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Aufbruch voller Widersprüche

Wenn wir glaubwürdig sein wollen…

Warum leben in der Türkei, die über 1000 Jahre christlich geprägt war, nur noch ca. 100 Tausend Christen und was hat die Situation in der Türkei mit den Türkeistämmigen in Deutschland zu tun? Ein Plädoyer von Müzeyyen Dreessen nach einer Kultur- und Dialogreise.

Von Müzeyyen Dreessen Mittwoch, 13.11.2013, 8:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 18.11.2013, 21:51 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Ein Land im Aufbruch, voller Widersprüche. So erlebten etwa 20 Teilnehmer einer Gruppe aus dem Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten und weit darüber hinaus wie Berlin, Hamburg, Dormagen bis Österreich den äußersten Osten der Türkei.

Info: Müzeyyen Dreessen, Mitglied der Christlich-Islamische Gesellschaft (CIG) und seit Jahrzehnten in der christlich-islamischen Dialogarbeit engagiert und Axel Lippek, ehemals Evangelische Erwachsenenbildung, hatten im Oktober 2013 zum 5. Mal eine Kultur- und Dialogreise in die Türkei angeboten. Bei den Reisen werden nicht nur kulturhistorische Stätten besichtigt, sondern auch Gespräche mit Vertretern der Minderheiten und Vertretern der türkischen Gesellschaft geführt.

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Es ging von Trabzon, im Nordosten am Schwarzen Meer, durch ein touristisch kaum erschlossenes Gebiet entlang der Grenze zu Georgien, Armenien, Iran und Syrien bis nach Mardin im Südosten. Nicht nur die Landschaft fasziniert in dieser Region, um die sich einst Weltreiche stritten: Urartäische Burgen, römische Festungen und byzantinische Stadtmauern, armenische Kirchen assyrische Klöster, seldschukische Medresen und osmanische Moscheen sind nur einige der Schätze der Osttürkei. Ohne Übertreibung kann man von Südostanatolien, dem einstigen Obermesopotamien, als einer Wiege der Menschheit sprechen.

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Mitgebrachte Vorstellungen vom rückständigen Anatolien waren schnell dahin. Es tat sich eine jahrtausendealte Kulturlandschaft auf, ein Schmelztiegel der Völker, Kulturen und Religionen, der sich rasant in die Moderne aufmacht. In Städten und Dörfern entstehen neue Gebäude. Die alten, sich endlos steil in Serpentinen über die Berge schlängelnden Wege haben ausgedient. Neue Straßen werden gebaut, Tunnel durchs Gebirge getrieben, vor allem aber Megaprojekte wie Staudämme und Wasserkraftwerke umgesetzt, die eine in Jahrtausenden entwickelte Landschaft und Kultur gründlich verändern werden.

Widersprüchlich waren die Eindrücke auch angesichts der vielfältigen christlichen Denkmäler dieser Region: Ruinen armenischer Klöster, georgischer Kirchen, syrisch-orthodoxer Anlagen, dazwischen der Berg Ararat (5137m). Auf ihm soll nach biblischem Zeugnis die Arche Noah gelandet sein. Beeindruckend waren die Überreste der Stadt Ani, direkt an der armenischen Grenze gelegen und im 10./11. Jahrhundert Hauptstadt des armenischen Königreiches, bewohnt von 100.000 Menschen.

Heute zeugen wenige Ruinen von der einstigen Pracht dieser durch mehrere Erdbeben zerstörten und seit Jahrhunderten verlassenen Stadt. Ani wird wohl weiter verfallen; denn – so der türkische Reiseleiter – in der Türkei gibt es so viele historische Baudenkmäler, dass der Staat nicht alle erhalten kann.

Sumela Kloster in Trabzon/Türkei © Müzeyyen Dreessen

Sumela Kloster in Trabzon/Türkei © Müzeyyen Dreessen

Restauriert und gut erhalten waren hingegen u. a. das bekannte, hoch in den Zigana-Bergen am Schwarzen Meer gelegene, griechisch-orthodoxe Sumela Kloster aus dem 5. Jahrhundert; das Meisterwerk armenischer Steinmetzkunst, die Heiligkreuzkirche aus dem 10. Jahrhundert auf der Insel Ahtamar im Van-See und zwei Klöster der syrisch-aramäischen Kirche in der Nähe der Stadt Mardin.

