Was bist du?

Bezeichnungsproblematik in Deutschland

Migrant, Immigrant, Eingebürgerter, Deutscher mit Migrationshintergrund, Türke, Deutscher, Deutschtürke, Araber, Engländer … oder jemand anderer? Migrationshintergrund lässt sich schwer definieren und darum geht es hier. Es hat zwei Seiten, denn wie man sich als jemand mit Migrationshintergrund definiert und wie man in einer Mehrheitsgesellschaft bezeichnet wird, sind sehr unterschiedlich.

Von Gülçimen Güven Mittwoch, 06.01.2010, 8:03 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 05.09.2010, 22:36 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Das Selbstbild mit einer vielschichtigen Identität, das sich manchmal gar nicht konkret definieren lässt, prallt auf die Vorstellungen beherrscht von Klischees. Das folgende Beispiel ereignete sich in der Sprechstunde zwischen einer Studentin und ihrem Germanistikprofessor.

Germanistikprofessor: Sie sprechen aber gut Deutsch.
Studentin: Danke, Sie aber auch.

Tja so ist das. Da wundern sich alle und möchten Anerkennung zeigen, dass man als augenscheinlich Nichtdeutsche eine elaborierte Sprache benutzt. Das Beherrschen der Sprache führt nicht automatisch zu einem Zugehörigkeitsgefühl bei der Person mit nichtdeutscher Herkunft und auch nicht zu Akzeptanz als vollwertiges Mitglied der Mehrheitsgesellschaft. Die Bezeichnungsproblematik ist eine endlose Diskussion.

Wenn in den Medien berichtet wird, findet man häufig ein Begriffswirrwarr. So wird manchmal von Migranten, Deutschtürken, Menschen mit Migrationshintergrund und Ausländern gesprochen. Bei Berichten zu Schülererhebungen wird es besonders deutlich, denn dort wird noch differenzierter unterschieden zwischen Migrantenkind, Migrationskind, Schüler nichtdeutscher Herkunft usw. Die Schwierigkeiten bei der Begriffswahl ist das Ergebnis von Unsicherheit bzw. Verunsicherung im Sprachgebrauch.

Entwicklung des Begriffs Migrationshintergrund
Die Entwicklung des Begriffs Migrationshintergrund lässt sich in der Literatur über Schülererhebungen verfolgen. In den 60ern und 70ern wird von „Ausländern“ gesprochen, denn die Annahme, dass ausländische Kinder nicht sesshaft waren, führte zu der Weiternutzung von Begriffen aus der Weimarer Republik. Im Laufe der Entwicklung wird nach dem Prinzip der Anerkennung der ethnischen Minderheiten diese Bezeichnung abgelöst durch „Migrant“, „Immigrant“ (wie in Großbritannien), „Zuwanderer“, „Migrantenkinder“, „Migrationskinder“, Kind mit Migrationshintergrund“ und als aktueller Begriff „Kinder nichtdeutscher Herkunft“.

Alle Zuwanderer, die keine Staatsbürgerschaftsrechte besitzen (unabhängig aus welchem Grund sie sich in einem Land aufhalten), werden zusammengefasst als Ausländer bezeichnet. Die Begriffe Migrant und Immigrant bezeichnen Zuwanderer mit eigener Migrationserfahrung, welche in ein anderes Land übersiedeln mit der Absicht, sich in diesem Land dauerhaft anzusiedeln. Migrantenkinder bezeichnet all jene, dessen Eltern zugewandert sind. Bei der Bezeichnung Migrationskinder wird auf die Berücksichtigung eines Migrationshintergrundes hingewiesen. Die aktuelle Variante Kind nichtdeutscher Herkunft gibt Auskunft darüber, dass die ethnischen Wurzeln außerhalb Deutschlands sind, ohne weitere Information, wo das Kind geboren wurde oder welche Staatsangehörigkeit es besitzt. Hauptsächlich ist die Wortwahl geprägt durch die Politik, die sich dann in der wissenschaftlichen Literatur niederschlägt und kaum differenziert in den Medien aufgegriffen wird. Das ist der Grund, warum alle Begriffe heute durcheinander verwendet werden.

