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Kopf an Kopf mit Köpfchen

Ein weltweiter Wettbewerb um die besten Köpfe ist entfacht und Deutschland mischt mit. Ohne Erfolg. Was sind die Ursachen, wieso machen die Klugen einen Bogen um Deutschland? Für Nadim Gleitsmann ist das Problem hausgemacht. Es ist das "alte Denken".

Von Nadim Gleitsmann Donnerstag, 12.04.2012, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 15.04.2012, 22:50 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Seitdem die Süssmuth-Kommission die Aufmerksamkeit darauf gelenkt hat, dass „ein weltweiter Wettbewerb um die besten Köpfe entstanden ist, der durch die gestiegene Mobilitätsbereitschaft dieser Personen verschärft wird“, haben die meisten OECD-Länder Programme entwickelt, um wirtschaftliche Eliten ins Land zu holen. Deutschland muss sich also in Bezug auf seine Attraktivität dem internationalen Wettbewerb stellen.

Der Erfolg hängt dabei nicht von klug konzipierten Punkte-Systemen oder Anwerbe-Maßnahmen ab, entscheidend sind Offenheit von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und vor allem die effektive Plazierung der Einwanderinnen und Einwanderer und der folgenden Generationen in eben Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Bildung! Diesbezüglich ist Deutschland aber noch ein Entwicklungsland – ein Armutszeugnis.

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Faktoren wie das Image des Landes, die Akzeptanz und Anerkennung von Zeugnissen und Qualifikationen, die kulturelle Offenheit, die langfristige Perspektive und die Einbürgerungsmöglichkeiten sind maßgeblich mitentscheidend. Deutschlands Immigrationspolitik ist aber extrem restriktiv, selbst für Studenten und Doktoranden. Die Hürden sind zeitintensiv, ärgerlich und nicht selten willkürlich. Ausländische Bildungsabschlüsse werden – wenn überhaupt – nur sehr zögerlich anerkannt – von Äquivalenz zu inländischen Abschlüssen ganz zu schweigen. Die nicht überraschende Konsequenz ist, dass ausländische Studenten sich nicht für deutsche Universitäten entscheiden. Wen wundert das, wenn Nachrichten von Behörden-Nazis und Gudrun Pieper (bei der es jawohl piepte) durch die globale Presse gehen. Da hilft dann auch kein „zu Gast bei Freunden“ bei Weltmeisterschaften nicht.

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Humanressourcen können importiert oder selber ausgebildet werden. Allerdings ist Deutschland weder attraktiv für Immigranten, noch schafft es das Bildungssystem, Immigranten oder deren Kinder, akkurat zu integrieren und zu hohen Bildungsabschlüssen zu führen. Laut der Studie „Brain Waste“ nehmen z. B. nur 16 Prozent aller Migrantinnen und Migranten mit einem im Ausland erworbenen Abschluss ihren erlernten Beruf wieder auf. Dabei sind die meisten Migrantinnen und Migranten relativ gut qualifiziert. Trotzdem fahren viele von ihnen Taxi oder gehen einer anderen Beschäftigung nach, die nicht ihren Qualifikationen entspricht. Das Bein stellt unsere Einwanderungspolitik. Studien zeigen, dass Immigration von Menschen mit primärer Bildung sehr gering ist, denn die meisten Länder haben die größten Emigrationsraten unter den Menschen mit tertiärer Bildung, womit der Bildungsstand der meisten Immigranten sehr hoch ist. Nicht fließend Deutsch zu sprechen, ist zudem noch längst kein Indikator für Dumm- oder Ungebildetheit. Höchstens beim Betrachter.

