Theaterkritik

Ein Drama vergeblich gewonnener Kämpfe und anders sinnloser Siege

An Rettet-die-Welt-Ideen mangelt es im Haus des Wissenschaftlers Protassow nicht. Dort geben sich die Bildungseliten die Klinke in die Hand, um über die Zukunft der Menschheit zu debattieren. Die Klasse als Patient – Nurkan Erpulat inszeniert Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ am Berliner Maxim Gorki Theater.

Von Freitag, 24.01.2014, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 08.08.2016, 10:51 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

An ihrem Besen soll die Welt genesen. Die Greisin vollendet den Schick von Mütterchen Russland. Sie macht sich Laune, Antonowna (Sema Poyraz) fegt, summt und singt türkisch. So nimmt ein altrussisches Drama seinen Anfang als Kommentar zur deutschen Gegenwart. Die Kinder der Sonne erscheinen später, dann bringen sie das Hochgespannte zur Sprache. In den Vorhöllen ihrer Exklusivität greift zugleich die Cholera um sich.

Arbeiter stehen für die Sonnenkinder gerade. Sie halten Kronleuchter mit Stricken an der Decke. Das sieht aus, als würde einer neben den anderen gehängt. „Die Gehängten“ von Goya als Allegorie in der Leuchtkörperabteilung.

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Ihre stumme Präsenz löscht die Arbeiter aus. Sie gehören zu den Dingen auf der Bühne. Manche Dinge haben mehr Text als die Arbeiter. Grau sind sie, und wenn sie sich erheben, dann ist das grauenhaft.

Die Erhebung im Stück spielt auf den Petersburger Blutsonntag von 1905 an. Beherrscht wird die vorrevolutionäre Phantasmagorie von Páwel Fjódorowitsch Protássow. Den Wissenschaftler spielt Thomas Wodianka als hätte er alles im Griff und in jedem Fall die Deutungshoheit. Obwohl seine Einschätzungen viel verfehlen. Er unterschätzt die Choleragefahr, der Mut verlässt ihn. Er riskiert die Infizierung seiner Frau. Doch seine Klasse überlebt Epidemien und Revolutionen. Insofern steht da ein Sieger der Geschichte.

Páwel Fjódorowitsch funktioniert als charismatische Zentrale. Man bewundert ihn. Noch wohnt er herrschaftlich, die Lampen zeigen das an. Er lebt in Gemeinschaft mit seiner kindlichen Schwester Lísa (Marina Frenk) und der vernachlässigten Gattin Jeléna Nikolájewna. Eben erscheint Jegor. Falilou Seck spielt den saufenden Schlosser mit hartem Schädel. Jegor schlägt seine Frau und soll das lassen und versteht nicht warum. Da sie doch gar kein Mensch ist, trotzdem er sie liebt. Er versteht nicht warum, da er doch selbst immer Dresche bezogen hat. Man erwartet von Páwel Fjódorowitsch, dass er energisch wird: „Väterchen, sprich du mit dem Lumpen und frage ihn, was er anstellt. Warum er gestern seine Frau bis aufs Blut geprügelt hat?“

Doch Páwel Fjódorowitsch fühlt sich strapaziert, seine Liebe zur volkstümlichen Einfalt bleibt abstrakt. Konkret sind seine Beziehungen zu Bohnen. Mit dem Gemüse experimentiert er. Der Biochemiker plädiert für den Eingriff des Menschen in die Natur, wo immer sich die Möglichkeit einer Optimierung bietet. Ganz Apologet der Biotechnologie spielt er mit Basilikum in Töpfen.

Antonowna war Amme. Das steckt im Blut: „Lisonjka, du mußt jetzt deine Milch trinken.“

Antonowna liest Lísas Bruder die Leviten: „Was Jeléna Nikolájewna betrifft, so kann ich doch sagen, ich an ihrer Stelle hätte längst mit einem anderen angebändelt.“

Der Privilegierte nennt Antonowna eine „merkwürdige Alte. Unsterblich wie die Dummheit und ebenso lästig.“

Er scheitert in jedem Realitätstest. Seine Frau hielte am liebsten zu ihm. Sesede Terziyan spielt Jeléna Nikolájewna im Zustand hellenischer Überlegenheit. Sie verweigert ihren Vorsprüngen das Recht, sich zu sehr bemerkbar zu machen. Jeléna und Pawel überzeugen als kühles Paar.

Dimítrij Sergéjewitsch Wágin findet in sich die Bereitschaft, an dieser Ehe zu rütteln. Er betet Jeléna an, sie leitet den Energiefluss um. Dimítrij Sergéjewitschs Liebe soll ihr die Aufmerksamkeit ihres Mannes bringen.

Weitere Termine: Das Stück „Kinder der Sonne“ wird im Maxim Gorki Theater an folgenden Terminen aufgeführt:
Mi, 29.01.14 um 19:30 Uhr
So, 09.02.14 um 18:00 Uhr
Fr, 21.02.14 um 19:30 Uhr

Dimítrij Sergéjewitsch durchschaut die Schöne: „Wie überlegen Sie reden! Aber aus Ihren Worten spricht doch die Seele einer Sklavin … Sie bringen sich zum Opfer … wem? Einem Menschen, der das Leben in dem dumpfen Bemühen, seinen Ursprung zu finden, vertrödelt! Eine alberne Idee! Er dient dem düsteren Tode … und nicht der Freiheit, nicht der … Freude.“

Bóris Nikolájewitsch Tschepurnói (Till Wonka) tritt auf. Der zynische Pferdedoktor verehrt Lísa, vorerst möchte sie von ihm wenig wissen. Bóris Nikolájewitsch sondert seinen sauren Senf ab. Er ist nicht sehr solvent, wenn er einmal aus der Rolle fallen soll. Außer Gattungsverachtung hat er nichts. Man erklärt die Verachtung mit seiner Erfolglosigkeit. Seine Schwester Melánija ist scharf auf Protássow. Sie idealisiert den Wissenschaftler, will ihn kaufen: „Ich baue Ihnen ein Labor vom Feinsten.“

Mareike Beykirch spielt Melánija rummelgrell. Ihr Job ist die Klamotte. Fummelig klammert sie sich an die Lichtgestalt. Sie betont ihre Dummheit. So dumm kann kein Mensch sein. Also, das ist sie: kein Mensch.

Ein Kaufmann steht Páwel Fjódorowitsch auf den Füßen. Er schlägt vor, dass der Chemiker sich praktischen Angelegenheiten wie der Zucht exotischer Früchte zuwendet. Kiwis langweilen den Geniedarsteller. Páwel Fjódorowitsch möchte den Menschen mit veredeltem Gemüse befreien. Der „befreite Mensch“ soll endlich an sich selbst die Apotheose vollziehen.

So unterhält man sich in einer überholten Gesellschaft. Das Volk rottet sich zur Arbeitsunterbrechung zusammen, der Hammer fällt beim ersten Pausenton. Auf der Bühne wird nur noch nach Tarif geraucht – „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“ Das Lied geht weiter: „Deiner Dränger Schar erblasst.“ Doch blass bleiben allein die Arbeiter. Der zweite Volksauflauf verdankt sich dem Gerücht, Páwel Fjódorowitsch habe der Cholera zum Ausbruch verholfen. Jegor führt die Umzug an, er scheitert mit den Worten: „Ich wollte sowieso gerade gehen.“ Vielleicht wird seine Zeit nie kommen. Erpulats Diagnose stellt den sozialen Tod eines Klassenpatienten fest.

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