Wirtschaftsflüchtlinge

Ein bedingungsloses Ja zu den christlich-abendländischen Werten

Ok-Hee Jeong und ihre zwei Geschwister waren drei, fünf und acht Jahre als ihre Eltern sie in Korea ließen und nach Deutschland zogen. Das war in den 70ern. Heute würde man sie als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen und nicht haben wollen.

Von Ok-Hee Jeong Dienstag, 03.02.2015, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 08.02.2015, 11:54 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |   Drucken

Als meine Eltern uns, ihre drei Kinder, verließen, waren wir gerade mal drei, fünf und acht Jahre alt. Sie verließen uns, weil sie uns liebten.

Südkorea war nach jahrzehntelanger japanischer Kolonialherrschaft und durch den Koreakrieg in Schutt und Asche gelegt, und in den siebziger Jahren gehörte Südkorea zu den ärmsten Ländern der Welt. Meine Eltern hatten gerade mal die High-School abschließen können. Studieren war nicht möglich, weil kein Geld dafür vorhanden war. Schulbildung war Luxus. Es ging nur ums Überleben. Es waren entbehrungsvolle Tage, es waren Tage ohne Hoffnung auf die Zukunft. Gott sei Dank gab es aber ein Anwerbeabkommen zwischen Südkorea und der damaligen BRD; die Möglichkeit als Gastarbeiter nach Deutschland zu gehen, war eine ungeahnte Möglichkeit für meine Eltern und ihre Großfamilie. Zuerst flog mein Vater nach Deutschland. Halbes Jahr später folgte ihm meine Mutter. Mein Vater sagte zum Abschied: „Ich werde mit viel Geld nach Hause zurückkommen.“ Meine Mutter sagte zum Abschied: „Ich werde ganz bald zurückkommen.“

Ganz bald. Wie viele Tage bedeuteten „ganz bald“ für meine dreijährigen und achtjährigen Brüder? Wie viele Tage kannte ich wohl mit meinen fünf Jahren? Vielleicht habe ich damals die Nächte an meinen kleinen zehn Fingern abgezählt. Ein Finger für eine Nacht, ein zweiter Finger für eine weitere Nacht, dann noch ein weiterer Finger, noch ein weiterer Finger …

Die zehn Finger abzuzählen muss für mich bestimmt wie eine Ewigkeit angefühlt haben. Aber meine Eltern kamen auch nach dieser Ewigkeit nicht wieder. Nicht nach zehnmal schlafen, nicht nach hundertmal schlafen, nicht nachdem der Winter vorbei war und der Frühling kam; auch dann nicht, als nach den langen Monaten wieder der kalte Winter zurückkam; sie kamen auch dann nicht, als es wieder tonlos Frühling wurde, der schwüle, zähe Sommer sich langsam in den Herbst windete und als dieser Herbst, der in meinen Augen keine Farben mehr trug, wieder nur stumm in den kalten Winter mündete.

Als ich Mutter eines Kindes wurde, fragte ich mich, wie es meiner Mutter damals ergangen sein muss, sich von ihren kleinen Kindern zu trennen. Ich erahne es. Es muss ihr das Herz zerrissen haben. Denn genau das spüre ich an meinem eigenen Mutterherzen.

Als ich im Jahre 2011 der Einladung des Thüringer Ministeriums für Soziales, Familie und Gesundheit folgte, während der Interkulturellen Wochen mein Theaterstück aufzuführen und Lesungen mit meinen Kurzgeschichten zum Thema Migration zu halten, weilte ich für einige Tage in Erfurt und Ilmenau, war in Jena und Gera, und besuchte dazu noch die abgelegenen kleinen Ortschaften in Thüringen, an deren Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann.

Tief in Thüringen einzutauchen, in den kleinen Dörfern und Städten zu gelangen, war für mich, die aus dem Westen kam, spannend. Die Menschen, denen ich begegnete, waren freundlich. Aber die Orte fühlten sich für mich nicht heimisch an. Es war ein anderes Deutschland, als das ich vom Westdeutschland kannte. Es fühlte sich seltsam anders an. Vielleicht lag es daran, dass überall eine gewisse Mutlosigkeit und Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit zu spüren war. Überall, wo ich ankam, war es mehr als augenscheinlich, dass es sehr viele hoch betagte Menschen gab, aber wenig junge Menschen. Die Binnenwanderung von Ost nach West, die nach der Wende unaufhörlich stattgefunden hatte, zeigte dort deutlich ihre Folgen. Zurückgeblieben schienen nur die Menschen, die nicht wegziehen konnten oder nicht die Möglichkeit hatten, wegzuziehen, oder einfach Glück gehabt hatten, dort bleiben zu dürfen, weil sie einen Arbeitsplatz hatten. Die Menschen, denen ich in diesen Tagen begegnete, klagten darüber, dass die ganze Wirtschaft dort nach der Wende ausgenommen und zerstört worden sei. Ich spürte ihre Wut und ihre Verbitterung und ihre Ohnmacht.