Im Gespräch mit dem Vorsitzenden der „Stiftung Kloster Mor Gabriel“ Kuryakus Ergün, wurde klar, wie prekär die Situation der Christen ist: Nur wenige Dörfer in diesem christlichen Kernland des Tur Abdin, wo noch die Sprache Jesu gesprochen wird, haben noch christliche Bewohner. Die meisten sind nach Amerika und Europa ausgewandert. Jetzt gäbe es viele Flüchtlinge aus Syrien, die bei ihren christlichen Geschwistern Schutz suchen. Skepsis bleibt auch nach der gerade verkündeten Demokratie-Initiative der Regierung Erdoğan, die unter anderem einen langen Rechtsstreit um Land positiv für das Kloster entschied. Nach der Zukunft für die christlichen Minderheiten befragt, antwortete Ergün: „Wir hoffen sehr, dass die Türkei in die Europäische Union aufgenommen wird. Das wäre eine dauerhafte, stabilere Zukunft.“

Aufbruch voller Widersprüche – dies war immer wieder zu erleben. Die Situation für die Minderheiten in der Türkei hat sich in den letzten Jahren etwas verbessert. Aber sie ist immer noch nicht befriedigend, auch für die Kurden, die im Südosten teilweise die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Inzwischen darf in der Öffentlichkeit wieder kurdisch gesprochen werden. Es gibt kurdische Restaurants. Aus den Lautsprechern tönt überall kurdische Musik. Aber die Muttersprache der Minderheiten wird nach dem neu veröffentlichten Demokratiepaket nicht an öffentlichen Schulen, sondern nur in privaten Schulen gelehrt. Es wird eine Minderheit sein, die sich das leisten kann.

Kloster Mor Gabriel in Mardin/Türkei © Müzeyyen Dreessen

Kloster Mor Gabriel in Mardin/Türkei © Müzeyyen Dreessen

In der Stadt Van, am imponierenden Van-See, beobachteten einige Teilnehmer der Gruppe eine Demonstration. Das martialische Polizeiaufgebot – mit modernsten Wasserwerfern, Schutzpanzern und scharfen Kalaschnikows –, das den Demonstranten gegenüberstand, ließ erahnen, mit welcher Brutalität man in der Lage ist, gegen Demonstranten vorzugehen.

Aber diese Demonstration blieb von beiden Seiten friedlich. „Man braucht keine Angst mehr zu haben“, so erzählte eine Reiseteilnehmerin kurdischer Herkunft. Vor zwei Jahren sei dies noch anders gewesen, aber heute herrsche bei den Menschen Aufbruchsstimmung. Im Rückblick auf eine eindrucksvolle Reise verbindet sich damit die Hoffnung, dass der Aufbruch auch das Bewusstsein für den Reichtum des Landes an Geschichte, Religionen und der Vielfalt an Völkern und Sprachen wachsen lässt.

Wir haben im Laufe der Jahre Regionen bereist, wo christliches Gemeindeleben gut möglich ist, weil es wohlwollende Entscheidungsträger gibt, vor allen Dingen in den westlichen Teilen des Landes, wo es internationale Erfahrungen gibt, aber auch Regionen bereist, wo sich Christen nicht trauen, als Christen zu outen. Es fehlt für sie bei vielen Themen die Rechtssicherheit, wie bei Eigentumsfragen, bei Religionsunterricht, Vermitteln ihrer eigenen Sprache oder die Ausbildung von Priestern, um nur einige wenige zu nennen.

Man muss sich fragen, warum in einem Land, das als die Wiege des Christentums bezeichnet wird und das über 1000 Jahre christlich geprägt war, nur noch ca. 100 Tausend Christen leben, welche unnötigen Ängste werden gegen sie immer noch geschürt. Die Priesterschule in Istanbul auf der Marmarainsel Heybeli, die vor gut 40 Jahren geschlossen wurde, ist auch immer noch nicht eröffnet, obwohl die jetzige Regierung das seit Beginn an zusagt.

Wir Türkeistämmigen und unsere großen Dachverbände hier sind sicherlich für die Situation dort nicht verantwortlich, aber wir können unsere Beziehungen und unseren Einfluss für eine freiere Religionsausübung der Minderheiten in unserem Herkunftsland einsetzen. Freie Religionsausübung ist in einer Demokratie ein verfassungsmäßig geschütztes Recht. Zu Recht fordern wir Muslime das in Deutschland und Europa ein, aber wenn wir glaubwürdig sein wollen, sollten wir das auch für unsere christlichen Geschwister in unserem Herkunftsland einfordern.

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