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Migration und Integration in Deutschland

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

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Wenn Migrationsströme fließen, bleibt unterm Strich eine nette Nettoeinwanderung, die Brutto brutal gerechnet, eine Einwanderungsdauerwelle erzeugt, die ähnlich ondulant wie die 80er-Frisuren von Righeira klingt: No tengo dinero.

VONMarcello Buzzanca

 Mickrigation
Geb. 1972 in Frankfurt/Main. Studium der Romanistik, Amerikanistik und Germanistik in Frankfurt und Málaga. U.a. tätig als Autor, Texter, Redakteur, Übersetzer, Blogger und Kolumnist bei MiGAZIN. Sein erstes Buch: „Periodischer Patriotismus: Deut(sch)liche Erfahrungen eines provisorischen Italieners“ erscheint Ende Mai 2013 im Verlag Sibylla Wegener“

DATUM16. Mai 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Willi will’s mal wieder wissen. Ist ja auch sein Job. Deshalb fragt Willi nach, z.B., wie das eigentlich bei den Römern so war. Um entsprechende Antworten zu finden, denkt er sich, dass er doch mal in der Eisdiele nachfragen könnte. Schließlich arbeiten in Eisdielen ja Italiener und Rom liegt in Italien. Immer noch. Tatsächlich aber fragt Willi dann doch nicht in der Gelateria nach, vielleicht weil er Angst hatte, eine Kugel verpasst zu bekommen. Und doch landet er irgendwie bei den Römern, weil ja bekanntlich alle Wege in die Wiege der Dekadenz führen. Da werden die Wege dann hin- und hergeschaukelt, so dass am Ende nur noch krumme Serpentinen mit tiefen Schlaglöchern übrig bleiben. Auf diesen lässt es sich auch viel unbemerkter schleichen – in Richtung Reichtum – und abtauchen, wenn bren(ner)zlig wird.

Nur, wo ist der Reichtum hin, dem die Migrantenströme folgen können? In Rom? Nein, da herrscht ja seit neuester Zeit ein alter DiLETTAntismus und ob dieser dazu beitragen kann, den Wohlstand der ewigen Wonneproppen wiederherzustellen, ist fraglich. Also ziehen die Migranten weiter, beispielsweise in Richtung Deutschland. Hier überschlagen sich dann die Statistiken und fordern eine qualifizierte und geordnete Einreise nach Deutschland. Gerne nämlich zollt man den Zahlen Ehre und verschanzt sich auf dem Integrationsgipfel: Die höchste Nettozuwanderung seit 1995, Armutsflüchtlinge aus Südostaeuropa, Müllberge in Mül(l)heim und überall dort, wo Sinti und Roma hausen, unzureichende Deutschkenntnisse von Schülern mit Migrationshintergrund (sagt Maria Böhmer dem Presseorgan der Bundesregierung, der „Bild“-Zeitung).

Ballistische Bedeutung der Migration
Indes formt sich eine neue Bewegung, die mehr Migration will, braucht und bezahlen kann: Die Ballistiker aus Bayern, deren Häuptling Steuern Wurst sind, laden ein zu ihrem ganz persönlichen Integrationsgipfel: Rooney, Neymar, Guardiola. Gerüchte, die verpflichten – zu noch mehr Titeln. Während also die einen einladen, erweisen sich die anderen als ausweislich abweisend, weil sie nicht mit Zahlen, sondern mit Wahlen glänzen bzw. blenden. Tatsächlich, so Herbert Brücker als einer der führenden Migrationsforscher in Deutschland, richten sich die Zuwanderungsmagneten einfach nur neu aus. Die einstigen Spitzenpole Italien und Spanien, wie auch Irland taugen angesichts von Arbeitslosenquoten jenseits der 20-Prozent-Marke nicht mehr als Ziele für die Zuwanderung aus Mittel- und Osteuropa.

Während nämlich noch vor der Krise 80 Prozent der Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien in Richtung der beiden südlichen Halbinseln ging, sind es mittlerweile rund 60 Prozent der Bewegung aus den 8 neuen EU-Ländern, die nach Deutschland führen. Faschistische Fährtensucher werden aber nur dann fündig, wenn sie die richtigen Fallen stellen. Und die reagieren nun mal weniger auf Arbeitnehmerfreizügigkeit als darauf, dass die einstigen Zielländer mittlerweile ziemlich planlos sind. No tengo dinero, könnte man sagen und stieße dabei auf die Italo-Disco-Band Righeira:

No tengo dinero oh
No tengo dinero no, no, no, no

Los nuevos italianos crean aquí
Impávidos y fieros de la velocidad
Neopsiquico es el sintético edén
Yo quisiera estar ahí, mas

