Gedankenexperiment

Weiße Deutsche und türkische Machos – Tautologien für die Mehrheitsgesellschaft

Thilo Sarrazins umstrittenes Interview in der Zeitschrift Lettre International brachte den Diskurs um Integration und Migration kürzlich zurück in den Fokus der Öffentlichkeit. Rassismus und Ausländerfeindlichkeit wird so von Teilen der deutschen Öffentlichkeit als mutiger Tabubruch gefeiert.

Von Mittwoch, 17.02.2010, 8:03 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 05.09.2010, 17:14 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |   Drucken

Auch in diesem im Oktober 2009 erschienenen Interview ist der ehemalige Berliner Finanzsenator sehr bemüht, den Eindruck eines gut informierten und sachlich argumentierenden Freidenkers zu erwecken. Auf welche Zahlen er sich bezieht, wenn er von 70 Prozent der türkischen respektive 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin spricht, die den deutschen Staat angeblich ablehnen, steht zwar in den Sternen. Doch wer im Anschluss die ständige Produktion „neuer kleiner Kopftuchmädchen“ brandmarkt, muss so viel Präzision wohl nicht leisten, da er ja ausspricht, „was alle denken“. Das Interview, das auch die „Bild“ unerlaubt abdruckte, sorgte für beträchtliche Furore. Viele Kritiken, aber auch Verteidigungen zierten die Tagespresse. Die Neonazi-Homepage „politically incorrect“ ruft mittlerweile zur Unterzeichnung einer „Support Sarrazin“-Petition auf, und auch in durch mehr Kontroverse gekennzeichneten Diskussionsforen bewundert gut die Hälfte aller User „den Mut“, den „Tabubruch“ Sarrazins, den „entlarvenden“ Charakter seiner Äußerungen oder findet seinen Standpunkt zumindest „interessant“. Der Qualifizierung von Sarrazins Aussagen als „mutig“ muss eine sonderbare Vermutung zugrunde liegen: die Mehrheit in Deutschland ohne Migrationshintergrund kann über die Minderheit mit Migrationshintergrund bestimmte „Wahrheiten“ nicht sagen, sie bekommt von der Minderheit Tabus auferlegt und Regeln der öffentlichen Auseinandersetzung diktiert.

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Agnes Krol, 22, studiert Politikwissenschaften, VWL, Philosophie und Pädagogik an der Goethe-Universität in Frankfurt.

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Deutsch oder nicht deutsch
Dabei handelt es sich bei dem Begriff, der hier zur Projektionsfläche wird, um eine recht junge Erfindung des statistischen Bundesamtes. Erst seit 2005 werden in der amtlichen Statistik Personen in der Kategorie „Menschen mit Migrationshintergrund“ erfasst, „die nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugezogen sind, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer/-innen und alle in Deutschland Geborene mit zumindest einem zugezogenen oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil.“ Seit dem ist dieser Begriff aus öffentlichen Debatten kaum mehr wegzudenken und bildet neben „AusländerInnen“ und „MigrantInnen“ eine weitere, umfassendere Schlüsselkategorie zur Unterscheidung der in Deutschland lebenden Menschen.

Mit einer deutschen Mutter und einem polnischen Vater falle auch ich unter die offizielle Definition und habe einen „Migrationshintergrund“. Gemeint bin ich trotzdem nicht, das weiß ich schon seit der Grundschule: Im dritten Schuljahr sollten wir uns einmal nach Nationalitäten geordnet in der Klasse aufstellen, auf der einen Seite des Raumes die deutschen, auf der anderen Seite die nicht-deutschen Kinder. Als ich, mit keiner der Optionen zufrieden, mich in die Mitte stellen wollte, hielt mich meine Lehrerin jedoch davon ab und meinte wohlwollend zu mir, ich gehöre natürlich auf die deutsche Seite. Gedankenexperiment: Wo hätte ich gestanden, wäre eines meiner Elternteile türkischer oder äthiopischer Herkunft?

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  1. T sagt:

    Beitrag studiert und was den in der Gesellschaft zumindest unterschwellige vorhandenen, oft vor allem im privaten Umfeld praktizierten und selektiven Rassismus angeht, teilweise zugestimmt.
    Entschieden widersprechen muss ich der Unterstellung, dass die Seite „politically incorrect“ eine „Neonazi-Homepage“ sei.
    Das ist meiner Ansicht nach nicht nur ausgemachter Schwachsinn sondern auch gefährliches Falschdenken.
    Bin selbst mein (kurzes) Leben lang gegen rechtsradikales Gedankengut laut geworden, solches findet sich auf dieser Seite aus meiner Sicht überhaupt nicht, oder nur in den sporadischen Kommentaren eher bildungsferner Besucher.
    Im Gegenteil, Faschismus und Rassismus scheinen mir verpönt!
    Höchstes Gut der community ist stets die Meinungsfreiheit, welche ihre Grenzen bekanntlich dann findet, wenn Andersdenkende denunziert, zu Unrecht angegriffen und unverhohlen beleidigt werden. All dies ist gemäß den Forenregeln verboten und führt zur unverzüglichen Löschung des Beitrages.
    Öffentliche Kritik gegen rechte (bürgerliche, konservative) Gruppen muss diese Grenzen allerdings selten wahren, wohingegen die auch nur andeutungsweise Hinterfragung der Migrationspolitik und dem Umgang mit dem nicht immer nur friedlichen Islam zu einer selbstverständlichen Zuordnung zum rechtsextremen Lager führt.
    Ich verdamme Rassismus ausdrücklich!
    Damit verdamme ich aber den mitunter in muslimischen Gemeinden praktizierten Antisemitismus genauso, wie den der braunen Brut.
    Daran müssen sich auch linke Gruppen messen lassen, welche auch nicht gerade zimperlich mit Andersdenkenden umgehen, politisch gerne die „Alles-Nazis-Keule“ in verbaler, auf der Straße dann auch mal in physischer Form schwingen.
    Eine brauchbare öffentliche Diskussion zu diesen Themen ist nur möglich, wenn alle Parteien fair agieren, man den vermeintlichen Gegner zu Wort kommen lässt und Meinungsbildung nicht durch populistisches Zuordnen der Beteiligten in das eine oder andere extreme Lager torpediert.
    Ich muss nicht zwangsläufig Sarrazin unterstützen um für eine Meinungsfreiheit einzustehen, die auch unangenehme (eben politisch inkorrekte)Themen miteinschließt. Denn wenn diese Themen nicht dem öffentlichen Diskurs zugänglich sind sondern bis zur Extremisierung und Verhärtung im Verborgenen geführt werden müssen, dann ist eine Wiederholung der dunklen Vergangenheit Deutschlands vorprogrammiert, nur eben mit anderen Beteiligten.
    Grüße aus dem Saarland,
    T

