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Beschneidungsurteil und NSU

Wichtig ist, was nicht gesagt wurde

Was haben die Aussagen von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu den NSU-Morden und zum Beschneidungsurteil gemeinsam? Wo ist das verbindende Element? Die Verbindung besteht in dem, was die Bundeskanzlerin nicht gesagt hat.

Von Mehmet G. Daimagüler Dienstag, 25.09.2012, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 27.09.2012, 7:46 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Im Februar dieses Jahres sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Neo-Nazi-Terrors in Deutschland. Sie stellte dabei viele richtige Fragen: „Wie konnte das geschehen?“, „Warum sind wir nicht früher aufmerksam geworden?“, „Warum konnten wir das nicht verhindern?“

Vor wenigen Tagen Wochen hat das Landgericht Köln die Beschneidung von Jungen als Körperverletzung gewertet und somit Hunderttausende muslimische und jüdische Eltern in Deutschland als potenzielle Straftäter gebrandmarkt. Auch dazu hat die Bundeskanzlerin Stellung genommen: „Ich will nicht, dass Deutschland das einzige Land auf der Welt ist, in dem Juden nicht ihre Riten ausüben können. Wir machen uns ja sonst zur Komiker-Nation.“

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Was haben die Aussagen der Bundeskanzlerin miteinander zu tun? Wo ist das verbindende Element? Die Verbindung besteht in dem, was die Bundeskanzlerin nicht gesagt hat. Obwohl die NSU-Morde sich klar und überwiegend gegen türkischstämmige und muslimische Menschen richteten – das Bekennervideo der Terroristen ist eine vor Hass triefende Dokumentation der Islamophobie – hielt es die Bundeskanzlerin nicht für notwendig, in ihrer Rede auch nur einziges Mal die Worte „Türke“ oder „Muslim“ in den Mund zu nehmen.

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Und obgleich es bei dem Urteil des Landgerichts Köln um den Fall eines muslimischen Jungen ging und in Deutschland etwa 30-mal so viele Muslime wie Juden leben, begründete sie ihre Ablehnung des Beschneidungsverbotes ausschließlich mit Blick auf das jüdische Leben in Deutschland. Es sollen keine Missverständnisse aufkommen: Es ist gut, dass wir wieder ein jüdisches Leben in Deutschland haben. Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft dieses jüdische Leben sichtbarer in unserem Alltag erleben dürfen und dass jede Bundesregierung alles dafür tut, um dies zu fördern.

Nicht das Reden der Bundeskanzlerin zum Judentum bereitet mir Sorge, sondern ihr Schweigen zum Islam. Würde sie über den Islam in Deutschland sprechen, müsste sie über den Hass sprechen, den Menschen muslimischen Lebens Tag für Tag erfahren. Wir hören nur über diesen Hass, wenn Menschen getötet werden, wie die hochschwangere ägyptischstämmige Marwa Al-Sherbini in einem Gerichtssaal (!) in Dresden oder eben die Mordserie der NSU. Wir leben in einem Land, das in Teilen rassistisch denkt und rassistisch handelt. Diese neuen Rassisten verpacken ihren Hass aber geschickt als die demokratische Sorge um „westliche Werte“ und machen ihn damit akzeptabel für die bürgerliche Mitte. Dieser „neue“ Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft fordert mehr Integrationsbereitschaft von Muslimen, verweigert die Integration aber auf doppelt-perfide Weise: indem er sich selbst vor jeder Veränderung in Deutschland verschließt, aber auch, in dem er jede Anpassungsleistung der Neudeutschen als unzureichend oder nur vorgetäuscht ablehnt. Die Zuspitzung dieser „Logik“ hat dann unter dem Jubel des bürgerlichen Mobs der Minister und Bundesbankvorstand a.D. Thilo Sarrazin vollzogen, in dem er die Genetik ins Spiel gebracht hat. Ja, Muslime können Deutsch lernen. Ja, Muslime können „deutsche“ Werte annehmen – (was auch immer das ist). Ja, Muslime können ihre muslimischen Namen ablegen und sich Hans und Sabine nennen. Ja, Muslime könnten sogar aufhören, Muslime zu sein. Sie können sich taufen lassen, sie können Christen werden. Aber es wird nicht reichen: Denn auch Muslime entkommen nicht ihrer Genetik.

Ich war vor vielen Jahren einmal Bundesvorstandsmitglied einer deutschen Partei. Mittlerweile habe ich die Partei und die Politik verlassen. Damals dachte ich, man muss Forderungen entgegenkommen, auch illegitimen, Kompromisse schließen, auch faule, damit wir ein friedliches Zusammenleben haben können. Damals habe ich eine Idee unterstützt, die sagte: Nein, die Politik sollte nicht gesetzlich Verbote erlassen, wie zum Beispiel für Beamtinnen, die das Kopftuch verbieten. Aber, so ging die Idee weiter, Frauen sollten „freiwillig“ diese Idee unterstützen. Wie dumm ich war. Ich glaubte damals wirklich, wenn wir auf manche Teile unserer kulturellen Identität verzichten, dann können wir andere Teile unserer Identität retten. Ich hatte nicht verstanden, dass es der anderen Seite gar nicht um Kompromisse geht. Sie wollen uns nicht, sie hassen uns, egal wie wir uns kleiden, egal ob wir uns beschneiden oder nicht, was wir tun.

Die deutsche Politik fordert oft, dass sich Einwanderer, insbesondere Muslime, zu Deutschland bekennen. Das ist eine legitime Forderung. Ich gehe einen Schritt weiter: Wir Muslime sollten in erster Reihe stehen, wenn es um die Verteidigung anderer Minderheiten geht. Ob es nun unsere jüdischen Brüder und Schwestern sind oder Schwule und Lesben, oder überhaupt jeder, der wirklich oder scheinbar „anders“ ist. Dabei ist es egal, ob diese nun von Ali oder Hans bedroht werden. Wer wüsste besser als wir, wie es sich anfühlt, gehasst zu werden bloß weil man ist was man ist?

Aber es in der Zeit, dass sich auch die deutsche Politik zu uns Muslimen als Bürger unseres Landes bekennt. Bundespräsident Wulff hatte das getan. Frau Merkel sollte das auch tun. Sie stellte mit Blick auf die Nazi-Terroristen auf der Trauerfeier für die Mordopfer noch eine weitere Frage: Wie kommen Menschen dazu, so etwas zu denken und zu tun? Darauf gebe ich eine Antwort: Weil diese Mörder denken, Deutschland stünde hinter ihnen. Weil sie glauben, sie seien die Vollstrecker einer schweigenden Mehrheit. Deswegen ist jetzt Deutschland gefragt und an der Spitze die Bundeskanzlerin: Wer unsere muslimischen Bürger angreift, der greift Deutschland an. Sonst ist die ganze Trauer um unsere ermordeten Landsleute nicht viel wert. Denn sie wären nicht die letzten Toten, die wir zu beklagen haben.

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