„Das alte Denken hat die deutsche Einwanderungs- gestaltung in den poli- tischen Morast geführt. Ein neues Denken muss her … Leider spukt in Deutschland noch immer das Hirngespinst einer Invasion und Überfrem- dung und ignoriert die … Notwendigkeit von Immigration und Integration.“

Heute fließt der Strom weiter in Länder mit einer Einwanderungstradition wie beispielsweise die USA. Die Wirtschaftseffekte dieser fantastischen Akademikerwanderung sind hoch. Die ausländischen Studenten pumpen durch Studiengebühren, Wohnung und Unterhalt gut sieben Milliarden Dollar in die US-Wirtschaft und sind verantwortlich für hunderttausend Arbeitsplätze. Das ist sehr attraktiv und so betonte das Bundesbildungsministerium umgehend die „Internationalisierung unserer Hochschulen“.

Aber nicht nur Menschen mit Migrationhintergrund sind betroffen, sondern alle, die sich in Deutschland um die Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen Bildungs- und Berufsqualifikationen bemühen. Dazu gehören auch sogenannte „Bio-Deutsche“, die sich Teile ihrer Kompetenzen im Ausland angeeignet haben.

Dass die Anerkennungsmöglichkeiten grundlegend verbessert werden, liegt zudem im Interesse vieler Unternehmen. Schließlich sind sie als mögliche Arbeitgeber oftmals gar nicht in der Lage, die im Ausland erworbenen Abschlüsse und Kompetenzen zu bewerten und einzuschätzen.

Diese Verschwendung von Humanressourcen ist nicht nur gegenüber den Betroffenen äußerst ungerecht und aus Gründen der Teilhabegerechtigkeit komplett inakzeptabel, sie bedeutet auch einen enormen Verlust für Deutschland. Eine unzulängliche Arbeitsmarktintegration wirkt sich negativ auf die individuellen Entwicklungschancen des Einzelnen aus und hat gleichzeitig nachteilige Folgen für gesellschaftliche Innovationen, Steuereinnahmen und die Sozialsysteme. Das betrifft also auch unsere Rechten, wenn sie in einem prosperierenden Land leben und eines Tages eine anständige Rente beziehen möchten. Aber um diese Kausalität zu erkennen, bedarf es etwas an Weitsicht, an einem breiten Horizont, der nicht nur über die eigenen geistigen, sondern auch die physischen nationalen Grenzen reicht. Weltoffenheit kann hier ein zeitgenössischer Ratgeber sein.

Nicht zuletzt mit Blick auf den demografischen Wandel, den zunehmenden Fachkräftemangel und die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit im internationalen Wettbewerb sind wir dringend darauf angewiesen, an die im Ausland erworbenen Bildungs- und Ausbildungspotentiale, sowie an den eigenen Humanressourcen anzuknüpfen. Zunehmende Internationalisierung, grenzüberschreitende Mobilität und Zuwanderung werden unsere Gesellschaft zukünftig bleibend prägen. Wer das nicht merkt, schläft!

Das alte Denken hat die deutsche Einwanderungsgestaltung in den politischen Morast geführt. Ein neues Denken muss her, welches einen positiveren und vor allem holistischeren Diskurs prägt, um auf Realitäten wie Migration reagieren zu können. Leider spukt in Deutschland noch immer das Hirngespinst einer Invasion und Überfremdung und ignoriert die fundamentale ökonomische Notwendigkeit von Immigration und Integration. Sie sind elementar und entscheidend für Wachstum und Wohlstand für Länder des 21. Jahrhunderts. Das würde bei uns auch eintreten, wenn Politiker, Meinungsmacher und Interessengemeinschaften kapieren, dass Immigranten Prosperität nicht beeinträchtigen, sondern unterstützen. Mobilität bleibt und steigt und Wege gibt es viele.

Schon wie die Horden, die nach Amerika pilgerten, sehr wachsam den amerikanischen Traum träumend, werden Menschen in anderen Kontexten pilgern. Der Traum ist im Prinzip derselbe, menschliche Aspirationen wie Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Geschlossene Türen hier und rote Teppiche dort bedeutet, dass die Migrationsströme einfach anders fließen, aber fließen werden sie, denn das tun sie und haben sie schon immer getan und so wird sich zur zunehmenden Mobilität von Kapital und Gütern, mit den Dienstleistungen, auch die Mobilität von Menschen gesellen.

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