    • minimal sagt:

      Ja, Sie haben Recht. Eine Neonazi-Seite ist das nicht..sie propagiert vielmehr den Hass gegen Menschen, Moslems, Schwule, Migranten, Juden, Linke, „Gutmenschen“, süße Eisbären… Auf der Seite „darf“ jeder (fast) alles hassen, wahrscheinlich auch sich selbst.

      Stefan Niggemeier hat das gut beschrieben:
      „Aber „Politically Incorrect“ will etwas anderes sein als die NPD. Wann immer die NPD zufällig gegen die gleichen Dinge kämpft, beispielsweise Moscheen in Deutschland, was häufig vorkommt, empört sich PI darüber, wie die gute Sache dadurch diskreditiert werde. Dass bei PI keine Neonazis am Werk seien, könne man schon daran erkennen, erklärt PI-Gründer Stefan Herre, ein Lehrer und manischer Leserbriefschreiber aus Bergisch-Gladbach, weil Nazis nicht für Israel seien. Und der Vorwurf des Rassismus sei schon deshalb absurd, weil der Islam eine Religion und keine Rasse sei. Vielleicht erklärt das die große Anziehungskraft von „Politically Incorrect“ und einer Vielzahl kleinerer, aber ähnlicher Seiten: Dass die Gefahr des Islams den Menschen eine frische, scheinbar anständige Legitimation für alten Hass liefert. Der Extremismus und die Fremdenfeindlichkeit kommen hier nicht vom Rand, sondern entschieden aus der Mitte der Gesellschaft.“
      Quelle: http://www.faz.net/

      Nur eine halbe Minute auf der Seite und mir wird schlecht, angesichts so viel Hass.

    • manz sagt:

      Vielen Dank für Deinen Beitrag, welchen ich nun nicht mehr wiederholen muss. :)

  2. Klaus Finkenkrug sagt:

    Frau Krol, fragen Sie doch mal […], wie hoch der Ausländeranteil in Polen ist. Ich weiß es.

    Und ich finde nicht, dass man Nazi oder Rassist ist, wenn man findet, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben, dass man sich als Deutscher im eigenen Land fremd fühlt, dass viele Ausländer (40%) vom Steuerzahler leben (und das sind nicht die vor 40 Jahren gekommenden Türken) Quelle:

    http://www.bundesregierung.de/nn_56546/Content/DE/Pressemitteilungen/BPA/2010/02/2010-02-09-ib-regelsatz-hartz-iv.html

    Rentner nicht eingerechnet.
    Ja, ich bin für eine weitesgehend homogene Gesellschaft. Ich mag die multikulturelle Gesellschaft überhaupt nicht. Und das, obwohl ich sehr, sehr viele ausländische Freunde habe. Wissen Sie übrigens, was auf der ersten Seite der Hürriet steht? Die Türkei den Türken. So was hier geäussert und man kann sein gesellschaftliches Leben für beendet erklären.

    • minimal sagt:

      Was ist denn eine „weitestgehend homogene Gesellschaft“ für Sie?
      Sagen Sie Ihren „sehr, sehr vielen ausländischen Freunden“ auch, dass Sie sie lieber nicht in Deutschland hätten, weil sie Deutschland zu multikulturell machen?
      Wenn ja, dann würde mich interessieren, wie Ihre Freunde darauf reagieren…Also wenn einer meiner Freunde solche Sprüche von sich geben würde, dann würde ich die Freundschaft überdenken.

      Ich wundere mich wirklich sehr über Ihren Kommentar und irgendwie macht er mir Angst. Und die vier positiven Bewertungen machen mir noch mehr Angst.

    • Selçuk sagt:

      „Die Türkei den Türken.“

      „Türkiye Türklerindir“ bedeutet „Die Türkei gehört den Türken“ und nicht „Die Türkei den Türken“. Lernen Sie erstmal Türkisch, bevor Sie so etwas behaupten. Verstehen und interpretieren Sie den Satz nicht, wie es Ihnen danach ist! Ich bin auch der absoluten Meinung, dass die Türkei den Türken gehört, was aber keinesfalls ausschließt, dass Menschen anderer Nationalitäten in der Türkei leben können. Schauen Sie sich doch erstmal die Geschichte der Türkei an. Man man man! Aber man findet ja an allem etwas auszusetzen! Vergleichen Sie den Satz nicht mit „Deutschland den Deutschen“!!!

