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Bade, Klaus J. Bade, Prof. Bade, Klaus Bade
Prof. Dr. Klaus J. Bade, Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) 2008-2012

Bades Meinung

Zehn Thesen zum ‚Großen Palaver‘ über Willkommenstechnik, Willkommenskultur und teilhabeorientierte Gesellschaftspolitik.

Klaus J. Bade hat das 'Große Palaver' über Willkommenskultur auf verschiedenen Ebenen von Diskussion und praktischer Erprobung beobachtet. Sein Ergebnis: Meist geht es um das, was er nur Willkommenstechnik für Neuzuwanderer nennt. Der Weg zu Willkommenskultur als Leitkonzept einer teilhabeorientierten Gesellschaft aber ist noch weit. Bades Thesen gehören zu seinem Festvortrag zum 50jährigen Jubiläum der Otto Benecke Stiftung in Bonn am 12.3.2015.

Von Donnerstag, 12.03.2015, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 27.03.2015, 23:57 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Willkommenskultur ist ein wichtiger und nötiger Spurwechsel im politischen und öffentlichen Diskurs. Jenseits von konkreten und erfolgserprobten Diversity-Konzepten für Unternehmen, Verwaltungen und Behörden (Willkommenstechnik) ist Willkommenskultur als gesellschaftspolitisches Konzept aber noch ein wolkiger Orientierungsrahmen mit unklaren Konturen und erheblichem Verbesserungs- und Ergänzungsbedarf:

1. Willkommenskultur ist ein politisch gewolltes, top down gestiftetes Elitenkonzept (F. Heckmann). Bottom up aber wächst Kultur- und Fremdenangst, die durch Willkommenskultur geschönt, aber nicht aufgefangen werden kann.

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2. Willkommenskultur ist ein demo-ökonomisch motiviertes Zuwanderungskonzept und ölt als solches in erster Linie die bedarfsorientierte, d.h. arbeitsmarktorientierte, d.h. vorwiegend arbeitgeberorientierte Eingliederungsmaschinerie für qualifizierte Neuzuwanderung.

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3. Willkommenskultur kommt meist nicht über Willkommenstechnik mit freundlichen Eingliederungshilfen für erwünschte Neuzuwanderer hinaus, abgesehen von begrenzten kommunalpolitischen Initiativen und zur Zeit erst erprobten amtlichen, aber über die behördliche Dimension hinausgreifenden Konzepten (z.B. ‚Anerkennungs- und Willkommenskultur‘-Großprojekt des BAMF).

4. Die politische Inszenierung von Willkommenskultur hat sogar eine indirekt gruppenbezogene Selektionsfunktion: Sie macht unausgesprochen klar, dass Gruppen wenig oder gar nicht erwünscht sind, die nicht zu den Adressaten von Willkommenskultur zählen und anstelle von Willkommensgrüßen mit einseitigen Anpassungsforderungen konfrontiert werden.

Die politische Inszenierung von Willkommenskultur richtet sich zum Beispiel dezidiert nicht an explizit unwillkommene, aber aus europarechtlichen Gründen ebenfalls zu akzeptierende Zuwanderer wie etwa die sogenannten ‚Armutswanderer‘ aus Südosteuropa.

Die politische Inszenierung von Willkommenskultur richtet sich – trotz einzelner Verbesserungen der insgesamt nach wie vor bewusst abschreckenden Lebensbedingungen – erst recht nicht an die Adresse von Asyl oder doch Schutz suchenden Flüchtlingen, abgesehen von einzelnen bevorzugten Gruppen oder Kontingenten, im Gegensatz zu der breiten, aus der Bürgergesellschaft kommenden Bewegung zur Flüchtlingshilfe.

5. Willkommenskultur für Neuzuwanderer geht aber auch an der schon mehrere Generationen im Land lebenden Einwandererbevölkerung vorbei und kann dort sogar als weiterer Beitrag zur Zurücksetzung und Benachteiligung erfahren oder doch empfunden werden.

6. Willkommenskultur hilft zugleich wenig gegen angstgeborene Abwehrhaltungen gegenüber Zuwanderern und Asylsuchenden in der Mehrheitsbevölkerung; denn Mentalitäten ändert man nicht durch freundlichere Umgangsformen.

7. Konzepte für Willkommenskultur operieren, wie appellativ formulierte sozialtechnologische Konzepte der Integrationspolitik (‚Integrationsland‘), im Vorfeld der für die Einwanderungsgesellschaft nötigen teilhabeorientierten Gesellschaftspolitik für Alle, d.h. mit wie ohne den sogenannten Migrationshintergrund.

8. Trotz insgesamt verhalten zunehmender Akzeptanz von Zuwanderung und kultureller Vielfalt fehlt in der Einwanderungsgesellschaft ein konsensuales und inklusives Selbstbild mit kollektiven Erinnerungen (‚Narratio‘) an kulturelle Herkunft und Zusammenwachsen von Mehrheitsbevölkerung und Einwandererbevölkerungen und mit Visionen für die gemeinsame Zukunft (N. Foroutan). Willkommenskultur als Elitenkonzept von oben ist kein Ersatz dafür.

9. Ohne teilhabeorientierte Gesellschaftspolitik für Alle und ohne ein konsensuales und inklusives Selbstbild der Einwanderungsgesellschaft könnte

in Kreisen der Einwandererbevölkerung, insbesondere unter jüngeren Menschen, das verbreitete und begründbare Gefühl unzureichender Akzeptanz und Teilhabechancen ebenso weiter wachsen wie

in Kreisen der Mehrheitsbevölkerung die Angst, ‚Fremde im eigenen Land‘ zu sein, die Anlass werden kann, sich aggressiv gegen vermeintliche ‚Überfremdung‘ zu wenden.

Daraus resultierende Spannungen könnten zusammen mit zusätzlichen, von innen (‚Islamkritik‘) und von außen (‚Islamischer Staat‘) geförderten Sozial- und Kulturängsten den sozialen und kulturellen Frieden in der Einwanderungsgesellschaft gefährden.

10. Wir könnten auf der diskursiven Suche nach einer inklusiven konsensualen ‚Narratio‘ mit dem französischen Kulturphilosophen Vincent Cespedes über den Verlust unserer Fähigkeit nachdenken, „Kollektive zu bilden“. Vielleicht sollten wir mit ihm von afrikanischen Kulturtechniken lernen und versuchen, den „Zaubertrank“ zu finden, mithilfe dessen man das kollektive „Wir“ wiederfinden kann. Cespedes meint damit das afrikanische „Große Palaver“: Es kann sehr lange dauern, muss aber mit konsensualen und inklusiven Leitorientierungen enden. Die stehen dann für alle Beteiligten nicht mehr zur Disposition – bis vielleicht ein neues „Großes Palaver“ andere Leitorientierungen bringt. Um das ‚Große Palaver‘ ergebnisorientiert und nachhaltig zu strukturieren, könnte auf der Bundesebene eine Leitbild-Kommission oder die von der Jungen Islamkonferenz ins Gespräch gebrachte Enquete-Kommission nützlich sein.

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