So kann man in der Zeitung über die Erfolge von einem Deutschtürken lesen oder auch über die türkischen Ausländer, die sich gesetzeswidrig verhalten. Es werden Weltbilder projiziert, die unreflektiert in Form von Schubladendenken an Generationen weitergegeben werden. Der folgende Dialog – eine wahre Begebenheit – fand zwischen mir und einer neuen Arbeitskollegin statt. Es handelt sich um ein typisches Beispiel, wo man in ein Schema eines Weltbildes gepresst wird:

Die neue Kollegin (ohne Migrationshintergrund):
Sag mal, ich habe mal ne Frage, was bist du eigentlich?
Ich: Wie jetzt?
Sie: Naja, ich meine woher kommst du?
Ich: Ach so, ich komme aus Deutschland.
Sie: Wie jetzt, du hast doch dunkle Haare und dein Name …?
Ich: Ja, und? Ich bin hier geboren und aufgewachsen.
Sie: Und woher kommen deine Eltern?
Ich: Meine Eltern sind aus der Türkei.
Sie: *erleichtert* Na siehst du, dann kommst du also aus der Türkei.

Seiten: 1 2

Zurück zur Startseite
MiGAZIN ABONNIEREN (mehr Informationen)

MiGAZIN wird von seinen Lesern ermöglicht. Sie tragen als Abonnenten dazu bei, dass wir unabhängig berichten und Fragen stellen können. Vielen Dank!

WEITERE INFOS
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. RA Ünal Zeran sagt:

    Du bist Du. Ich bin Ich.
    Alle versuche Menschen zu kategorisieren sind Konstrukte. Es kann Gemeinsamkeiten und Überschneidungen verschiedener Identitäten geben. Das Individuum ist jedoch einmalig.
    Meine Identität speist sich aus Zigtausenden Kategorien.
    Der Versuch durch Wissenschaft bestimmten Konstrukten mehr Substanz zu verleihen, ist zum Scheitern verurteilt. Die Konstrukte erfinden sich immer wieder von Neuem. Bei einer Halbwetrzeit von 10-20 Jahren für bestimmte Kategorien widerlegt sich die Wissenschaft selbst.
    Jetzt ist Migrationshintergrund in Mode. Warum nicht Migrationsvordergrund oder Migrationsunterbau oder Migrationsüberbau oder….oder…
    Wir werden weiter viele Kategorien erfinden, um unsere Herrschaftsmodelle zu legitimieren. Darauf beruht diese nach machiavellistischen Prinzipien (divide e impare) aufgebaute Gesellschaft.
    Entscheidend ist nicht, ob der Mensch einen Migrationshintergrund oder Gastarbeiter oder Zuwanderer ist. Entscheidend ist, wie und welche Teilhabe in der Gesellschaft möglich ist. Ich verweigere mich diesen Denkkonstrukten und bestehe darauf als Individuum wahrgenommen zu werden.

  2. NDS sagt:

    Toller Artikel!!
    Eine Übersicht, die diese Problematik als statistisches Schaubild zusammenfasst, lieferte uns 2005 das „Information und Technik NRW“ unter http://www.it.nrw.de/presse/pressemitteilungen/2005/pres_117_05.html
    Viele Grüße
    NDS

  3. Cyril sagt:

    Dieser Beitrag war längst fällig. Danke dafür!!

  4. Misti sagt:

    Hanoi, Du bischt koy Türk!

    So, oder so ähnlich ging es mir in meiner Kindheit und selbst heute noch ernte ich Verwunderung, wenn es um die Frage aller Fragen geht und der damit verbunden Antwort zu meiner tatsächlichen Herkunft.

    Diese Frage war immer dann von Bedeutung, wenn Menschen meinten, ernsthaft sich für meine Person zu interessieren und dieses Interesse dabei dann auf eine einfache Formel reduzierten, dem des vermeintlich anders Sein.

    Schnell jedoch erfolgte die Endtarnung. Ein ungläubiges fast kindlich naives Gesicht, als wäre es gerade gefragt worden, ob es von der Schokolade genascht hätte und diese doch unverschämte Frage selbst mit einem kategorischen nein quittiert und dabei die Schokoladenspur in den Mundwinkeln noch zu erahnen war, wenn ich zu verstehen gab, dass meine Eltern ursprünglich aus der Türkei stammten und ich wohl daher türkischer Herkunft wäre.