      • Frank sagt:

        Sehr geehrter Selcuc, so ganz kann ich die Differenzierung nicht nachvollziehen. Würde es Migranten nicht genauso ausgrenzen, wenn ich als autochtoner Deutscher reklamieren würde, dass Deutschland den Deutschen „gehört“? Natürlich wird die Parole „Deutschland den Deutschen“ von Rechtsradikalen gebrüllt, aber ich fände es auch nicht besser, wenn auf rechtspopulistischen Plakaten stehen würde, Deutschland gehört den Deutschen. Es kommt deutlich auch auf den Zusammenhang an und darauf, was man als „Deutsch“ oder „Türkisch“ definiert. Mich würde interessieren, ob Sie der Meinung sind, dass in Deutschland Personen anderer Herkunft und anderer religiöser Anschauung stärker ausgegrenzt werden als in der Türkei? Und ob dies historische Gründe hat? Die dritte Frage habe ich Ihnen glaube ich schon einmal gestellt: Welches Verhalten genau erwarten Sie von den „autochtonen“ Deutschen? Wann würden Sie sich wohl oder wohler in Deutschland fühlen? Ich habe leider den Eindruck, dass in diesem Forum immer nur diskutiert wird, was alles negativ ist, aber nicht, was Wünsche und Erwartungen sind und wie man einen gesellschaftlichen Kompromiss finden könnte, dass Deutschland nicht nur den (autochtonen) Deutschen gehört, sondern alle ein Anrecht haben, hier zu leben und zu partizipieren.

        • Mehmet sagt:

          Deutsche Historie – Da denkt man als erstes an die Expansionsbestrebungen des ersten und vor allem zweiten Weltkrieges für mehr „Lebensraum“.
          Türkische Historie – Da denkt man daran, dass die Türkei um ein Haar nichts anderes als Ankara + Umgebung gewesen wäre und der Rest der Türkei als Kolonien von GB, Italien, Frankreich, Griechenland, Armenien etc. ausgeplündert, wie beispielsweise Nordafrika und Indien. Daher nennt man es den „Freiheitskrieg“.

          Freiheitskrieg – Lebensraum

          Wenn in Indien gesagt wird „Indien den Indern“, wird man sich an die Kolonialzeit erinnern.

          • Frank sagt:

            Sehr geehrter Mehmet, was Sie schreiben ist aber nun eine Verkürzung der Geschichte. Sowohl in der deutschen als auch in der türkischen Geschichte gab es Phasen des Expansiondrangs und Phasen, in denen andere Nationen ins Innere der Ländern eingedrungen sind. Denken Sie in Bezug auf Deutschland z.B. an die Reformation, den 30-jährigen Krieg, den Spanischen Erbfolgekrieg, die Revolution von 1848. Kaum ein Land in Europa war Schauplatz so vieler Kriege, zum einen zwischen deutschen Kleinstaaten, zum anderen aber auch zwischen verfeindeten externen Nationen. Man könnte sagen, dass Deutschland von 1618 bis 1871 nicht mehr existierte sondern eine Menge von kleinen und kleinsten Staaten. Darum wird Deutschland oft auch eine „verspätete“ Nation genannt – Frankreich und England waren schon viel früher Nationalstaaten mit starkem Expansionsdrang (Kolonien). Was wohl richtig ist, ist, dass es seit Reichsgründung 1871 eine fast neurotische Strömung des Nationalismus in Deutschland gab, der sich mit Wilhelm II in einer agressiven und auch dummen Politik äußerte und später dann im Nationalsozialismus gipfelte. Die gesellschaftliche Modernisierung hielt nicht mit der wirtschaftlichen Schritt. Seit 1945 gibt es aber, finde ich, keinen ausgeprägten Nationalismus mehr in Deutschland, sondern eine Tradition des Erinnern an die Deutschen als Tätervolk. Nationalismus ist negativ besetzt, genau so wie ein bestimmter Wortgebrauch, wenn z.B. hier von „Boden“ die Rede ist, stellen sich mir die Haare auf, weil ich sofort an „Blut und Boden“ denken muss.
            Ich würde die Geschichte der Türkei bzw. des Osmanischen Reichs nicht als eine Summe von Phasen der Untredrückung sehen. Ab dem 15. Jh. bis ins 18. Jh. hinein war das osmanische Recih doch sehr expansiv und mit kulturellen Höchstleistungen gesegnet. Erst im 19. Jh., also in der jüngeren Vergangenheit setzte die von Ihnen beschriebene Entwicklung ein und endete mit Atatürk, so dass nationale Einheit in der Türkei positiv besetzt zu sein schein – Sie wissen das besser als ich.
            Es gibt also ganz unterschiedliche Traditionen der Erinnerung.

            • Mehmet sagt:

              Hallo Frank,

              mein Post unten wurde spät freigeschaltet. Eine Echtzeit-Funktion wäre hier ein toller Luxus :)

            • Mehmet sagt:

              Bez. der Traditionen der Erinnerung:
              Da sind m.E. letzte gravierende Ereignisse wichtig. Hätten die Deutschen den 2. Weltkrieg 100 Jahre früher und 1930 bis 1945 einen ähnlichen Freiheitskrieg wie in der Türkei, dann würde man den Satz „Deutschland den Deutschen“ ganz anders wahrnehmen.