Ich habe kein Geld, oh
Ich habe kein Geld, nein, nein, nein, nein

Die neuen Italiener erschaffen hier
unerschrocken und stolz auf die Geschwindigkeit
Neopsyche ist das neue synthetische Eden
Gerne würde ich länger hier bleiben, aber

So weit die Übersetzung, die ich mir, ehrlich gesagt, einfacher vorgestellt hatte. Schließlich ging es Righeira meiner Meinung nach doch nur um Süper-Sinthy-Sound und darum zu verheimlichen, dass sie keine Spanier, sondern zwei Freunde aus Turin (also aus dem grauen, industriellen Norden Italiens) sind – mit Popper-Frisuren, Schulterpostern in den Sakkos und Playback bei ihren Auftritten. Ganz falsch! Sowohl dieser Text wie auch jener ihres erfolgreichsten Liedes Vamos a la Playa, sind kritische Auseinandersetzungen mit den Phänomenen der frühen 80er-Jahre, also mit dem Atomkrieg und dem Umweltschutz, der Technisierung der Gesellschaft und mit einer Mode, die die Persönlichkeitsrechte in engen Leggings gefangen hielt.

Texte voller Doppeldeutigkeiten (schließlich waren die beiden Sänger Stefano Rota und Stefano Righi ja zu zweit und verarschten das Publikum doppelt – mit scheinbar harmlosen Texten, die aber sehr bissig sind und mit spanischem Image, das eigentlich der Hauptstadt Piemonts entstammt) laden zur Transaktionsanalyse ein. Dieses vom kanadischen Psychiater Eric Berne entwickelte psychotherapeutische Verfahren bezeichnet in seinem Strukturmodell die Neopsyche als Erwachsenen-Ich-Zustand. Als einer von drei verschiedenen Ich-Zuständen steht die Neopsyche neben der Exteropsyche und der Archeopsyche für das der Situation angemessene und logische Verhalten. Oder auch für Neo Psychiko, einem nordöstlichen Vorort von Athen. Aber das ist weniger intellektuell, also klammern wir es einfach aus.

Rizzitellao lässt grüßen
Ja, klammern wir das Banale aus und schürfen tiefer. Dann sehen wir nämlich, dass die neue Zuwanderungswelle auf Deutschland trifft, weil in Bella Italia und Esplendida Espana die Sonnenwende eingesetzt und der Schatten die Macht übernommen hat. Anders gesagt, würden sich die Migrationsströme gerne in Milano, Madrid, Málaga oder Mondello niederlassen, nur wird man ja von Sole, Sangría und San Pellegrino leider nicht satt. Na gut, dann eben graues Germania mit (mi)grantigen Menschen. Immerhin gibt es hier Arbeit und Arschtritte, wenn man nicht funktioniert.

Das bekam übrigens auch der erste italienische Gastarbeiter der Bundesliga, Ruggiero Rizzitelli, zu spüren. Gastarbeiter deswegen, weil er zu den Auslaufmodellen jener Stürmer gehörte, die immer da waren, wo es weh tat und mehr arbeiteten als „artistierten“. Rizzitelli verabschiedete sich aus Italien deshalb, weil er bemerkt hatte, dass wenn er Rizzitellao hieße, er wohl öfter zum Einsatz gekommen wäre. Seine Anspielung an die damals (wie vielleicht auch heute) übliche Praxis italienischer Spitzenclubs, den Kader mit brasilianischen Ballzauberern und damit die Ränge zu füllen, beschleunigten seine Migration. Als erster Spieler der Serie A fand er in der Bundesliga, und genauer gesagt beim FC Bayern München, eine neue, wenn auch kurze Heimat. Und leider wenig Erfolg.

Diesen hatte er ja wenigstens vorher – beim AS Rom und gemeinsam mit Rudi Völler. Das italo-deutsche Stürmer-Gespann verlor mit seiner Mannschaft zwar das UEFA-Pokalfinale 1991 gegen Inter Mailand, war aber dennoch erfolgreich für den italienischen Fußball, standen sich doch gleich zwei Mannschaften der Serie A gegenüber. Nun, am 25. Mai 2013, werden es einige Etagen höher, zwei deutsche Mannschaften sein, die um die Krone im europäischen Vereinsfußball kämpfen.

Zum Glück nicht in Rom, denn dort hätten Dante, Alaba und Boateng wohl schlechte Karten aufgrund ihrer Hautfarbe. Das bekam erst kürzlich und wieder einmal AC-Mailand-Stürmer Mario Balotelli zu spüren, in Form rassistische Gesänge und Sprechchöre seitens der Fans des AS Rom. Das Spiel wurde für kurze Zeit unterbrochen, der Rassismus beim Fußball jedoch reißt nicht ab. Schade eigentlich, denn wenn er migrieren würde (am liebsten extroterrestrisch), könnte man wieder in Ruhe nach Rom reisen – mit Ball und Balottelli und meinetwegen auch mit Willi.

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