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Islamfeindlichkeit und Antisemitismus

Diskursive Analogien und Unterschiede

In welchem Verhältnis stehen Islamfeindlichkeit und Antisemitismus heute zueinander? Lohnt sich ein vergleichender Blick? Ja, auf der Ebene der Diskurse und Stereotype und ihrer Funktion für die Mehrheitsgesellschaft, ist Yasemin Shooman überzeugt.

Von Yasemin Shooman Dienstag, 15.01.2013, 8:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 16.09.2014, 16:57 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |   Drucken

„Was unseren Vätern der Jud ist für uns die Moslembrut, seid auf der Hut!” Mit diesem Schriftzug schändeten Unbekannte 2009 die Mauer der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Auch wenn eine solche drastische Verknüpfung sicherlich keinen breiteren Diskurs widerspiegelt, wirft sie die Frage auf, in welchem Verhältnis Islamfeindlichkeit und Antisemitismus heute zueinander stehen. Natürlich käme niemand, der seriös argumentiert, auf die Idee, die Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus mit der Situation von Musliminnen und Muslimen im heutigen Europa zu vergleichen. Aber Antisemitismus manifestiert sich auch unterhalb der Schwelle von Pogrom, Vertreibung und Genozid. Auf der Ebene der Diskurse und Stereotype und ihrer Funktion für die Mehrheitsgesellschaft lohnt sich ein vergleichender Blick durchaus.

Historisch gesehen nahmen Juden und Muslime in der europäischen Wahrnehmung unterschiedliche Positionen ein: Die Argumentationsfigur eines jüdisch-christlichen Abendlandes, die in politischen und medialen Debatten in Abgrenzung zum Islam beschworen wird, ist relativ neu und markiert eine diskursive Verschiebung. Denn seit Jahrhunderten galten die Juden als Europas „Andere“. Muslime wurden dagegen seit dem Mittelalter eher als äußerer Feind wahrgenommen. Erst mit der postkolonialen Migration nach Westeuropa und der Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften durch die Bundesrepublik leben muslimische Minderheiten hier in größerer Zahl und haben die Position des „Anderen“ im Inneren eingenommen.

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Der moderne Antisemitismus, wie er im Deutschland des 19. Jahrhunderts entstand, war nicht zuletzt eine Abwehrreaktion gegen die Emanzipation, also die rechtliche Gleichstellung und den sozialen Aufstieg von Angehörigen der jüdischen Minderheit. Auch ein Teil der heutigen Konflikte um den Islam lässt sich durch eine voranschreitende gesellschaftliche Partizipation erklären: Es sind eben nicht Hinterhofmoscheen, die Abwehr hervorrufen, sondern repräsentative Gotteshäuser, die Musliminnen und Muslime als im Stadtbild sichtbare Mitglieder der Gesellschaft ausweisen. Eine weitere Parallele zu den Debatten des 19. Jahrhunderts: Jüdinnen und Juden wurden verdächtigt, sich aufgrund ihrer Religion gegenüber der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen, ihr sogar feindlich gesinnt zu sein und sich einer Integration und der Loyalität zum Staat zu verweigern. Solche Stereotypisierungen finden sich auch in aktuellen Islamdiskursen. In der Wissenschaft wird deshalb die These diskutiert, ob sich die Funktion, die der Antisemitismus bei der Herausbildung von Nationalstaaten im 19. Jahrhundert hatte, mit derjenigen vergleichen lässt, die der kulturelle Rassismus gegenüber Musliminnen und Muslimen im Zuge der europäischen Integration einnimmt. In beiden Fällen handelt es sich um Phasen eines beschleunigten sozialen Wandels, der gewohnte gesellschaftliche Ordnungen zu bedrohen scheint und mit einer verstärkten Grenzziehung zwischen dem Eigenen und dem vermeintlich Fremden einhergeht. Die Anrufung einer „abendländischen“ Identität dient dabei auch der Stabilisierung nationaler Identitätskonstruktionen, wie die in Deutschland immer wieder aufflammende Diskussion um eine „Leitkultur“ demonstriert. Hierbei wird häufig auf die vermeintliche Inkompatibilität des Islams mit der „westlichen Kultur“ abgehoben – eine Annahme, die mit Einstellungsmustern innerhalb der Mehrheitsbevölkerung korrespondiert: Laut repräsentativen Umfragen teilen ca. 39 % der Deutschen die Auffassung „Durch die vielen Muslime fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“.

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Dem Überfremdungstopos liegt die Vorstellung zugrunde, dass das Muslimsein und das Europäisch- bzw. Deutschsein etwas Gegensätzliches und Nicht-zu-Vereinbarendes wären, Musliminnen und Muslime also keine „richtigen“ Europäer und Deutschen sein könnten. Dieses Infragestellen der nationalen Zugehörigkeit, das einer rhetorischen Ausbürgerung gleichkommt, ist ein bekanntes Motiv aus dem Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, mit dem deutsche Jüdinnen und Juden bis heute konfrontiert sind. So wurde dem ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, einmal anlässlich des Deutschlandbesuchs des israelischen Staatspräsidenten Weizman zu einer gelungenen Rede „seines“ Präsidenten gratuliert. Mit dem Antisemitismus teilt der antimuslimische Rassismus also, dass seine Objekte sowohl in religiösen als auch in ethnischen Kategorien erfasst und einem transnationalen Kollektiv zugeordnet werden.