              Was auch eine Rolle spielen könnte:
              In Deutschland wird einem in der Schule der zweite Weltkrieg regelrecht eingebleut und kaum ein Jahr mit Geschichte als Fach bleibt von dieser Thematik unberührt. Diese Aufarbeitung der Geschichte wurde auch von anderen aufdiktiert. Die U.S. und GB beispielsweise gehen viel positiver mit ihrer Geschichte um. Naja es ist nichts anderes als schönschreiben.
              Und dass das Osmanische Reich kein Kuschel-Imperium war, ist klar. Nur benötigt die Türkei als neugegründete Republik auch eine zusammenhaltende Geschichte, damit dieser Staat nicht wieder schnell zerfällt. Deutschland allerdings wurde durch andere Staaten zusammengehalten und gefördert.
              Mir ist bewusst, dass dieser Vergleicht etwas hinkt, jedoch für einen Diskussionsanfang förderlich ist ;)

              • Frank sagt:

                Lieber Mehmet, danke für die Antworten! Ich muss gestehen, dass ich mich gerade mit der neueren türkischen Geschichte nicht gut genug auskenne, um wirklich diskutieren zu können. Wenn man als Deutscher ins Ausland kommt, ist die NS-Zeit omnipräsent. Es ist aber z.B. befremdlich, dass in Japan die deutsche NS-Vergangenheit nicht nur negativ besetzt ist und der Nazi-Bösewicht in US-Filmen ein richtiger Topos geworden ist.
                Anfangs war die Aufarbeitung der NS-Zeit sicher von Außen oktroyiert, mittlerweile ist es aber Teil einer nationalen und auch europäisch eingebundenen Erinnerungskultur, oder wie sehen Sie dies?
                Vielleicht noch eine ganz andere Anmerkung: Meiner Meinung nach wird historisch sehr gerne das Trennende zwischen Europa und der Türkei bzw. dem Orien betont, dabei gibt es kulturell viele Verbindungspunkte, weil das „Orientalische“ uns Mitteleuropäer schon fasziniert hat. Ich denke gerade an orientalisch inspirierte Architektur, den Perserteppich, den Diwan usw. Ich fände es auch spannend, in wie weit es in etwas ähliches (also eine Europa-Rezeption z.B. in der Türkei) gibt und wo sich das äußert.

                • Mehmet sagt:

                  Hallo Frank,

                  vielen Dank für die Diskussionsart, die Sie entgegenbringen! Das sehe ich auf dieser Seite als eine Bereicherung an!

                  Bzgl. der Sicht der „Außenwelt“ auf die deutsche Geschichte gebe ich Ihnen durchaus recht, dass die Deutschen heute noch darunter etwas leiden und dieses Thema ausgeschlachtet wird. Schwierig dagegen etwas zu tun, da danach sofort das Argument kommt, dass rechtsextremistische Tendenzen zunehmen würden.
                  Die Erinnerungskultur, die Sie ansprachen, wurde wohl beträchtlich durch den „Einschnitt“ in den Geschichtsunterricht von außen maßgeblich verstärkt. Dennoch ist in Deutschland heute noch in der Art und Weise, wie sie Themen betrachtet und beurteilt (bspw. die bedingungslose (!) Unterstützung Israels bei jeder noch so fraglichen Aktion) ein Druck von außen zu spüren. Da wagt man sich in den Medien und der Politik über ein Streicheln nicht hinaus. Eine ausgewogenere Sichtweise würde Deutschland langfristig gut tun.
                  „Meiner Meinung nach wird historisch sehr gerne das Trennende zwischen Europa und der Türkei bzw. dem Orien betont.“
                  Wie recht Sie da haben… Vieles wird überschattet von Themen wie Zwangsheirat, Ehrenmorde und der Benachteiligung der Frauen etc. Dieses Bild setzt sich in den Köpfen der Menschen fest. In einem Auslandssemester in Istanbul konnte ich meiner damaligen deutschen Freundin nicht erklären, dass diese Punkte zwar wichtig sind, die Türkei und ihre Kultur jedoch sehr viel zu bieten hat. Es war wie eine Blockade, die jegliches Interesse unterbunden, obwohl wir 6 Monate lang dort waren. Wenn man sich das Bild der Italiener oder Spanier über Türken anschaut, dann herrschen da schon ganz andere Meinungen. Die Freunde, die ich dort kennengelernt habe, würden gern später in der Türkei leben und arbeiten, weil sie keine „Altlasten“ (Bild über Türken in Deutschland) mitbringen und somit die Erlebnisse viel unbefangener interpretieren.

                  „Ich fände es auch spannend, in wie weit es in etwas ähliches (also eine Europa-Rezeption z.B. in der Türkei) gibt und wo sich das äußert.“

                  Obwohl ich m.E. nicht lange genug in der Türkei gelebt habe, versuche ich es dennoch mal:
                  Das Bild der Deutschen ist in der Türkei nicht homogen. Konservative Gegenden würden eher das Christentum und die Freizügigkeit als Kriterium zur Meinungsbildung heranziehen, während liberalere Menschen Deutschland eher mit Fortschritt verbinden (hier jedoch auch stark pauschalisiert).
                  Die NS-Zeit wird von den Türken nicht so negativ empfunden. Dies mag daran liegen, dass sich das Osmanische Reich und später die Türkei stets sehr gut mit Deutschland verstanden haben, wenn man die Beziehungen mit GB und Russland bspw. vergleicht (Daher ist man umso enttäuschter von Deutschland, als eine Absage für die EU-Mitgliedschaft von dieser Richtung kam). Spricht man beispielsweise über England in der Türkei, dann sind diese sehr wohl aufgrund der Gebietsverluste des Osmanischen Reiches und des ersten Weltkrieges verhasst ( Dieser Aspekt füllt aber natürlich nicht die ganze Bandbreite der Meinungen der Türken über Engländer).

          • Mehmet sagt:

            Entschuldigen Sie, ich meinte nicht, dass man als erstes an „Lebensraum“ denkt, wenn man an die Deutsche Historie im allgemeinen denkt, sondern bezogen auf „Deutschland den Deutschen!“. Und genauso natürlich bezogen auf die Türkei..

        • Selçuk sagt:

          Hallo Frank,

          zunächst danke ich Ihnen für die Art und Weise, wie Sie Ihren Kommentar geschrieben haben. Sie bleiben sachlich, und das weiß ich zu schätzen. Das kann man leider nicht von allen in diesem Forum behaupten.

