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Wir haben in dieser Woche gerade einige Gesetze verabschiedet – zum Beispiel gegen die Scheinehe. Und wir wollen damit deutlich machen, dass wir solche Zwangsverheiratungen zum Beispiel nicht billigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Video-Podcast der Bundeskanzlerin #35/10 vom 30.10.2010

Diskriminierung

Studie belegt Nachteile für Bewerber mit türkischen Namen

Trotz Antidiskriminierungsgesetz und allgemein wachsender Integrationsbereitschaft werden Stellenbewerber mit türkischen Namen auf dem deutschen Arbeitsmarkt noch immer eklatant benachteiligt. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor, die beim Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn erschienen ist.

Forscher der Universität Konstanz hatten in einem Feldversuch über 1000 Bewerbungen auf Praktikumsstellen für Wirtschaftsstudenten verschickt. Dazu verwendeten sie inhaltlich gleichwertige Bewerbungsunterlagen, denen per Zufall ein Name eindeutig deutscher oder türkischer Herkunft zugeordnet wurde. Die fiktiven Bewerber hatten nicht nur vergleichbare Qualifikationen und Fähigkeiten, sondern waren zudem ausnahmslos deutsche Staatsbürger und Muttersprachler. Das Ergebnis: Bewerber mit türkischen Namen erhielten insgesamt 14% weniger positive Antworten.

In kleineren Unternehmen war die Ungleichbehandlung sogar noch ausgeprägter: Hier hatten Bewerber mit türkisch klingenden Namen trotz gleicher Qualifikation eine um 24% geringere Chance auf ein Vorstellungsgespräch. Die Autoren führen diese Diskrepanz darauf zurück, dass Großunternehmen häufiger standardisierte Auswahlverfahren mit weniger Raum für subjektive Einschätzungen nutzen.

Download: Die englischsprachige Studie „Ethnic Discrimination in Germany’s Labour Market: A Field Experiment“ steht auf der IZA-Homepage zum kostenlosen Download bereit.

Diskriminierung trotz hoher Qualifizierung
Im internationalen Vergleich stehen deutsche Arbeitgeber dennoch nicht so schlecht da: Ähnliche Studien belegen für Länder wie die USA, Großbritannien oder Schweden eine deutlich größere Benachteiligung ethnischer Minderheiten. Allerdings wurden im Feldversuch der Konstanzer Ökonomen ausschließlich Stellen für hochqualifizierte Bewerber untersucht. Es ist also denkbar, dass in Branchen, die weniger vom Fachkräftemangel betroffen sind, auch in Deutschland noch stärker diskriminiert wird.

Ein weiteres interessantes Resultat der Studie: Wurden Empfehlungsschreiben früherer Arbeitgeber mit der Bewerbung eingereicht, hatten die türkischstämmigen Bewerber annähernd gleiche Chancen. Die Ökonomen werten diesen Befund als Beleg für „statistische Diskriminierung“, die darauf beruht, dass Personalmanager die Persönlichkeitseigenschaften von Bewerbern türkischer Herkunft schlechter einschätzen können. Diese Beobachtung zeigt, wie wichtig es ist, den „Teufelskreis“ der Diskriminierung zu durchbrechen. Erst wenn benachteiligten ethnischen Gruppen die Gelegenheit gegeben wird, sich auf dem Arbeitsmarkt zu beweisen, können sie die Vorurteile gegenüber ihrer vermeintlich geringeren Eignung ausräumen. Im Sinne einer vollständigen Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern ist daher ein Umdenken seitens der Arbeitgeber notwendig, das sich durch Gesetze allein nicht erzwingen lässt.

Weitere Studien, Statistiken und Um- fragen rund um Integration und Migration von Zuwanderern und Minderheiten in Deutschland gibt es im MiGAZIN Dossier: Studien.

Antidiskriminierungsstelle in der Pflicht
Ein Umdenken fordern angesichts solcher Studienergebnisse auch Volker Beck und Memet Kilic (beide Grüne) auf Seiten der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. „Auf dem deutschen Arbeitsmarkt gibt es vielfältige rassistische Diskriminierungen und Benachteiligung von Migrantinnen und Migranten. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes muss deshalb endlich aktiv werden und Vorschläge erarbeiten“, so die beiden Grünen-Politiker. Viele Studien belegten, dass das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz effektiver gestaltet werden müsse.

Bereits zuvor hatte eine Untersuchung des futureorg Instituts auf diese Problematik aufmerksam gemacht. „36 Prozent der jungen türkischstämmigen Akademiker sehen ihre Zukunft in die Türkei“, war der Grundtenor des Studienergebnisses (wir berichteten). Eines der Hauptursachen war das Gefühl der Benachteiligung auf dem hiesigen Arbeitsmarkt.

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74 Kommentare
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  1. Sugus sagt:

    „Die fiktiven Bewerber hatten nicht nur vergleichbare Qualifikationen und Fähigkeiten, sondern waren zudem ausnahmslos deutsche Staatsbürger und Muttersprachler.“
    Daß ich nicht lache. Deutsch als Muttersprache – das trifft vielleicht auf einen von hundert Türken zu.

  2. Selçuk sagt:

    Ich weiß nicht ob Sie es merken, aber Ihr Beitrag bestätigt das Ergebnis dieser Studie.