Strukturelle Analogien zwischen islam- und judenfeindlichen Diskursen ergeben sich auch durch den argumentativen Rückgriff auf religiöse Schriften. Werden antimuslimische Zuschreibungen heute gerne mit Koranversen untermauert, so finden sich in antisemitischen Pamphleten des 19. Jahrhunderts ähnliche Argumentationsmuster, die auf den Talmud verweisen. Auch die Schlussfolgerungen der Talmud- und Koranhetze lassen sich vergleichen: Juden wie Muslimen wurde bzw. wird unterstellt, sie seien nur ihren Glaubensgenossen gegenüber loyal und zu ihrer religiösen Pflicht gehöre es, ihre nichtjüdische bzw. nichtmuslimische Umwelt zu täuschen. Ein aktuelles Beispiel für diese Verleumdungspraxis findet sich in der Diskussion um die Einführung von islamischem Religionsunterricht in Hessen. Der stellvertretende Vorsitzende der dortigen CDU-Landtagsfraktion und schulpolitische Sprecher, Hans-Jürgen Irmer, lehnt muslimische Verbände als Partner für einen solchen Unterricht ab. Ihnen sei, so Irmer, nicht zu trauen, denn zum „Wesen“ des Islams gehöre die bewusste Täuschung Andersgläubiger.

Antisemitische und islamfeindliche Argumentationsfiguren unterscheiden sich jedoch auch in zentralen Punkten: Während sich der Antisemitismus im 19. Jahrhundert als eine Art antimoderne Klage herausgebildet hat, in der Jüdinnen und Juden gleichermaßen als Vertreter des Kommunismus wie des Kapitalismus, des Feminismus und des Liberalismus erscheinen, wird die Ablehnung von Musliminnen und Muslimen heutzutage häufig mit einer expliziten Verteidigung der Moderne begründet. Hierfür kennzeichnend ist die Instrumentalisierung von Menschenrechten, insbesondere Frauenrechten. Ein weiterer Unterschied ist die Blickrichtung, die den Diskursen inhärent ist: Während, wie die Psychologin Birgit Rommelspacher hervorhebt, der Antisemitismus „eher von ‚Über-Ich Projektionen‘ genährt wird und den Anderen ein Zuviel an Intelligenz, Reichtum und Macht zuschreibt“, dominiert im antimuslimischen Rassismus in der Regel der Blick nach unten. Das Feindbild des Islams als das eines starken militärischen Gegners wurde seit der Zeit des Kolonialismus durch die Vorstellung eines unterlegenen „Orients“ abgelöst, den „der Westen“ zivilisieren müsse.

Solche Wahrnehmungsmuster lassen sich natürlich nicht verabsolutieren. Historisch wurden Juden nicht nur als machtvoll, sondern auch als minderwertig stigmatisiert, z. B. in den Debatten über die sogenannten Ostjuden. Desgleichen lassen sich in heutigen islamfeindlichen Diskursen auch Verschwörungstheorien ausmachen, die Muslime als übermächtig imaginieren und so an antisemitische Topoi erinnern. Unterwanderungsfantasien von einer drohenden Islamisierung Europas, von der z. B. der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik, eine islamfeindliche Internet-Szene sowie rechtspopulistische Gruppierungen in Europa und den USA besessen sind, aktualisieren dabei mittelalterliche und frühneuzeitliche apokalyptische Angstbilder, die sich u. a. im historischen Diskurs über die Türkenkriege ins europäische kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben.

Aus der Tatsache, dass der Antisemitismus in Europa im Völkermord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden kulminierte, resultiert eine gewisse gesellschaftliche Sensibilität. Judenfeindliche Äußerungen unterliegen in der öffentlichen Kommunikation daher Sanktionierungen, die dazu beigetragen haben, die Akzeptanz von Antisemitismus abzubauen. Im Hinblick auf die Stigmatisierung von Musliminnen und Muslimen fehlt bislang ein vergleichbares Problembewusstsein. Dies hat sich zum Beispiel im Umgang mit dem Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann gezeigt, dessen antisemitische Aussagen zu seinem Ausschluss aus der CDU geführt haben, während der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin trotz seiner dezidiert antimuslimischen Thesen in der SPD verbleiben darf.

Es gilt also einerseits, die unterschiedliche Geschichte und Spezifik von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit zu berücksichtigen, und andererseits, aufmerksam für existente Parallelen zu sein. Dies ist auch vor dem Hintergrund neuerer Studien relevant, die belegen, dass Menschen, die antisemitische Einstellungen zeigen, auch verstärkt antimuslimischen Aussagen zustimmen – und umgekehrt. Es wäre jedoch irreführend, der Islamfeindlichkeit als neu diskutiertem Phänomen nur aufgrund solcher Zusammenhänge Bedeutung zuzumessen. Die Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung von Musliminnen und Muslimen kann als eine Form des kulturell argumentierenden Rassismus eingeordnet werden und besitzt als solche eine eigenständige Relevanz.

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