          Nun zu Ihrer Frage: Sie können die Differenzierung nicht verstehen, dann versuche sie zu verdeutlichen.
          Der Spruch „Deutschland den Deutschen“ lässt meiner Meinung nach, sehr viel Raum für eine Interpretation zu, vor allem, weil er kein Verb beinhaltet. Deutschland WAS den Deutschen? Die Frage WAS sollte hier erstmal klargestellt werden. Wenn man aber die Tatsache berücksichtigt, von welchen Gruppen dieser Spruch gebraucht wird, können wir es auch ganz sein lassen.

          Bei dem SATZ (ich schreibe das Wort in Großbuchstaben, um es hervorzuheben, also bitte nicht falsch verstehen) „Türkiye Türklerindir“ ist es meiner Meinung nach nicht der Fall. „Die Türkei gehört den Türken“. Es ist zunächst ein kompletter Satz, vielleicht wissen Sie, dass ein Satz im Türkischen ganz anders aufgebaut wird (werden kann), als wie es im Deutschen oder im Englischen der Fall ist. Die Türkei gehört den Türken, sowie Deutschland den Deutschen gehört. Oder gehört Deutschland etwa den Franzosen? Gehört die USA den Italienern? Gehört Deutschland den Türken? Natürlich nicht! Aber das Deutsche Grundgesetzt teilt mir Rechte zu, die mir ein freies Leben in diesem Land ermöglichen. Mehr brauche ich auch nicht. Deutschland wird niemals mein Land sein, aber es ist das Land, in dem ich leben möchte und ich darf es auch. Ich habe schließlich ein unbefristetes AufenthaltsERLAUBNIS und ich darf hier arbeiten, weil ich ein ArbeitsERLAUBNIS habe.

          Der Satz „Türkiye Türklerindir“ bedeutet doch nicht, dass Menschen anderer Nationalitäten und Ethnien dort nichts zu suchen haben. Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, aber in meinem Kommentar kommt das Wort „Nationalitäten“ vor. Zu meinem Bekanntenkreis in der Türkei zählen auch einige Kurden, aber ich betrachte sie nicht als Kurden. Ich mache keine Unterscheidung zwischen Türken und Kurden, solange sie es auch nicht wollen. Ich ziehe aber eine klare Linie zwischen Kurden und PKK-Anhängern. Denn das Bestreben der PKK sollte klar sein. Ich möchte, dass alle Menschen in der Türkei die gleichen Rechte haben, dass sie das gleiche freie Leben führen können, so wie ich in Deutschland.

          Wenn wir uns die Geschichte der Türkei anschauen, werden wir auch sehen, was dieser SATZ zu bedeuten hat. Diese Karte (http://tr.wikipedia.org/wiki/Dosya:TreatyOfSevres_(corrected).PNG) zeigt schon einiges oder nicht? Die Türkei gehört weder Griechen, noch Italienern, noch Franzosen, noch den Russen, …

          Ich hoffe, dass damit Ihre Frage einigermaßen beantworten konnte.

          Nun zu Ihren restlichen Fragen:
          „Mich würde interessieren, ob Sie der Meinung sind, dass in Deutschland Personen anderer Herkunft und anderer religiöser Anschauung stärker ausgegrenzt werden als in der Türkei? Und ob dies historische Gründe hat? Die dritte Frage habe ich Ihnen glaube ich schon einmal gestellt: Welches Verhalten genau erwarten Sie von den “autochtonen” Deutschen? Wann würden Sie sich wohl oder wohler in Deutschland fühlen?“
          Wissen Sie, ich lebe seit meinem 13ten Lebensjahr in Deutschland. Ich kann die Frage nicht beantworten, ob die Ausgrenzung in der Türkei größer ist oder nicht. Welches Bild uns in Deutschland präsentiert wird, sollte klar sein. Tut mir leid, aber es wäre sehr naiv nur aus dieser Perspektive auf die Türkei zu schauen. Die Sorgen der in der Türkei lebenden Minderheiten sind ernst zu nehmen. Ich rege mich aber über diejenigen auf, die so tun, als ob sie sich für diese Minderheiten interessieren würden, aber eigentlich nur ihr eigenes Interesse damit verfolgen.

          Ich fühle mich in Deutschland ganz wohl, Diskriminierungen oder Ausländerhass bin ich nicht persönlich (direkt) begegnet. Ich habe eine gute schulische Bildung genossen, habe dank der Unterstützung vom BAföG ohne finanzielle Sorgen studieren können. Das bedeutet mir sehr sehr viel.

          Vor drei, vier Jahren habe ich mich aber viel wohler gefühlt. Damals bekam ich von diesem ganzen „Türken hier, Türken dort …“ nichts mit. Evtl. war es auch nicht so extrem wie jetzt. Ich fühle mich in Deutschland als TÜRKE nicht richtig wohl. Weil Türken IMMER mit etwas Schlechtem in Verbindung gebracht werden. Ich war entsetzt, als ich gesehen habe, was für eine Unterstützung Sarrazin für seine menschenverachtenden Äußerungen bekommen hat. Ich war sehr enttäuscht, und die Enttäuschung wird immer größer. Ich sehe mich nicht in einer Opferrolle, aber in einer sehr unangenehmen Rolle. Muss das wirklich sein? Es gibt sehr sehr viele Menschen mit türkischem Hintergrund in Deutschland, die bestens integriert sind, sich hier Zuhause fühlen. Müssen Sie sich wirklich solche Dinge anhören? Mich als „Kanake“ zu beschimpfen traut man sich nicht, aber meine Freundin schon. Meine Mutter muss sich Dinge anhören, mit der sie nichts zu tun hat, außer dass sie Türkin ist. Ich denke immer öfter noch einmal auszuwandern, vielleicht in die USA (beruflich ginge es) oder zurück in die Türkei. Ich weiß es nicht. Eigentlich möchte ich es gar nicht! Mal schauen wie sich alles entwickelt.

