Theater

Mutanten erster Güte

Brüche und Neuanfänge ziehen sich durch die Biografien der Protagonisten. Die Familiengeschichten sind geprägt von der Zerbrechlichkeit der Welt: von kollabierenden privaten, politischen und gesellschaftlichen Systemen - Yael Ronen inszeniert Olga Grjasnowas Romandebüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ am Berliner Maxim Gorki Theater als Transit-Affäre.

Von Freitag, 13.12.2013, 8:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 08.08.2016, 10:51 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Im Roman trifft Mascha aus Baku Sami aus Beirut in einer Frankfurter Apfelwein/Ebbelwoi-Gaststätte. Die Realität des Theaters kehrt lokale Feinheiten in die Ritzen der Sockelleisten. Probensprache war Englisch, Yael Ronens Mascha ist daheim im Polyglott der Global Trainee. Sie weiß, wie man zu einem Praktikum in Israel kommt, nicht aber, was eine Streuobstwiese ist. In Ronens Adaption fließt der Main in die Spree.

Die Szenen kommen in Kapiteln auf die Bühne. Jedes Kapitel wird von Cem besungen. Dimitrij Schaad spielt Cem als würden sich Johnny Cash und François Villon in einer Person begegnen. In meiner Übertreibung steckt Bewunderung. Schaads Cem ist ein als Barde-Karpfen getarnter Hai in internationalen Gewässern. Er trägt in sich einen clash of cultures aus. Das tun alle in diesem Stück. Darum geht es. Da ist Sami, laut Selbstauskunft „1,78 groß, geboren in Beirut, halb Palästinenser, halb Schweizer und ich habe den Großteil meines Lebens in Paris und Frankfurt gelebt.“

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Nennt man Sami Araber, wundert er sich. Er hält sich für einen Mutanten erster Güte, für etwas ganz Spezielles. So spielt ihn Thomas Wodianka, so kritisch, soweit es Kuhmilch im 21. Jahrhundert betrifft. Er ist der Virile mit einer Wohnung in Brooklyn, aber keinem Visum für USA. Mascha lässt sich wieder mit ihm ein, das heißt, die beiden haben eine gemeinsame Premiumvergangenheit. Ja, Mascha, die in mancher Hinsicht Großartige. Beherrscht fünf Sprachen und kennt sich aus in Moskau, Brüssel, Wien und Warschau. Zurzeit und seit drei Jahren kann sie gut mit Elias. Der Sohn eines Thüringers erscheint als Schönheit unter Männern. Knut Berger spielt Elias verlegen von Maschas Ungestüm. Widerwillig kommt er ihr auf die Schliche. Er ist der Redliche im Spiel. Ein Mann von klarer Intelligenz. Hätte besser eine andere als Mascha mit seiner Liebe überzogen. Ja, Mascha. Als der Krieg im Baku ihrer Kindheit die Türen aus den Angeln hob, ist sie sieben. Als Pogromopfer und „jüdischer Kontingentflüchtling“ gerät sie in den Westen.

Wer ist Mascha? Was ist man als jüdische Russin aus Aserbaidschan in Frankfurt am Main? Oder sonst wo in Deutschland?

Mascha hat fünf Sprachen, wie gesagt. Arabisch gehört dazu. Hebräisch nicht. Wie Sami kein Araber sein kann, so dreht Mascha ihr Jüdischsein im Kreis. Sie wäre lieber mehr Mainstream, obwohl sie das gewiss keinen Tag lang aushielte.

Anastasia Gubareva spielt Mascha so, dass Fragen auftauchen. Hält sie sich Elias als Fixpunkt in einer Welt voller Imponderabilien? Fährt sie auf Sami ab, weil der so spannend verworren ist wie sie selbst? Anastasia Gubarevas Spiel trifft der Nägel Köpfe, wie sie sich auch verbiegen. Man kann Mascha nicht ausweichen. Während sie proper verdrängt. Das ist ein Merkmal der Pioniere. Sie delegieren traumatische Erfahrungen.

Elias muss ins Krankenhaus, an sich keine große Sache. Ungeschick am Ball garantiert Beinbruch. Bisschen später ist er tot, und Mascha fühlt sich schuldig. Keine Bombe fällt auf die Erde, ohne dass Mascha nicht ein schlechtes Gewissen bekäme, behauptet Cem.

Termine: Karten für „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ im Maxim Gorki Theater in Berlin und im Thalia Theater in Hamburg gibt es hier.

Mascha, Cem und Sami besuchen den Thüringer in seinem Kuckucksuhrenheim zu Apolda. Elias’ Vater staubt täglich sechsunddreißig Vogelkästen ab. Kamen alle als väterliches Erbe und viel Arbeit auf ihn. Tim Porath spielt den Thüringer aka Horst mit künstlichem Bauch. Porath hat noch mehr Aufgaben, als Arzt aus Leidenschaft kuriert er seine zitternden Hände gekonnt mit Bier. Als Thüringer Erbe von sechsunddreißig Kuckucksuhren sagt Horst: „Sehr anstrengend, sie genau zu halten. Sie müssen immer aufgezogen werden. Das dauert.“ Nun will er den Sohn in heimatlicher Erde begraben. An dieser Stelle bricht Streit aus. Hier geht der kulturelle Dissens auf keine Kuhhaut. Der schwule Cem mit seinen türkischen Eltern hält sich für deutsch und will mitreden. „So was gibt’s nicht“, weiß Horst bestimmt: „Ein schwuler Moslem? Der ist doch nicht deutsch!“ – Und dann noch dieser allergische Araber, der Reismilch im Kaffee gern hätte. Aus der Reismilch wird „Reichsmilch“, und aus der Kondolenzkonferenz Krawall.

Am vorläufigen Ende richtet sich eine Birke auf. Sie beherrscht das Bühnenbild von Magda Willi. Ganz am Ende ergibt sich für Mascha in Israel ein gleichgeschlechtliches Verhältnis. Da sie sich in dieser Verbindung „so normal“ vorkommt. Ihre größte Sehnsucht – normal zu sein. Dabei ist Mascha jetzt nicht einmal mehr erotisch stabil orientiert. Die Birke ist imprägniert, der Zuschauer inspiriert.

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