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Scham © Dean McCoy @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Grenzen

Lassen Sie uns über Scham sprechen!

Die Grenzen der Scham variieren je nach Kultur und Religion. Das ist eine Binsenweisheit, wird aber im täglichen Leben kaum beachtet - etwa wenn von muslimischen Frauen verlangt wird, das Kopftuch abzulegen. Von Canan Topçu

Von Donnerstag, 02.04.2015, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 09.04.2015, 18:55 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |   Drucken

1974, ein Schullandheim in der Nähe von Hameln. Wir Schüler der vierten Klasse einer Grundschule aus Hannover verbringen dort eine Woche. Nach einem erlebnisreichen Tag sollen wir duschen gehen. Die Mädchen in einer Gemeinschaftsdusche, die Jungen in einer anderen. Schon das Ausziehen vor meinen Klassenkameradinnen im Umkleideraum bereitet mir Unbehagen. Dann alle gemeinsam unter den Wasserstrahl. Und mittendrin Frau Bergmann. Unsere Lehrerin. Nackt. Mit dunklen Schamhaaren. Ich wusste gar nicht, wo ich hinschauen sollte.

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Diese Szene hat mich lange begleitet. Nicht mal meine Mutter hatte ich bis dahin nackt gesehen. Ich war verstört. Denn bei uns war eine Lehrerin eine absolute Respektsperson. Vor der zog man sich weder aus noch duschte man mit ihr.

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Ich war neun Jahre alt und vor einem Jahr aus einer türkischen Kleinstadt bei Bursa nach Hannover gekommen. Ich hatte Probleme mit der Sprache, kannte weder Sitten noch Gebräuche. Ich fremdelte. Damals empfand ich die Situation im Duschraum als sehr peinlich. Heute weiß ich, was es war: Scham. Um es genauer mit dem Fachterminus zu benennen: Intimitätsscham. Und heute, nach dem ich mit herkunftsdeutschen Freundinnen über dieses Erlebnis gesprochen habe, weiß ich: Scham dieser Art habe nicht nur ich empfunden. Lange dachte ich aber, dass nur „wir“, also Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis, es so empfinden. Ich ließ mir von Freundinnen, die ihre Kindheit vor der Frauenbewegung hatten, erklären, dass auch sie bei Nacktheit ähnliches Unbehagen hatten. Gut, dass wir darüber gesprochen haben!

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Die Grenzen der Intimitätsscham variieren je nach Kultur und Religion. Das ist für Fachleute eine Binsenweisheit, diese Einsicht fehlt aber zuweilen Vertretern der Mehrheitsgesellschaft. So verstehen manche nicht, warum eine Muslima ihr Haar verhüllt. Wenn ich nach dem Grund für das Tragen des Kopftuchs gefragt werde, erkläre ich es so: Es gibt nicht einen Grund. Eine der Gründe ist aber, dass sich die Frau ohne das Tuch auf dem Kopf nackt fühlt. Und um diese Dimension dieser Nacktheitsgefühls zu vermitteln, stelle ich eine Gegenfrage: Wie würden Sie sich fühlen, wenn sie sich ohne Unterhose und Hose, aber mit Hut und Jacke in die Öffentlichkeit begeben würden? Ob es Vertreter der Mehrheitsgesellschaft glauben wollen oder nicht: Ohne das Kopftuch ist es so – für etliche Frauen. Niemand muss es nachvollziehen, aber akzeptieren.

Scham entsteht nicht allein im Bezug auf Nacktheit, sondern auch, wenn man die Abweichung, das Anders- oder Fremdsein spürt. Erst im Laufe meines Lebens habe ich festgestellt, wie sehr mich das Gefühl der Scham ob des Andersseins begleitet hat. Das mag daran liegen, dass Scham ein sehr peinigendes Gefühl ist und wir alle dazu neigen, es zu verdrängen. Wir verdrängen auch die Scham, die das Gefühl der Schuld verursacht. Damit mag es zusammenhängen, dass viele Menschen, die mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert werden, dies abwehren. Denn wenn sie sich eingestehen würden, dass sie rassistisch gedacht und gehandelt haben, dann würden sie sich schuldig fühlen, was wiederum ein Gefühl der Scham hervorriefe.

Erst als Erwachsene habe ich angefangen, über schambesetzte Situationen nachzudenken und meine Schlüsse daraus zu ziehen. Meine Eltern haben das eher nicht getan. Jedenfalls haben sie mit mir darüber nie sprechen können. Gefühlt haben müssen sie es aber auch. Zum Beispiel, wenn ich als Kind für sie beim Arzt oder auf dem Amt dolmetschen musste, weil ihre Sprachkenntnisse nicht ausreichten. Ich habe mich damals doppelt geschämt: für das schlechte Deutsch meiner Eltern und für meine Überlegenheit in solchen Situationen. Die Fachwelt spricht in diesem Fall von Parentifizierung und Kompetenzscham. Der Gebrauch einer fremden Sprache birgt Fehler, die man macht und die offenbar werden, eine Quelle von Kompetenzscham, erklärt der Aachener Psychoanalytiker Micha Hilgers, der mit Scham. Gesichter eines Affekts ein Standardwerk zu diesem Thema verfasst hat. Sich nicht richtig vermitteln zu können, dem eigenen emotionalen Erleben nicht die rechte Ausdrucksform verleihen zu können, lasse den fremdsprachigen Migranten Einsamkeit und Isolation fühlen, wenn er sich nicht mit seinesgleichen in Ghettos abschotte.

Bilden sich also Parallelgesellschaften aus Scham? Durchaus möglich. Denn es ist sehr unangenehm, wenn man die Codes der Mehrheitsgesellschaft nicht kennt und sich deplatziert fühlt. Diese Zeichen kann man sich nicht anlesen, die kann man nur lernen, indem man sie lebt. Und wenn das nicht klappt, dann sucht der Mensch sich ein Umfeld, wo er Traditionen, Werte und Umgangsformen und vor allem die Sprache kennt und sich verstanden fühlt.

So war das auch bei meinen Eltern. Die Deutschen machten ihnen kaum Angebote. Und meine Eltern ihrerseits waren ebenfalls zögerlich. Ich vermute, sie schämten sich für das, was sie nicht zu bieten hatten.

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