Marcello Buzzanca © Privat, bearb. MiG
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Partiziano

Kopflose Grillotine bald caput?

Italien hat wieder einmal der Welt die Show geklau(n)t und macht sich trotz BBB+ (also Bersani, Beppe und Berlusconi) keinen Kopf um eine hirnlose Kavallerie, die ein finsterer Ex-Finanzminister gerne mit Komikern satteln und über die Alpen schicken würde, um die Stimmen der Italiener in Urnen zu Grabe zu tragen.

Von Donnerstag, 14.03.2013, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 18.03.2013, 21:16 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Die Commedia dell’arte ist ohne den italienischen Dramatiker Carlo Goldoni und dessen Werke nicht denkbar. Besonders das Stück Il servitore di due padroni – der Diener zweier Herren – ist bekannt und wurde u.a. sogar vom deutschen Dichterfürst, Johann Wolfgang von Goethe, 1812 in Weimar inszeniert. Eine der immer wiederkehrenden Hauptfiguren in dieser Form der italienischen Volkskomödie ist Arlecchino, der Harlekin. Er verkörpert die Dualismen von Gut und Böse, Leben und Tod und wandelt sich im Laufe der Entwicklung der Commedia dell’arte zum Moralisten, also praktisch zur Grille eines anderen italienischen Literaturklassikers: Carlo Collodis Pinocchio.

Jetzt ist es gar nicht so einfach, Collodi und Goldoni auseinanderzuhalten und auch der schmale Grat zwischen Komik und Tragik kann einen ja bisweilen an die Grenzen der Balance führen. Gut, dass sich das deutsch-italienische Verhältnis auch und gerade in Zeiten fehlenden Gleichgewichts der Bilingualität herrschender Sprachregulierungen versichern kann. Denn sowohl mit Engelszungen wie auch mit teuflischem Ton reden Europas Fürsten auf die gestiefelten Komiker ein, sie mögen doch jetzt bitte mal eine Regierung bilden.

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Allegrino im Doppelpack
Das doppelte Lottchen (um im Bilde der Dualismen in der deutsch-italienischen Literatur zu bleiben) wird dabei schonungslos benannt – und zwar von einem, der nicht nur alle Hebel, sondern sogar die Kavallerie in Bewegung setzen würde, um Kanzler zu werden. Peer Steinbrück baut ungeachtet seines Nachnamens keine soliden Verbindungen, wie es einst die Römer taten, sondern setzt lieber auf Brüche, besser gesagt auf Wortbrüche. Er nennt Berlusconi und Beppe Clowns und zerschmettert mir damit ein Wortspiel, an dem ich doch so lange gefeilt habe. Ich nämlich wollte beide Allegrini nennen, also eigentlich auch Clowns mit Anspielung auf Arlecchino, den Harlekin mit dem zweiten Gesicht, und mit Hinblick auf das, was in Italien gerade passiert. Das ist nämlich auch ziemlich bilateral fatal. Kein Papst, kein Ministerpräsident. Zwei Kammern (Senat und Abgeordnetenhaus), keine Führung und Einigung in Sicht.

Und dann kommt mir dieser Peerat zuvor mit seiner 2-PS-Rede. Und die Italiener fragen sich: Haben wir uns verhört? Nein, ihr wurdet ABgehört – im Auftrag von Botox-B., der gerade in einer Klinik weilt und sich von einer Bindehautentzündung erholt. Schließlich gingen ihm Augen und Ohren über, als er in erster Instanz zu einem Jahr Haft verurteilt wurde. Während seine Anhänger und allen voran Alessandra Mussolini, für eine gerechte Behandlung des Cavaliere protestieren, sieht dieser sich schon am Kreuz – oder womöglich doch auf dem Heiligen Stuhl? Cavaliere bedeutet übrigens erst einmal schlicht und ergreifend Reiter. Und Reiter braucht es ja, um die Kavallerie zu entsenden. Sonst wäre es ja eine Art Armee der Headless Horsemen oder der Horseless Headsmen

Grillotine nimmt Fahrt auf
Damit sind wir wieder bei den Köpfen, die weder rollen noch rotieren sollen. 2/3 der Italiener sind gegen Neuwahlen und wollen, gemeinsam mit Prominenten erreichen, dass der vom Volk gewählte Haufen aus Ex-Kommunisten, Faschisten und Fäkalkomikern sich zusammenrauft. Unter den Petiteuren (wovon ich denke, es könnte ein gutes Wort für jene sein, die eine Petition einreichen), ist ein anderer Clown, und zwar ein genialer: Roberto Benigni. Der hat übrigens auch mal Pinocchio verkörpert und natürlich viele andere Rollen. Jetzt nimmt er jene eines Wortführers ein, der unter dem Namen Facciamolo! (Lasst es uns machen) die gewählten Repräsentanten des italienischen Volkes zur Höchststrafe verurteilen will: zum Koalieren und Regieren.