          „Ich habe leider den Eindruck, dass in diesem Forum immer nur diskutiert wird, was alles negativ ist, aber nicht, was Wünsche und Erwartungen sind und wie man einen gesellschaftlichen Kompromiss finden könnte, dass Deutschland nicht nur den (autochtonen) Deutschen gehört, sondern alle ein Anrecht haben, hier zu leben und zu partizipieren.“
          Meine Wünsche und Erwartungen sind anders und leider nicht in die Realität umzusetzen. Hier habe ich es versucht zu erläutern: http://www.migazin.de/2010/02/09/studie-belegt-nachteile-fur-bewerber-mit-turkischen-namen/#comment-8347

          • Frank sagt:

            Lieber Selcuk, danke für die ausführliche Antwort. Ich verstehe jetzt viel besser, was Sie gemeint haben. Trotzdem würde ich nicht behaupten wollen, dass Deutschland den Deutschen gehört. Ich frage mich, ob ein Land überhaupt jemanden gehören kann aber das ist eine schwierige Frage. Ich würde sagen, dass jeder, der in Deutschland lebt auch die Möglichkeit haben muss, zu partizipieren. In meiner Heimatstadt haben 50% der Kinder einen „Migrationshintergrund“ und ehrlich gesagt fände ich es traurig, wenn sie alle in Zukunft von sich behaupten würden, sie seien Russen, Türken, Albanier, Italien….etc. die eben in Deutschland leben. Dann wäre doch etwas falsch gelaufen und das ist genau die Situation, vor der ich mich fürchten würde.
            Ich glaube, dass die gegenwärtige Diskussion um Migranten (wobei man immer die Muslime oder die Türken meint – was man übrigens auch hier im Forum sieht), eine Stufe innerhalb eines Prozesses ist, von dem wir natürlich nicht genau wissen, wohin er führen wird. Aber diese Diskussion wird, meine ich, auch einmal wieder versachlicht werden. Denn einen Weg zurück zu einer „homogenen“ Gesellschaft, wie hier angesprochen, wird es auch nicht mehr geben, das ist die Realität und es wäre einmal zu fragen, ob es jemals eine „homogene“ Gesellschaft in Deutschland gegeben hat. Ich glaube, dass viele, ausgelöst durch den islamistischen Terrorismus auf unser Land geblickt haben und einfach erschrocken sind, wie wenig die Frage der Migration bisher im öffentlichen Bewusstsein war. Und weil offensichtlich die deutsche Gründlichkeit nicht nur ein Klischee ist, wendet man sich jetzt diesen Gruppen verstärkt zu, wobei die Türken als größte scheinbar homogene Migrantengruppe (eine Meinung die ja auch nicht stimmt) das meiste abbekommen. Natürlich ist es nicht angenehm, wenn man als Türke ständig apostrophiert wird. Auf der anderen Seite glaube ich, dass wir gegenüber der Situation vor vier oder fünf Jahren einen entscheidenden Schritt weiter sind, weil mit der oft polemisch gefüherten und von den Medien ausgeschlachteten Diskussion plötzlich viele Angebote entstehen (zumindest empfinde ich das hier so – es gibt z.B. die Stadtteilmütter, Angebote an der Volkshochschule, Stadtteilnetzwerke, einen interkulturellen Stadtplan, interkulturelle Feste, ein türkisches Internat, Bemühungen die Quote von Migranten bei der Polizei und in den Schulen zu steigern usw.). Und wenn diskutiert wird, dass unsere Gesellschaft oft zu stark selektiert, dann ist das erst einmal eine Feststellung, die mindestens ebenso wenig schmeichelhaft für unser System ist, wie für bestimmte Migranten. Natürlich kann ich als autochtoner Deutscher nicht genau wissen, welche Angebote wirklich etwas bringen, aber wenigstens passiert etwas und die Nachfrage sollte das regeln. Fatal wäre nur, wenn es überhaupt keine Nachfrage gäbe, aber danach sieht es für mich wirklich nicht aus.

            • Frank sagt:

              Noch ein kurzer Nachtrag: Ich bin z.B. Katholik, noch dazu aus Bayern und durchaus gläubig, wenn auch nicht orthodox. Wenn ich die Zeitungen aufschlage, lese ich ständig etwas negatives über die katholische Kirche, gerade jetzt zu Recht im Zeichen der Misßbrauchsfälle. Keine Woche, in der nicht eine Karrikatur zum Papst oder zu Christus oder zu Maria auftaucht, oder über die konservativen katholischen bayerischen Bauern.. Und etwas Wahres ist ja auch dran. Aber das hat wenig bis gar nichts mit mir zu tun und es ist mein anliegen, ein anderes Bild zu vermitteln und vielleicht auch einen andere Glaubenshaltung zu vermitteln.

              • Selçuk sagt:

                Hallo Frank,

                ich freue mich, dass ich Ihnen meine Meinung etwas verdeutlichen konnte.

                Ich gebe Ihnen Recht, es ist schon eine sehr komplexe Frage, ob ein Land jemandem gehören kann. Im Falle der Türkei ist es sogar sehr schwierig. Aber ich habe versucht zu unterstreichen, dass ich zwischen Türken und anderen ethnischen Minderheiten der Türkei keinen Unterschied sehe. Auch wenn sich jemand nicht als Türke bezeichnen möchte, ist er ein Teil dieses Landes! Solange er sich mit diesem Land identifizieren kann oder sich dort Zuhause fühlt, ist es auch sein Land. Ich habe nie das Wort „ausschließlich“ benutzt. „Türkiye Türklerindir“ macht es auch nicht, weil er eine ganz andere Bedeutung hat.

