Ein Fremdwoerterbuch

Machtspiel

Tayfun ist still. Sein Leben ist routiniert. Er ist fleißig in der Schule, gut im Sport und loyal zu seinen Freunden. Schule, Sport, Freunde. Schule, Sport, Freunde. Ein ruhiger Mensch. Eine geballte Faust.

Von Kübra Gümüşay Freitag, 24.02.2012, 8:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 28.02.2012, 7:53 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Es ist Donnerstagabend vor ein paar Jahren in Hamburg. Tayfun ist fertig mit dem Kickbox-Training und schaut auf die Uhr. In 15 Minuten schließt die Servicestelle des Hamburger Verkehrsverbunds in Billstedt. Er rennt los. Morgen macht seine Klasse einen Ausflug, seine Monatskarte ist abgelaufen. Er muss sie heute unbedingt erneuern.

Als er erschöpft ankommt, hat der Schalter bereits geschlossen. Dann entdeckt er das Schild: Die Servicestelle am Hauptbahnhof habe heute noch bis 20 Uhr auf. Sieben Stationen und 12 Minuten. 62 Euro hat er dabei. Exakt so viel, wie die Monatskarte kostet. Nicht mehr. Er steigt trotzdem in die Bahn, ohne Ticket. Wird schon.

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Als er am Hauptbahnhof aussteigt, geht es nur langsam voran. Oben, am Ende der Treppe, stehen Fahrkartenkontrolleure und lassen niemanden unkontrolliert durch. Tayfun versucht es trotzdem. „Fahrkarte?“, fragt ihn der Kontrolleur. „Ich war gerade auf dem Weg mir eine Monatskarte zu holen“, erklärt Tayfun. Jetzt ist er doch ein bisschen aufgeregt. „Ja, ja, erzähl das der Polizei!“, sagt der Kontrolleur, nimmt ihn am Arm und führt ihn aus der Menge. Tayfun ist überrascht. „Warum denn gleich die Polizei? Ich sagte Ihnen doch, ich war gerade dabei meine Monatskarte zu holen. In Billstedt hatten sie zu“, ruft er. Der Kontrolleur zerrt ihn in einen Hinterraum.

Tayfun hat Angst, das hatte er nicht erwartet. Zwei Polizisten betreten den Raum. Tayfun versucht, sich zu erklären. Einer der Polizisten baut sich vor ihm auf. „Setz dich!“, sagt er. Ein Machtspiel. Tayfun kann nicht glauben, was passiert. „Nein, ich setz mich nicht!“ – „Setz dich!“ – „Hier!“, Tayfun holt aus seiner Hosentasche den sorgfältig ausgefüllten und gefalteten Bogen für die Monatskarte und knallt ihn zusammen mit dem Geld auf den Tisch, „Sehen Sie?“ Der Polizist packt ihn an den Schultern und drückt ihn auf den Stuhl. „Setzen!“ Tayfun wehrt sich. Sofort schlägt ihn der Polizist zusammen mit seinem Kollegen auf den Boden. Tayfun fühlt, wie sich seine Schulter verrenkt. Er versucht, sich zu befreien. Die Polizisten drücken noch fester zu – und der Kontrolleur trifft Tayfun mit dem Knie mitten ins Gesicht.

Ein Passant, der gerade an der offenen Tür vorbeigeht, beobachtet die Szene und stürmt rein. „Was machen Sie?“, ruft er.

Tayfun gibt auf.

Es folgen zwei Gerichtsverhandlungen. Tayfuns Vater ist sauer auf seinen Sohn. Trotzdem heuert er einen Anwalt an. Viel Geld geht drauf. Der Passant ist nicht auffindbar. Ein junger Deutschtürke gegen zwei Polizisten und einen Kontrolleur. Tayfun muss 20 Sozialstunden ableisten, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt. Er sei milde, sagt der Richter über sich, weil Tayfun nicht vorbestraft sei.

So fängt Tayfuns Routine an. Still nimmt er das Urteil entgegen. Still leistet er die Sozialstunden ab. Still bleibt er.