    Ein Gefühl der Hilflosigkeit gekreuzt mit Genugtum und der bodenlosen Endtäuschung stellte sich dabei bei mir ein, wenn sich sie Fäden der Zuversicht und des Glaubens allmählich im Gewebe der Anerkennung und des ernsthaft Wahrgenommen auflösten und ein Teil meine Flickenteppichs auseinander zu fallen drohte. Menschen hatten im Vorfeld ihr Urteil getroffen und waren nun mit dem für mich selbstverständlichsten konfrontiert, der Wahrheit, nicht zu Frieden.

    Hanoi, Du bischt koy Türk! Hat heute nach über vierzig Jahren für mich eine andere Bedeutung. Wie abgestandener Kaffe ohne Zucker und Milch, so schmeckt mir die Antwort und der Gedanke dazu, was mir mein Gegenüber eigentlich damit sagt!

  5. Murat sagt:

    Hm. Ist es nicht verwerflich von Bezeichnungsproblematik zu reden und gleichzeitig selbiges in abgewandelter Form als Eigenmarkenname zu verwenden? .. however.

    Also ich habe inzwischen keine Probleme mehr damit irgendeiner Begrifflichkeit zugeordnet zu werden zumal man es selbst in Gesprächen klartstellen und und die Sache somit aus der Welt wäre.
    Das wirklich Problem ist nicht die Bezeichnung an sich bzw. die Kategorisierung, denn irgendwie muss sich ja jemanden definieren können. Ob generell als Bürger eines Staates oder im speziellen als Mensch mit Migrationshintergrund.

    Die Auseinandersetzung mit Selbst- Fremdbildern wie du es forderst, wird nicht nur von Begrifflichkeiten abhängen.
    Es ist vielmehr die Unwissenheit, des die das verzerrte Bild von entstehen lassen.

    Dieses Phänomen geht durch alle Schichten, der Arbeiter am Fließband, der Bäcker um die Ecke oder der Proffesor in der Universität aber auch Politiker im Bürgermeisteramt eines Dorfes kennen ihre eigene (Mit)Bevölkerung nicht!
    Da ist es auch nicht verwunderlich, dass man sich ein eigenes Bild zu konstruieren versucht.

    Doch das konstruierte Bild zeigt nur eines: Dass Nicht-Bio-Deutsche (Deutsche mit Migräne-Hintergrund! :) ) immernoch nicht akzeptiert sind, bestenfalls tolleriert!

  6. NDM sagt:

    Um das sprachliche Kuddelmuddel mal zu erweitern: Auch interessant ist der Begriff „Inländer“.

    Wikipedia sagt hierzu:

    „Als Inländer bezeichnet man in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) die Einwohner eines Landes, also alle Personen (Staatsangehörige oder Ausländer), die im Wirtschaftsgebiet eines Landes ansässig sind, auch wenn sie vorübergehend abwesend sein sollten.“

    Umgangssprachlich bezeichnet der Begriff häufig einfach jeden Menschen mit inländischer Staatsangehörigkeit, völlig undabhängig von der familiären Migrationsgeschichte. Ich glaube, in der Rechtswissenschaft wird es ebenso gehandhabt. Wikipedia sagt zudem:

    „Umgekehrt wird in der Rechtswissenschaft neuerdings der Begriff „De-facto-Inländer“ für solche „Ausländer“ verwendet, die mehr oder weniger lange und integriert im Inland leben, ohne die Staatsbürgerschaft des jeweiligen Landes zu besitzen.“

  7. Schneter sagt:

    In der Türkei werde ich stets gefragt: WOHER KOMMEN? Na, mich ärgert das nicht, weil ich ja auch nicht wie ein Türke aussehe. Ich bin ein Fremdländer, soviel steht fest. Erst spät habe ich begriffen, dass die Menschen das nicht böse meinen. Es ist eine Art von Neugier. Man kommt so miteinander ins Gespräch. Vielleicht erfährt man Neuigkeiten aus der Ferne, vielleicht hat man irgendetwas interessantes zu bieten. Ausserdem weiss man dann, mit welcher Kultur man es zu tun hat. Wenn ich dann ein paar Brocken Türkisch rede, freuen sich alle. DAS hätte mir keiner zugetraut.