  3. Klose sagt:

    Ich kenne auch keinen Türken, der wirklich akzentfrei Deutsch spricht. Schade! Ganz im Gegensatz zu eher westlich orientierten Ausländern, z.b. Franzosen oder Spaniern. Kinder der zweiten Generation sprechen für gewöhnlich akzentfrei.

  4. lili sagt:

    fragt sich nur mit wievielen Türken,Sie sich bisher austauschen konnten. Ferner waren das alle samt Türken, die Sie gesprochen haben ?. Mich würden Sie vom Aussehen nie als Türkin erkennen, geschweige, dass Sie dies an meiner Aussprache festlegen könnten und da liegt die Crux der Vorurteile, gell? Weil alle Türken haben ja schwarze Haare und tragen Kopftuch.

  5. Mehmet sagt:

    Mich schätzt man als Spanier ein. Wenn der Name fällt, gibt es erstmal ein irritiertes Gesicht, weil ich nicht in das „Bild“ passe.

  6. Sugus sagt:

    Als Akademiker, der u.a. Texte von akademisch gebildeten Türken Korrektur gelesen hat, konnte ich eigene „Studien“ betreiben. Selbst Leute, die Deutsch akzentfrei sprachen, haben im Schriftlichen typische Ausländer-Fehler erkennen lassen – und zwar massig!

  7. Selçuk sagt:

    Nicht ablenken! Damit Sie verstehen, worüber Sie eigentlich schreiben, habe ich hier die Bedeutung von „Muttersprache“ aus dem Duden:

    „Mut|ter|spra|che, die [wohl nach mlat. lingua materna]: Sprache, die ein Mensch als Kind (von den Eltern) erlernt [u. primŠr im Sprachgebrauch] hat: seine M. ist Deutsch.
    © 2000 Dudenverlag“

    Eine Sprache, die ein Mensch als Kind erlernt! Das heißt nicht, dass ein Mensch seine Muttersprache perfekt beherrschen muss.

    Noch zwei Hinweise für Sie:

    „akademisch gebildeten Türken“ ≠ Muttersprachler
    „Selbst Leute, die Deutsch akzentfrei sprachen“ ≠ Muttersprachler

  8. Erkan A. sagt:

    Ich stimme dem im Grunde genommen zu, dass wir Türken zum größten Teil nicht fehlerfrei deutsch sprechen können. Das liegt meiner Beobachtung nach daran, dass man in der Schule, vor allem in der Oberstufe, keinen guten Deutschunterricht genossen hat. Den guten Deutschunterricht gibt es meist leider nur auf Gymnasien. Aufs Gymnasium schaffen es leider viele meiner Landsleute oft nicht, oft aber auch aufgrund vorurteilsbeladenen Lehrern in der Grundschule, die sich das Recht nahmen, die Kinder auf geringerwertige Schulen mit weniger Qualifikationsmöglichkeiten zu schicken, obwohl diese mehr Potential haben.
    Aber ich denke, dass sollte kein Hindernis sein, diese Leute in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Weil oft Türken, im Gegensatz vieler Vorurteile, sehr fleissig und ehrgeizig sind und sich oft durch sog. „emotionale Intelligenz“ von ihren deutschen Kollegen abheben. Anders sein hat auch seine Vorteile.

  9. Sugus sagt:

    Die Muttersprache ist die Erstsprache; ich habe übrigens nicht geschrieben, daß alle Deutschen perfekt Deutsch können! Aber an der Art, wie jemand welche Fehler macht, erkennt man ob er Mutter- oder Fremdsprachler ist. Und die wenigsten Türken in Deutschland, auch die jüngeren, sind wirklich deutsche Muttersprachler. Das konnte ich durch mein Korrekturlesen erkennen. Es waren typische Fehler von Ausländern.

  10. Selçuk sagt:

    Es tut mir leid, aber Sie schweifen schon wieder ab. Sie haben geschrieben:

    „Daß ich nicht lache. Deutsch als Muttersprache – das trifft vielleicht auf einen von hundert Türken zu.“

    Deutsch als Muttersprache hat der Großteil der Migranten, die in Deutschland geboren sind. In der Regel haben sie sogar zwei Muttersprachen, wie ich das bis jetzt immer beobachtet habe. In meinem Umfeld gibt es keinen einzigen Migranten, der in Deutschland geboren und dessen Muttersprache NUR Türkisch ist. Ich behaupte nicht, dass sie die deutsche Sprache perfekt beherrschen, aber dennoch ist sie deren Muttersprache.

    Wenn Sie nur von ihrer eigenen „Studie“ berichtet und bspw. geschrieben hätten, dass 99 von 100 Türken, deren schriftliche Arbeit Sie korrigiert haben, schlechte Deutschkenntnisse haben, wäre es ja in Ordnung gewesen. Aber das haben Sie nicht geschrieben. (Ihre Erfahrung möchte ich auch mal gemacht haben. So viele Akademiker mit türkischem Migrationshintergrund, kenne ich leider nicht persönlich.)

    Wenn bspw. Erkan A. schreibt:
    „Ich stimme dem im Grunde genommen zu, dass wir Türken zum größten Teil nicht fehlerfrei deutsch sprechen können.“
    ist es aus meiner Sicht erstmal völlig in Ordnung, weil er seine Beobachtung schildert.


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