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Medien

Wenn Sarrazin tanzt und Wulff wankt

Es rauscht im Blätterwald. Zwei Persönlichkeiten halten derzeit die deutsche Öffentlichkeit in Atem – der eine unfreiwillig, der andere aus Kalkül. Der eine kämpft um sein Ansehen, der andere hat es bewusst aufs Spiel gesetzt.

Von Katharina Pfannkuch Montag, 16.01.2012, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 18.01.2012, 7:56 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Christian Wulff hat es momentan nicht leicht: Jeder Schritt, jede noch so kleine Geste des amtierenden Bundespräsidenten wird seit Bekanntwerden der so genannten „Kreditaffäre“ sowie der – neutral ausgedrückt – ungeschickten Nachricht auf der Mailbox eines der mächtigsten Chefredakteure Deutschlands genau beobachtet. Ob es nun der in vorangegangenen Jahren nur am Rande erwähnte Besuch der Sternensinger am Schloss Bellevue ist, der plötzlich im Blitzlichtgewitter der aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten Journalisten erstrahlt oder ob die Körpersprache und Mimik Wulffs während seines Interviews mit ARD und ZDF analysiert werden – die Presse schaut genau hin und präsentiert der Öffentlichkeit mit einer Hartnäckigkeit vermeintlich neue Details, die ihresgleichen sucht. Und das Publikum? Will es das alles überhaupt noch sehen und hören? Sicher, kaum jemand wird bestreiten, einen Blick auf mindestens eine der in atemberaubendem Tempo aus dem Boden schießenden Websites riskiert zu haben, auf denen Wortschöpfungen wie „Leidwulff“ und „wulffen“ gesammelt oder die kreativsten Filmtitel zur „Wulff-Affäre“, unter anderem „Demission: Impossible“, gekürt wurden. Auch zahlreiche bisher erfolglose Stimmenimitatoren nutzten die Gunst der Stunde. Doch es scheint langweilig zu werden. Zu aufgeblasen erscheint selbst dem den Medien sehr zugetanen Leser diese „Affäre“, zu kleinlich erscheint das Gefeilsche um die Anzahl von Antworten, die der Bundespräsident auf teilweise identische Fragen zu geben habe.

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Vom überraschend einhelligen Gleichschritt der Medien über die Grenzen der Verlagshäuser hinweg ist bei Kritikern und Verteidigern Wulffs die Rede, und es wird viel über die Beweggründe für diese „Hetzjagd“ spekuliert: Missfiel die öffentlich getätigte Aussage, auch der Islam sei mittlerweile ein Teil Deutschlands, insbesondere der Springer-Presse so sehr, dass sie beschloss, den Bundespräsidenten zu stürzen? Gerade Menschen mit Migrationshintergrund ließen mehrfach wissen, dass sie Wulff gerade aufgrund dieser – eigentlich so selbstverständlichen, im aktuellen Klima jedoch leider als mutig zu bezeichnenden – Aussage schätzten. Oder lag es an der im vergangenen August öffentlich geäußerten Kritik Wulffs am Krisenmanagement der europäischen Politiker und der Europäischen Zentralbank und der Sorge darum, dass er den ESM-Gesetzen womöglich seine Unterschrift verweigern wollte? Man wird es vermutlich nie erfahren, und es ist wohl davon auszugehen, dass die Affäre, die maßgeblich von den Medien vorangetrieben wurde und die vom nicht gerade eloquenten Auftreten des Protagonisten noch zusätzlichen Auftrieb erfuhr, aus mangelndem Interesse der Öffentlichkeit langsam abebben wird.

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Und da kommt es wie gerufen, dass sich just in dem Moment, in dem sich die erste Langeweile breitmacht, ein alter Bekannter zu Wort meldet: Rechtzeitig zur Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe von „Deutschland schafft sich ab“ katapultierte sich Thilo Sarrazin mit dem so abstrusen wie durchschaubaren Versuch, seine „Thesen“ anhand des Vergleichs von Menschen mit Ackergäulen und Lippizanerpferden zu veranschaulichen, ganz nach oben in die Schlagzeilen. Tiere sind immer gut, da denkt man gleich an Rassen, und so sind der empörte Aufschrei im einen Teil der Öffentlichkeit und das mittlerweile gar nicht mehr klammheimliche, zustimmende Zuprosten vom Stammtisch der „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Fraktion gleichermaßen garantiert. Die Medien wissen das und wiederholen den misslungenen Vergleich vermutlich nicht ohne den Blick auf die eigenen Auflagen und Klickzahlen ihrer Online-Ausgaben unermüdlich. Und im ersten Moment meint man, einen ähnlichen, wenn auch nicht ganz so vehementen Gleichschritt der Presse gegen den Protagonisten zu erkennen wie im Falle Wulffs.

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Doch liegt man mit dieser Einschätzung richtig? Nicht ganz. Denn wenn man genau hinsieht, erkennt man: Die Kritik an Wulff trifft den Kritisierten, sie beeinträchtigt ihn bei der Ausübung seines Amtes und sie erschwert seine Arbeit. Man mag vom Krisenmanagement des Bundespräsidenten halten, was man will, man mag seine Verfehlungen für gravierend genug halten, als dass sie eine Rücktrittsforderung rechtfertigen oder auch nicht. Aber die Medienlandschaft hat ihm einen Platz in den Schlagzeilen eingerichtet, der nicht gerade bequem sein dürfte. Sarrazin hingegen hat mittlerweile einen Logenplatz reserviert, wann immer es sein Ego oder die Absatzzahlen seines Buches erfordern, nimmt er Platz und wirft dem Publikum im Parkett gefällig einige Bissen seiner verbissenen Tabubrüche zu. Dieses dankt es ihm, und damit auch der letzte Zuschauer auf dem hintersten Stehplatz vom neuerlichen Vorstoß des alten Herren erfährt, verteilen die Medien jeden letzten Krumen seiner kruden Thesen und lassen darüber diskutieren und streiten. Sarrazin wusste, was er tat, als er sein Buch veröffentlichte, er musste sich angesichts seines sowieso bevorstehenden Ruhestands keine Sorgen um sein zukünftiges Ansehen und seine Integrität als Inhaber eines öffentlichen Amtes machen, als er in einer gesteuerten Kampagne, die von einigen Akteuren auch noch unbeabsichtigt angeheizt wurde, der Öffentlichkeit seine Ansichten kundtat. Hier werden sich die Bälle fröhlich tänzelnd zugespielt.

Wulff hingegen wird darum kämpfen müssen, wieder auf dem glatten Parkett der Medienlandschaft tanzen zu dürfen – und auch, wenn sein Auftreten in den letzten Wochen und Monaten nicht immer von der Besonnenheit gezeugt hat, die man sich von einem Bundespräsidenten wünscht: Was dieser zu Fragen der Integration und zur Zugehörigkeit der islamischen Religion zu Deutschland zu sagen hat, verdient allemal mehr mediale Aufmerksamkeit als waghalsige Gedankenspiele über Pferdezucht.

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