Bades Meinung

Kulturangst, Willkommenstechnik und Willkommenskultur

Kulturoptimisten, Kulturpragmatiker und Kulturpessimisten erleben den kulturellen Wandel in der Einwanderungsgesellschaft jeweils anders. Willkommenskultur ist hier als Vermittlung hilfreich, greift aber insgesamt noch zu kurz - Prof. Klaus J. Bade kommentiert.

Von Montag, 13.10.2014, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 16.10.2014, 17:09 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |   Drucken

Sie können aber keinen Ersatz bieten für zwei Mängel außen und innen: Nach außen hin fehlt noch immer ein hinreichendes Zu- bzw. Einwanderungsmanagement unter Einbeziehung auch der deutschen Auslandsvertretungen. Im Innern fehlen nach wie vor auf die Kollektivmentalitäten in der Einwanderungsgesellschaft zielende gesellschaftspolitische Visionen und Konzepte, denn: Gelebte Willkommenskultur muss mehr sein als eine Verbindung von attraktiver Außenwerbung und freundlichen Begrüßungsritualen am Hauseingang. Im Gegensatz zu Willkommenstechnik muss Willkommenskultur auch das Innenleben im gesellschaftlichen Haus verändern.

Dabei geht es einerseits um den Umgang mit schon über Generationen im Land lebenden Einwanderern, insbesondere wenn sie aus muslimischen Familien mit türkischem Migrationshintergrund stammen. Auch hier geht es um die Akzeptanz von sozialem und kulturellem Kapital als begrüßenswerte Investitionen in die Einwanderungsgesellschaft.

Es geht andererseits um die in der Diskussion um Migration und Integration oft vergessene Mehrheitsbevölkerung, also um die Deutschen ohne Migrationshintergrund.

Für beide Seiten brauchen wir ein neues, Zusammenhalt förderndes Selbstverständnis der Einwanderungsgesellschaft als ideelle Grundlage einer teilhabeorientierten Gesellschaftspolitik für alle.

Dazu gehört eine Mehrheits- und Einwandererbevölkerung mental zusammenbindende große gemeinsame Erzählung (N. Foroutan), die Einwanderung als konstitutives Element in der Bevölkerungs-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte Europas und Deutschlands verankert.

Dieses neue, Zusammenhalt in der Einwanderungsgesellschaft fördernde Selbstbild sollte auf verständliche Weise in allen öffentlichkeitswirksamen Bereichen kultursensibel vermittelt und gelebt werden – von der vorschulischen Erziehung über Schulen und Betriebe bis zur kultursensiblen Altenpflege.

Selbstbilder klassischer Einwanderungsländer
Auch die klassischen Einwanderungsländer haben kollektivmentale Bindungsformeln oft erst spät nachgeführt und verankert:

Der Schlüsselbegriff im Selbstbild der Vereinigten Staaten als ‚Nation of Immigrants‘ stammt erst aus den 1960er Jahren mit ihren das Land spaltenden Rassenkonflikten.

Und in Kanada fand die diversitäre Inklusionsformel ‚Vielfalt ist unsere Stärke‘ (‚Diversity is Our Strength‘) erst in den 1980er Jahren Eingang in die politische Kommunikation.

Ganz zu schweigen von Australien mit seinem späten Bekenntnis zu Einwanderung als Lebensfrage (‚Populate or Perish‘), wobei der von gewaltigen Medienkampagnen begleitete Versuch, von der Politik des ‚weißen Australien‘ auf Multikulturalität umzustellen, nach Anfangserfolgen zu erheblichen Problemen führte.

Orientierungshilfen in der Einwanderungsgesellschaft
Das dauerhafte Ausbleiben eines belastbaren, Einwanderer- und Mehrheitsbevölkerung einschließenden Selbstbildes kann mentale Defizite, soziale Spannungen und letztlich Strukturkrisen in der Einwanderungsgesellschaft fördern:

In der Einwandererbevölkerung könnte, besonders unter jüngeren, in ihrem Identifikationsbedarf perspektivlosen Menschen die Anfälligkeit für radikale Ersatzidentitäten mit simplen binären Orientierungsangeboten wachsen.

In der Mehrheitsbevölkerung könnte, trotz insgesamt zunehmender Akzeptanz von Zuwanderung und kultureller Vielfalt, die Zahl derer wachsen, die sich übergangen fühlen und sich deshalb vernehmlich oder gar aggressiv gegen ‚Überfremdung‘ wenden.

Der internationale Vergleich mit der Entwicklung einwanderungs- bzw. fremdenfeindlicher Strömungen in anderen europäischen Einwanderungsländern sollte hier eine Warnung sein, zumal entsprechende Entwicklungen auch hierzulande schon in Gang gekommen sind.

Stattdessen funktioniert die öffentliche und politische Inszenierung von Willkommenskultur in Deutschland oft eher als selbstgefällige Übertünchung von hinter dieser Willkommensfassade liegenden, in Umfragen immer wieder ausgeleuchteten Problemfelder und Spannungszonen, die schlicht das Gegenteil von Willkommenskultur sind.

Dabei geht es besonders um teils diffuse, teils gruppenbezogene Abwertungen und Abwehrhaltungen. Sie zeigen sich heute besonders in antiislamischen bzw. antimuslimischen Dispositionen, in der teils latenten, teils offenen Sozialverachtung und insbesondere antiziganistischen Aggressivität gegenüber sogenannten Armutswanderern sowie in der sprunghaft gestiegenen Abwehrhaltung gegenüber Flüchtlingen und Asylsuchenden.

Diese und andere gruppenbezogenen Abwertungen und Abwehrhaltungen belegen zahlreiche umfragegestützte Untersuchungen, zuletzt die neue ‚Mitte‘-Studie der Universität Leipzig und die Studie des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. So betrachtet ist der Weg zu gelebter Willkommenskultur noch weit.

Politische Gestaltung und öffentliche Wahrnehmung
Die Diskussion um ‚Willkommenskultur‘ ist jedenfalls ein wichtiger Schritt, um eine auffällige Asymmetrie im Verhältnis von politischer Gestaltung und öffentlicher Wahrnehmung zu entzerren:

Jahrzehntelang eilte in Deutschland die öffentliche Diskussion um Einwanderungsland und Einwanderungsgesellschaft der nachhinkenden politischen Gestaltung voran. Das hat sich in Teilen der Öffentlichkeit heute tendenziell umgekehrt.

Die aktive politische Gestaltung und deren legislative Rahmung im Bereich der bedarfsorientierten Zuwanderungspolitik – im Gegensatz zur Asyl- und Flüchtlingspolitik – scheint in der erst langsam nachrückenden öffentlichen Wahrnehmung teilweise noch gewöhnungsbedürftig zu sein. Die Folgen sind bereichsweise kulturelle Ängste, politischer Protest und eine wachsende Anziehungskraft demagogischer Parolen.

Umso dringlicher ist es, dass die bedarfs-, also marktorientierte, genauer gesagt arbeitgeberorientierte Zuwanderungspolitik ihr übergeordnetes Pendant findet in einer teilhabeorientierten Gesellschaftspolitik für alle, getragen von einem Zusammenhalt fördernden visionären Selbstbild der demokratischen Einwanderungsgesellschaft. Ohne ein solches gesellschaftspolitisches und ideelles Fundament wäre Willkommenskultur nur ein Schmiermittel für die Maschinerie der bedarfsorientierten Zuwanderungspolitik.

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