                Wissen Sie, wenn ich in der Türkei bin, mache ich mir um diese ganzen Dinge überhaupt keine Gedanken. Ich sehe die Menschen als Menschen, nicht als Türken.

                „Auf der anderen Seite glaube ich, dass wir gegenüber der Situation vor vier oder fünf Jahren einen entscheidenden Schritt weiter sind, weil mit der oft polemisch gefüherten und von den Medien ausgeschlachteten Diskussion plötzlich viele Angebote entstehen …“
                Das mag richtig sein, aber Sie sollten auch daran denken, dass dies alles nicht ohne Nebenwirkungen geschieht. An diese Nebenwirkungen muss man sich Gedanken machen. In den Köpfen vieler Menschen setzt sich ein sehr negatives Bild über Türken ab, vor allem bei denjenigen, die noch nie einem Türken begegnet sind. Was passiert mit diesem Bild? Wie beeinflusst es die Menschen in Ihrem Handeln? Ich sehe das sehr kritisch, weshalb ich immer für einen differenzierten Meinungsaustausch bin. Aber der Großteil derjenigen, die Meinungen bilden, sind nicht meiner Meinung. Sehr schade.

                „Aber das hat wenig bis gar nichts mit mir zu tun und es ist mein anliegen, ein anderes Bild zu vermitteln und vielleicht auch einen andere Glaubenshaltung zu vermitteln.“
                Ich finde es bemerkenswert, wenn Sie es so aufnehmen und versuchen ein anderes Bild zu vermitteln. Wenn ich ehrlich sein soll, fehlt mir irgendwann die Kraft und ab einer Grenze auch die Lust. Ich habe keine Lust auf die absurdesten Dinge einzugehen, dann lasse ich es lieber. Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl auch.

      • Lazarine sagt:

        Die Türkei gehört den Türken – Deutschland den Deutschen…
        Türkei gehört den Türken ist ne Feststellung und Deutschland den Deutschen ist so ne Art Aufruf bzw. die Feststellung, dass Deutschland eigentlich den Deutschen gehören sollte. Die Türkei ist also einen Schritt weiter.

        Ich weiß nicht genau, ob Deutschland noch den Deutschen gehört, denn es wird besetzt gehalten von einer kleinen Minderheit mit einer bedrohlichen, verlogenen Ideologie, die weder integrationswillig noch -fähig und auch noch kriminell ist und vom Staat alimentiert wird:
        POLITIKER

      • Gottfried sagt:

        Die Türkei gehört also den Türken!! Und was ist mit den Kurden die in der Türkei leben? Achso,die haben ja gefälligst Türken (Bergtürken) zu sein, ob sie wollen oder nicht. Was ist mit den anderen Resten von Minderheiten wie Aramäern, Armeniern, Griechen u.s.w., die der türkische Nationalismus der letzten 100 Jahre übriggelassen hat? Denen gehört die Türkei also auch nicht, obwohl sie allesamt schon seit tausenden von Jahren auf dem Gebiet der heutigen Türkei leben. Also entschuldigen Sie bitte, aber der Spruch hinter dem Sie hier stehen und den Sie verteidigen, ist in meinen Augen und gewiss auch in den Augen oben genannter Bevölkerungsgruppen Rassissmus pur. Er unterscheidet sich in seiner Intension in keinster Weiße von dem Auspruch „Deutschland den Deutschen“, den ich hier ganz gewiß nicht verteidigen will. Gottseidank ist dieser Ausspruch aber bei 99.9 % der Deutschen mit Recht verpönt, während sein türkisches Pedant mit der größten Selbstverständlichkeit auf Seite 1 einer türkischen Tageszeitung prangt.

      • Ozan sagt:

        Das hat leider Gottes wenig mit Kenntnissen der türkischen Sprache zu tun, sie verstehen es einfach nicht. Versuchen Sie mal einem Deutschen den Unterschied zwischen „Ich bin stolz Deutscher zu sein“ und „Ne mutlu Türküm diyene“ („Welch ein Glück wird dem zuteil, der von sich aus sagt, Ich bin ein Türke.“ ) zu verklickern… Hoffnungslos.

  3. Johanna sagt:

    „Weiße Deutsche und türkische Machos“

    Ich frage mich gerade, ob „weiß“ und „türkisch“ verschiedene Dinge sind. Selbst als „Gedankenexperiment“ eignet sich dieser Vergleich nicht.