Er schaut Fremden nicht mehr in die Augen. Manchmal selbst Freunden nicht. Dann knirscht er mit den Zähnen. Seine Augen sprechen tausend Worte. Tayfun presst die Lippen zusammen und geht. Mit seiner immer geballten Faust.

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  1. Achherje sagt:

    Ich glaube dem lieben Tayfun kein Wort – man kann sich und seine Umwelt auch Dauerverarschen. Wenn man kappiert hat, wie das Spiel funktioniert, wenn es Staat und Behörden mitspielen, und man dann immer und immer wieder keine entsprechenden (schmerzhaften) Sanktionen erfährt, dann geht das Spiel immer so weiter (mit Lügen und betrügen) und bestärkt den Täter in seinem Denken: Über allem zu stehen – man braucht nur die geeignete Ausrede.

    Das ist ja das typische Gutmenschendenken. Genau um das geht es. Deshalb entstehen da draußen auch mehr und mehr Gewaltopfer. Wegen genau dieser Denkweise.

    Grenzen austesten … . Wie kleine Kinder im Kindergarten. Wer niemanden mehr konsequent in seine Grenzen (Schranken) weist, braucht sich nicht zu wundern, dass es gar keine Grenzen mehr gibt.

    Prinzip verstanden?

  2. Achherje sagt:

    Wäre nicht das Wort „Machtspiel“ in der Überschrift, würde ich sagen: Wie rührselig die Geschichte.

  3. Achherje sagt:

    Liebe Autorin:

    Ich will die Polizeiakte sehen … die Darstellung der Tatsachen und Erlebnisse, die Gerichtsakte, dann kann ich diesen Fall beurteilen. Und stellen Sie die Aussagen der Parteien im Gerichtsverfahren ein – als Beweis. Damit sich jemand überhaupt ein Bild machen kann. Sonst kommen nämlich auf solch einen rührenden Artikel genau solche Kommentare, wie Sie ihn von mir gelesen haben. Keiner glaubt so was. Also: Bewise und Aufklärung auf den Tisch. Und schon haben vielleicht viele ein positives Bild Ihrer Tatsachenbeschreibung.

    Danke hierfür.

  4. Sugus sagt:

    Tayfuns Fehler:
    – er steigt ohne Ticket in die Bahn, obwohl er doch eines kaufen könnte
    – er glaubt, als Türke würde er von den Kontrolleuren härter angefasst
    als Deutsche in vergleichbaren Fällen (falsch)
    – wäre Tayfun wie üblich in Begleitung von mindestens drei, vier türkischen Altersgenossen mit grimmigem Blick, würden Kontrolleure sie bewußt ignorieren; das heißt, inzwischen werden Deutsche bei Kontrollen faktisch sogar strenger behandelt als Türken

  5. Bülend sagt:

    Ja ja die Bahn Kontrolleure sind schon eine Eigenart. Es gibt sehr nette Kontrolleure bei der Bahn aber auch leider viele mit vorurteilen gegenüber Ausländern. Ich lebe seit zusammengerechnet 28 Jahren in Deutschland, habe nur den Türkischen Pass, habe keine vorstrafen und bin Akademiker, arbeite in einer Bank, habe einen Jobticket, fahre seit 10 Jahren mit der Bahn zur Arbeit. Bei Ticket Kontrollen erlebe ich es zu 90 %, das ich als einziger Kontrollierter in der Bahn meinen Firmenausweis vorzeigen muss, weil ja auf dem Jobticket ein nicht Deutscher Name steht und wir nicht Deutschen ja immer Betrüger sind, deshalb auch nicht in einem seriösen Beruf wie der Bank arbeiten können.