Ich erinnere mich an eine abendliche Lesung in einer Kleinstadt. Hoch betagte Menschen trudelten in die städtische Bibliothek ein, legten ihre Jacken ab und nach einem kleinen Plausch mit ihren Bekannten, machten sie sich auf den Holzstühlen zurecht und lauschten meinen Kurzgeschichten. Sie hörten aufmerksam und höflich zu, lachten an den lustigen Stellen und blickten betroffen bei den traurigen Stellen, während ich meine Kurzgeschichten vorlas, die von Migration handelten und natürlich auch von der Geschichte über die Trennung von meinen Eltern erzählten, als ich ein kleines Kind war.

Nach der Lesung folgte das Gespräch mit dem Publikum. An jenem Abend fühlten die alten Menschen und ich uns wohl sehr nah. Obwohl wir uns nicht kannten. Obwohl wir scheinbar aus unterschiedlichen Welten kamen. Ich erzählte von meiner Migrationserfahrung; sie erzählten von ihren Geschichten; sie erzählten von der Auswanderung ihrer Kinder und ihrer Verwandtschaft und Nachbarn. Auswanderung nach Westdeutschland oder gar ganz ins Ausland. Denn zu Hause gab es keine Arbeit. Keine Zukunftsperspektive. Sie nickten wissend und sagten wehmütig: „Wer will denn schon gern freiwillig seine Heimat verlassen?“

René, ein Studienfreund aus den neune Bundesländern, erzählt über den Stellenwert der Familie in der DDR: „Zur DDR-Zeit war für uns immer die Familie das allerwichtigste gewesen. Allen anderen konnte man ja nicht trauen. Ich erkläre mir damit den starken Familienzusammenhalt bei uns zu Hause.“

Seiten: 1 2

Zurück zur Startseite
MiGAZIN ABONNIEREN (mehr Informationen)

MiGAZIN wird von seinen Lesern ermöglicht. Sie tragen als Abonnenten dazu bei, dass wir unabhängig berichten und Fragen stellen können. Vielen Dank!

WEITERE INFOS
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. Werner sagt:

    @Tei Fei

    Dass Deutschland wegen des Lohndumpings wettbewerbsfähiger sein soll, ist nur partiell richtig. Es produziert einfach die besseren Güter, Güter die funktionieren, die zuverlässig sind. Das macht es schon seit mehr als 100 Jahren so und das ist der Grund, wieso die Südländer nicht in denselben Währungsraum passen. Ich möchte nur daran erinnern, dass schon Ludwig Erhard gegen einen Währungsverbund war, lange bevor Griechenland bei Europa mitspielen durfte.

  2. Tai Fei sagt:

    Werner sagt: 15. Februar 2015 um 16:53
    „Dass Deutschland wegen des Lohndumpings wettbewerbsfähiger sein soll, ist nur partiell richtig. Es produziert einfach die besseren Güter, Güter die funktionieren, die zuverlässig sind.“
    Das ist grundsätzlich nicht falsch, erklärt jedoch keineswegs den überproportional zulegenden Handelsüberschuss seit den 2000ern. Dt. Produkte sind im Vergleich zu billig. Ohne den Euro, sprich die DM, wäre die längst aufgewertet worden. Deutschland produziert also zu Dumpingpreisen.

    Simon sagt: 15. Februar 2015 um 16:52
    „Sie haben es einfach nicht verstanden: Was hilft es Ihnen, wenn der Chef einen Porsche fährt, sein Unternehmen aber tiefrot in den Zahlen ist? Was hilft Ihnen ein glänzender Haushalt, der nur zustande kommt, weil die Wirtschaft und die Bürger auf Pump leben? So etwas soll ein “Vorbild” sein? Dass ich nicht lache.“
    Doch genau diese Länder wurden vor 2008 zum großen Vorbild erklärt, da können Sie ruhig lachen. Suchen Sie doch mal die alten Artikel aus dieser Zeit.
    Im Übrigen hinkt ihr Bsp. mit Porsche deutlich. Volkswirtschaften funktionieren nicht so wie betriebswirtschaftliche Einrichtungen. Aber das lernen die „Weisen“ ja heute nicht mehr.