    So ähnlich ist das vielleicht hier in Deutschland auch? Oder denkt ihr, es ist eher der allgegenwärtige, altbekannte, deutsche Rassismus?

    • Selçuk sagt:

      Naja, es ärgert mich auch nicht, wenn mir diese Frage gestellt wird. Aber ich bin ja auch nicht hier (Deutschland) geboren. Selbst wenn wäre es absurd jedem Rassismus vorzuwerfen, der so eine Frage stellt. Außerdem können Sie Ihre Situation nicht mit der in dem Artikel beschriebenen vergleichen. Oder wie lange lebt Ihre Familie schon in der Türkei?

    • Dora sagt:

      Klar sagt hier diesmal Herr Schneter nichts rassistisches. Schaut frau aber einmal auf die überhaupt nicht rassistische PI rüber, sieht es um Herrn Schneter ganz anders aus. Dort zieht er nämlich ein interessantes Ergebnis:
      „dann warst du noch nie in der Türkei. Der Türke hat keine Moral in unserem westelichen Sinne, der Türke handelt strikt nach dem Koran. Und der sagt aus, dass Ungläubige bestohlen, betrogen, belogen, angegrabscht, bespuckt, getreten, ja getötet werden können ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu empfinden! Wann kapiert das der “gute” “weiche” Softi-Deutsche endlich?
      Der Moslem ist aus einem anderen Holz geschnitzt als der Westler, einem verdorbenen aber hartem Holz!

      Gruss
      Hans.Schneter“

      Stimmt, das ist nicht deutscher Rassismus, das ist schlicht und einfach Rassismus der widerwärtigsten Art.

  8. Pingback: Unorthodoxe Gedankensplitter | Ramadan und Opferfest mit Kandil.de

  9. LI sagt:

    Der Wandel

    Früher war ich Türke
    dann war ich lange Jahre Deutscher

    und plötzlich wurde ich degradiert zum „Deutschen mit Migartionshintergrund“, was immer das sein mag und
    was – wenn wir ehrlich sind – doch nur heißt, dass ist doch gar kein echter Deutscher im
    Sinne von Herkunft und Abstammung, Aussehen, Essgewohnheiten usw.

    Auch das Zusammenzucken meiner Gegenüber, wenn ich von „wir Deutschen“ rede amüsiert nicht nur.

    Was klar werden muß, daß die hier lebenden Kinder der zweiten, dritten und vierten Generation mittlerweile einen eigenen kulturellen Weg aus der Mischung zweier Kulturen gehen, welcher jetzt noch nicht, aber in wenigen Jahren ganz entscheidend Einfluss auf die kulturelle Entwicklung Deutschlands und auch der Abstammungskulturen nehmen wird.

    Die völlig überflüssige und diffuse Angst der Merhheitsgesellschaft vor dieser zwangsäufig kommenden Veränderung ist letztlich das prägende Merkmal der jetzigen Migrationsdebatte.

    LI

  10. e sagt:

    hat mir wieder gut gefallen dein artikel!

    ich selbst habe eigentlich fast immer in deutschland gelebt, bin hier geboren und aufgewachsen, hab eine deutsche mutter einen deutschen nachnamen, spreche nur ein paar brocken griechisch, aber weil man mir wohl den zyprischen vater ansieht, kenne ich das „woher kommst du“ nur zu gut. auch dass ich „gut deutsch könne“ ist mir schon mal passiert.

    bei zwei seelen in der brust, is ja schon mit der eigenen identität nicht immer alles so eindeutig zu benennen – ich hab mich jedenfalls oft gefragt warum denn viele andere es dann immer so genau nehmen wollen.

    wenn die erste frage die man einem stellt ist woher, also aus welchem fernen land, man kommt, anstatt z.b. was für interessen man hat, ich finde das ist um jmd kennenzulernen als erste frage doch irgendwie schräg, da es zwar mit der persönlichkeit etwas zu tun haben kann und es vlcht auch ne interessante geschichte sein könnte, aber der charakter doch aus so viel mehr geformt ist.