem südländischen „Aussehen“ unabhängige Bildungsbiografie zu verfolgen.

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