  4. Frank sagt:

    Sehr geehrte Frau Krol, darf ich Sie fragen, was daran rassistisch ist, wenn man sich mehr „ältere MigrantInnen“ in der Oper wünscht? Ich habe das nicht ganz verstanden, auch wenn ich als Opernfan eher finde, dass der Oper das jüngere Publikum (auch das autochtone) fehlt.
    Ich halte es übrigens für relativ schwer optisch zu erkennen, wer nun einen Migrationshintergrund hat, was das auch immer ist, und wer nicht.. Es soll schließlich auch schwarzharige Deutsche geben und die meisten „Deutschen“ sind ohnehin ein ethnisches Mischmasch. Benachteiligungen gibt es – so denke ich – wenn die Bürokratie ins Spiel kommt und über Namen oder Angaben zur Person ein Migrationshintergrund entdeckt wird oder wenn eine die Glaubenszugehörigkeit offenkundig ist (darum gibt es ja eine Debatte ums Kopftuch).
    Sie müssten aus meiner Sicht präzisieren, warum die Deutschen Ihrer Meinung nach zwar ein exklusives Anrecht auf den Boden(!) und die Nation reklamieren, nicht aber auf die Geschichte. Zudem: Gibt es denn unabhängig von der Diskussion um Zuwanderung nicht doch auch eine sehr breite und auch differenzierte Diskussion um krisenhafte Erscheinungen unserer Gesellschaft? Und warum sollten Probleme der Migration nicht thematisiert werden? Sie trägt – neben ganz vielen anderen Aspekten – zur Veränderung und Diversifizierung der Bevölkerung und der Lebenswelt bei womit wir umgehen müssen. Bestimmte Werte können eben nicht mehr für alle definiert werden, was wiederum Rückwirkung auf eine institutionelle Ebene haben wird und z.B., meiner Meinung nach die kulturelle Physiognomie unseres Landes in den nächsten Jahren stark verändern wird.
    Ich fühle mich auch oft fremd und von bestimmten Gruppen ausgeschlossen obwohl ich keinen Migrationshintergrund habe. Und was meinen Sie, wie oft ich schon in der Straßenbahn angepöbelt wurde (ich spreche jetzt wieder nicht von den durch die deutschen Medien geisternden jungen Macho-Migranten sondern von ganz unterschiedlichen Personen)? Nicht umsonst wandern ja auch viele autochtone Deutsche aus.
    ZUsammenfassend gesagt: Ich glaube, dass wir im Moment eine Situation haben, die weder für Migranten, noch für Autochtone besonders freundlich ist. Ängste sind ganz normal und es ist eben leichter, Sie auf die „Anderen“ zu projizieren, was wechselseitig geschieht.

    • minimal sagt:

      Wandern die autochtonen wegen pöbelnder Menschen aus?
      Wenn das schon ein Grund zum Auswandern sein soll…dann wäre Deutschlands Einwohnerzahl beträchtlich kleiner.

      Menschen wandern aus den verschiedensten Gründen aus, aber nicht weil sie angepöbelt werden. Sondern, weil Sie in diesem Land keine Perspektive sehen. Und dazu gehört mehr als angepöbelt zu werden.

      Ich frage mich, wo die Kommentierenden alle wohnen, das müssen ja schreckliche Orte sein. Also, ich hab keine Angst auf die Straße zu gehen, ich werde auch nicht angepöbelt. Und ich finde, dass das Konfliktpotential maßlos übertrieben wird. Sicher gibt es Konflikte und über Probleme muss offen geredet werden. Aber bei einigen, hört es sich so an (nicht auf Sie bezogen, Frank), als würde übermorgen ein Bürgerkrieg ausbrechen. Das halte ich für keine konstruktive Sicht der Dinge.

      „ZUsammenfassend gesagt: Ich glaube, dass wir im Moment eine Situation haben, die weder für Migranten, noch für Autochtone besonders freundlich ist. Ängste sind ganz normal und es ist eben leichter, Sie auf die “Anderen” zu projizieren, was wechselseitig geschieht.“

      Also, ich finde es recht friedlich in Deutschland. Sicher sind Ängste normal und der Fakt, dass – wie Sie sagen – diese projiziert werden, sagt doch aus, dass die Ursachen oft genug nicht auf Tatsachen basieren, sondern in einem selber liegen. Und damit muss jeder Mensch sich auseinandersetzen und fragen, woher seine Ängste kommen. Aber es sollte nicht normal sein, alles schlecht zu reden und angstbesetzt durch das Leben zu gehen.

      • Frank sagt:

        Ich habe den Bezug wohl falsch gesetzt. Es ging nicht darum, dass autochtone Deutsche wegen Pöbeleien auswandern. Sie wandern aus, weil es in Deutschland andere, wirtschaftliche oder soziale, Probleme gibt (die sich aber wiederum an der Gewalt z.B. im öffentlichen Raum abzeichnen können). Ich wollte vielmehr zum Ausdruck bringen, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht die einzigen sind, die im öffentlichen Raum oder auf Ämtern schlecht behandelt werden und dass nicht jede Pöbelei einen xenophoben Hintergrund hat, weil es in Deutschland allgemein oft kein ausgesprochen freundliches Klima im Umgang miteinander gibt.
        Ob Ausgrenzung und Gewalt (auch verbale) wirklich kein Grund zum Auswandern sind, nun aber bezogen auf Minderheiten, würde ich trotzdem dahin gestellt lassen; im Vorfeld des NS-Regimes gab es eben solche Anzeichen für eine Radikalisierung. Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland im Moment so weit sind, aber wir müssen aufpassen. Ich gebe Ihnen, minimal, aber Recht, dass es in vielen Fällen gar nicht so riesige Konflikte gibt. Ich saß, um ein Beispiel zu nenne, kürzlich in der Straßenbahn, eine bedeckte Muslima mit ihrer kleinen Tochter war auch in der Tram und alle umstehenden haben die Kleine angelächelt. Gerade auch Südländer sind andererseits immer ganz entzückt von meinen blonden, blauäugigen Neffen.

  5. Boli sagt:

    “Die Türkei gehört den Türken” und nicht “Die Türkei den Türken”

    Also sinngemäß unterscheidet sich hier nichts und auch nicht vom Spruch Deutschland den Deutschen. Ist das gleiche. Solche Sprüche können auch gar keinen anderen Sinn haben da sie auch nur aus dem Mund eines radikalen Nationalisten „Sinn“ bekommen und zwar für den der die Worte ausspricht.

    @minimal
    Es kommt in der Tat darauf an wo man wohnt. Und selbst wenn Menschen egal welcher Ehnie zwar nicht das Land verlassen aber vielleicht auch nur einen Stadtteil wie z.B. Berlin/Neuköln wo sie aufgewachsen sind dann ist dies auch schon schlimm genug.