In derselben Zeit spekuliert Beppe Grillo darauf, dass Italien de facto schon aus dem Euro raus sei. Denn, sobald die nordeuropäischen Staaten ihre Investitionen in italienische Staatsanleihen wieder reingeholt hätten, würden sie Italien fallen lassen, wie eine heiße Kartoffel. Ob die Kartoffel die Retourkutsche für den Cavaliere (also Steinbrück) ist, bleibt offen. Fest steht, dass Grillo dies in einem Interview mit dem Handelsblatt sagte. Und während ich den Artikel lese, erscheint ein Instream-Video-Spot mit dem neuen Fiat 500S: Hallo Spaß, Hallo Freiheit, Hallo Deutschland! Man sieht, wie der Cinquecento ins Meer ein- und in Berlin wieder auftaucht. Vielleicht eine Allegorie auf die „drohende“ Welle arbeitswütiger, italienischer Fachkräfte, die auf Deutschland zurollt? Nein, eher die Logik des Internet-Marketings, das das Interesse an Grillo mit Fiat gleichsetzt.

In jedem Fall sollen laut Balla-Balla-Beppe keine Köpfe rollen. Nein, Italien soll eine französische Revolution erleben – ohne Guillotine, dafür aber mit Grillotine. Und damit man sich beim Annähern aufwärmen kann in den beiden verwaisten Kammern Italiens, bietet der Chef der Mitte-Links-Koalition, Pier Luigi Bersani, dem Fürst der Fünf-Sterne-Bewegung einen Chefsitz an – als Vorsitzender von einer der beiden Kammern und auch in Form einiger Zugeständnisse, was das Regierungsprogramm angeht. Währenddessen sorgen andere fiese Fürsten für finstere Finanzaussichten: Die Ratingagentur Fitch stuft Italiens Kreditwürdigkeit um eine Stufe auf „BBB+“ (also Beppe+Berlusconi+Bersani) herunter. Der Ausblick steht auf negativ, aufgrund gestiegener politischer Risiken. Welche Risiken denn bitte? Diese Wahl zeigt deutlich, dass in Italien alles beim Alten ist: Kein Plan, kein Problem.

Pass? Partout nicht!
Und wenn jemand es wagen sollte, die drei Beppen (also Berlusconi, Beppe oder Bersani) als Deppen zu bezeichnen, bekommt er die Quittung gleich auf den Tisch geknallt – höhere Zinsen hin oder her. So entschloss sich nämlich André Rizzello, italo-deutscher Eiscafébesitzer aus Höhscheid, dazu, seinen deutschen Pass abzugeben und seinen italienischen zu behalten – aus Protest gegen die Klau(n)en des bösen Peer. Rizzello sagte einem Zeitungsbericht zufolge, er habe Berlusconi bereits eine E-Mail geschickt, seinen Verzicht auf den deutschen Pass angekündigt und von Silvios Mitarbeitern gar eine Antwort in Aussicht gestellt bekommen. Peer Steinbrücks Büro jedoch hat wohl noch nichts unternommen, um André Rizzello zu halten. Eine Schmierenkomödie, möchten man meinen. Aber nein, es ist eher ein Lehrstück, eben wie bei Goldoni: Am Ende sorgt Truffaldino als Diener zweier Herren dafür, dass diese glücklich und in Liebe vereint werden:

Do patroni servir l’è un bel impegno
e pur per gloria mia l’ho superà.
E in mezo a la maggior difficoltà
m’ho cavà con destrezza e con inzegno.

Frei übersetzt bedeutet dies: Es ist doch recht mühselig, zwei Herren gleichzeitig zu dienen, aber ich habe es geschafft und dank meiner Kunstfertigkeit auch die größten Hürden gemeistert. Hoffen wir also, dass wer auch immer die Geschicke Italiens lenken wird, ein guter Reiter und Clown und vor allem ein Artist ist, der beide Kammern und die Mehrheit der Italiener (und damit meine ich auch uns Italiener im Ausland) würdig vertreten wird. Aktuell Meinung

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