  3. Timo sagt:

    @Tei Fei Ohne den Euro hätte sich Deutschland gewaltige Transferleistungen gespart, Gelder, mit deren Hilfe man die Wettbewerbsfähigkeit hätte steigern können. Dass Deutschland zu „Dumpingpreisen“ produziert ist falsch. Da produzieren die Asiaten schon viel billiger. Deutschland produziert nicht „billig“, weil wir einen Niedriglohnsektor haben, sondern weil der Euro eine ökonomische Leistungsparität vorgaukelt, die es nicht gibt. Das macht die Arbeit aber deshalb nicht wirklich „billig“.
    Ihren Standpunkt verstehe ich im Übrigen nicht, einmal plädieren Sie für das Schuldenmachen, dann mal wieder nicht. Was denn nun?

  4. Tai Fei sagt:

    @Timo
    Ich habe nicht gesagt, dass DE billig sondern ZU BILLIG produziert. Solange Sie wichtige Kennzahlen wie z.B. Lohn-Stück-Kosten ignorieren, reden wir völlig an einander vorbei.
    Ferner sollten Sie sich fragen, was letztendlich der Zweck der Transferleistungen ist, setzten Sie mal bitte diesen unser Ausenhandelsüberschuss gegenüber, dann bekommen Sie vielleicht eine Ahnung wozu die „gut“ sind.
    Im Übrigen geht es auch nicht primär um die Problematik Schulden oder nicht, sondern um den Fakt, dass eine Volkswirtschaft nach anderen Regeln funktioniert als betriebswirtschaftliche Einheiten. Volkswirtschaftlichen Investitionen werden auch durch Schulden finanziert. Kein Mensch kommt aber auf die Idee, dass der Ausbau von Infrastruktur sinnlose Ausgaben sind.

  5. Simone sagt:

    @Tei Fei Deutschland produziert nicht zu billig, sondern „unterbewertet“ seine Waren. Das ist ein fulminanter Unterschied. Eine Volkswirtschaft funktioniert keineswegs nach anderen Regeln. Dass der Staat nicht pleite gehen kann, ist ein weit verbreitetes Märchen aus Gewerkschaftsküchen. Im Übrigen finanzieren wir ja über unsere Schulden nur noch bedingt die Infrastruktur. Unsere Straßen sind marode, unser Stromnetz ist marode, die Bundeswehr ist marode, aber der Sozialstaat ist gut versorgt.

  6. Tai Fei sagt:

    Simone sagt: 17. Februar 2015 um 09:30
    „Deutschland produziert nicht zu billig, sondern “unterbewertet” seine Waren. Das ist ein fulminanter Unterschied. Eine Volkswirtschaft funktioniert keineswegs nach anderen Regeln. Dass der Staat nicht pleite gehen kann, ist ein weit verbreitetes Märchen aus Gewerkschaftsküchen. Im Übrigen finanzieren wir ja über unsere Schulden nur noch bedingt die Infrastruktur. Unsere Straßen sind marode, unser Stromnetz ist marode, die Bundeswehr ist marode, aber der Sozialstaat ist gut versorgt.“

    Und woher kommt wohl die „Unterbewertung“. Selbstverständlich kann ein Staat nicht pleite gehen, er kann lediglich Liquiditätsprobleme bekommen. Dass Volkswirtschaften nach anderen Regeln funktionieren, bzw. nicht „Pleite“ gehen können, sieht man schon daher, dass Firmen, die wirklich pleite gehen verschwinden. Staaten können das nicht. Ist Argentinien etwa vom Globus verschwunden? Wurde es von irgendeinem anderen Land aufgekauft? Natürlich ist unsere Infrastruktur marode, weil wir ja immer weniger investieren. Ist ja auch so gewollt, wir brauchen ja unbedingt einen ausgeglichenen Haushalt. Im Übrigen können Sie froh sein, dass der Sozialstaat vom Rückbau noch halbwegs ausgenommen ist, sonst hätten wir auf unseren Straßen ganz andere Verhältnisse. Der Sozialstaat sichert den sozialen Frieden. Aber vielleicht meinen Sie ja, dass die Mauer um Ihr Grundstück hoch genug ist. Ich sehe auch kein wirkliches Problem darin, dass die Bundeswehr „marode“ ist. Ich sehe keine wirkliche Notwendigkeit hier mehr zu investieren. Greift uns morgen etwa Frankreich an oder Polen? Die Bundeswehr ist eine Verteidigungsarmee in einem vereinten, sozial relativ stabilen Europa. Wir sind nicht umringt von Feinden. Wozu brauchen wir also eine Armee, die kriegsbereit ist?