  6. Ben sagt:

    Komische Geschichte.
    Da fährt einer bewusst ohne Ticket und gerät in eine Fahrkartenkontrolle. Anstatt sein Fehlverhalten reuig zuzugeben, versuchte er offensichtlich auch noch der Kontrolle zu entgehen, in dem er „am Ende der Treppe, stehen Fahrkartenkontrolleure und lassen niemanden unkontrolliert durch. Tayfun versucht es trotzdem.“

    Er fährt also nicht nur ohne Ticket, er versucht auch sich der Kontrolle zu entziehen. Dann wird er gestellt und kommt mit einer ziemlich schwachen Ausrede daher, d.h. er zeigt weiter keine Einsicht.
    Der Kontrolleur entscheidet vermutlich nun aufgrund seiner Erfahrung das es Tayfun unter Umständen gut tun würde, wenn die Polizei dazugezogen wird. Vielleicht ein kleiner Weckruf, das er erkennt das auch Schwarzfahren und dazu Uneinsichtigkeit kein Nichtigkeit ist.
    Anstatt aber aus seinen Fehlern zu lernen, entschließt sich Tayfun nun eine weitere Straftat zu begehen, nämlich Widerstand gegen die Staatsgewalt. Dabei wurde er nur aufgefordert sich zu setzen um die Angelegeheit zu klären.

    Aus so einer Situation nun eine Geschichte zu basteln, die den eigentlichen Täter (Tayfun) zum Opfer erklärt und die Geschädigten, nämlich die Gesellschaft in Form von Verkehrsbetriebe, Kontrolleur und Polizei, zum Täter zu erklären, ist unfassbar und dazu unglaublich lächerlich.

  7. Achherje sagt:

    @ Bülent

    Sie haben Recht. Und ich schäme mich dafür in solch einem Land leben zu müssen. Sie beschreiben eine tatsache – welche ganz klar übelst frustriert. Mit etwas Empathie müsste dies jedem bewusst sein.

    Sie elsbt müssen aber ihre Enttäuschung immer wieder „niviilieren“, damit Sie nicht in extreme Gedanken verfallen (vor allem, wenn mal ein Schicksalsschlag oder eben eine schlechte Zeit kommt):

    Wieso ist es denn so? Wieso tut der das denn jetzt? Wer ist für das alles verantwortlich?

    Nun werden sich die Gedanken wirr im Kopf drehen … ich kenne das … aber, Sie werden (falls ausreichend informiert und kompensiert durch eigene Erlebnisse) eine Antwort erhalten. Dann sehen Sie die Grünen, die Linken, die CDU, die CDU … etc., die türkischen Verbandsfunktionäre, türkische Politiker, Politiker ansich … eben in einem anderen Licht und werden vielleicht den Frust auf diesen Kontrolleur nicht mehr so verspüren, als Sie es jetzt tun.

    Wir sind Menschen. Und jeder denkt anders. Aber, in den meisten Fällen hat es eine Ursache weshalb wie so denken, wie wir denken. Der Verlauf eines Menschenlebens mit vielen vielen Einzelstationen ist entscheidend? Vieles prägt uns. Genau so entsteht ja Rassismus, ff. Ausgrenzung, Gewalt, Kriminalität … alles entsteht daraus, kann durchaus daraus entstehen?

    Es geht doch darum: Was können wir tun, damit Ihnen das nicht mehr widerfährt? Zum Wohle aller Menschen in diesem Land … .

  8. Sabine sagt:

    “Ich war gerade auf dem Weg mir eine Monatskarte zu holen”

    Diese Ausreden hören die Kontrolleure jeden Tag zig mal. Im übrigen ist das keine Ausrede, schwarz zu fahren, wie es der Tayfun hier macht.
    Aber klar, nur die deutschen Kartoffeln müssen für jeden(!) Weg Fahrgeld gerappen, ein vertrottelter Migrant darf natürlich auf Extrawürste hoffen. Im übrigen kostet eine nicht-vorhandene Monatskarte nur 10 EU Strafe nicht 60 EU wie sonst.

    „Warum gleich Polizei?“

    Ja warum? Konnte er sich nicht ausweisen? Was verschweigt der Beitrag hierzu? Widerstand gegen die Staatsgewalt, man ist ja Kickboxer, aber natürlich das arme Opfer. Das ist typisch selbstgerecht bei Migranten aus muslimischen Räumen, die meinen selbst das Gesetz zu machen, wie es ihnen passt.
    20 Sozialstunden ist ja ein Witz und keine Strafe, hört auf rumzuheulen.

  9. Anne sagt:

    Die Mehrheit der Kommentare scheint das neue Deutschland abzubilden….. mich graust es.