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Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, MiGAZIN, 28. Januar 2010

Flüchtlinge in Calais

Der ewige Traum von Großbritannien

In Calais und Dünkirchen hoffen noch immer mehr als 1000 Menschen, einen Weg nach Großbritannien zu finden. Niklas Golitschek war vor Ort und hat mit den Menschen gesprochen. Einer war Azubi in Deutschland. Dann musste er gehen.

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Eine Fähre steuert von Calais die britische Hafenstadt Dover an. Im Hintergrund ist bereits die Küste zu sehen. © Niklas Golitschek

VONNiklas Golitschek

Niklas Golitschek ist freiberuflicher Journalist aus Bremen, wo er beim Weser-Kurier volontiert und als Redakteur gearbeitet hat. Seit 2015 befasst er sich mit Menschen auf der Flucht, insbesondere in Europa. Seine Schwerpunkte sind sozialpolitische und digitale Themen sowie Sport. Auf Twitter ist er unter NGolitschek zu finden

DATUM14. September 2018

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RESSORTLeitartikel, Panorama

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Calais. Östlich der Autobahn N216, die zum Hafen von Calais führt, wächst wieder das Grün. Wo vor weniger als zwei Jahren noch bis zu 10.000 Flüchtende und Migranten ausharrten in Holzhütten, Zelten und Wohnwagen, ist nun Ruhe eingekehrt. Einzig ein Polizeiauto, das vor der Unterführung zum einstigen „Dschungel von Calais“ abgestellt ist, erinnert unscheinbar daran, was sich hier abgespielt hatte.

Seit der Räumung des inoffiziellen Lagers im Oktober 2016 bemüht sich die Präfektur darum, keinen neuen Dschungel entstehen zu lassen. Nach Angaben von Hilfsorganisationen verteilen sich mittlerweile etwa 500 Menschen auf fünf Plätze in der Hafenstadt. Einer davon liegt nur unweit vom alten Dschungel – an der Zufahrtsstraße in einem Industriegebiet. Dort liegen sie auf den Gehwegen in der Mittagssonne oder sitzen auf den Gesteinsbrocken vor ihren Zelten. Überwiegend kommen die jungen Männer aus afrikanischen Ländern, doch auch Frauen, Familien und andere Nationalitäten wie etwa Afghanistan sind hier anzutreffen. Sie alle verbindet der Traum, es über den Ärmelkanal oder durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu schaffen.

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Drei junge Männer sitzen an der Autobahnstrecke in Richtung Fähre. © Niklas Golitschek

Einer dieser jungen Männer ist Mohammed. Seinen echten Namen will er nicht nennen, er fürchtet Probleme, sollte er tatsächlich auf die gelobte Insel gelangen. Seit mehr als drei Monaten lebt er inzwischen in den Straßen von Calais. „Ich habe fast drei Jahre in Deutschland gelebt“, erzählt er in nahezu flüssigem Deutsch. In Dresden habe er bereits eine Ausbildung gefunden gehabt und sich schon in Integrations- sowie Vorbereitungskursen befunden. Wieso er nun Calais ist? „Dann kam der Brief, dass ich nicht weitermachen darf“, sagt er, der Asylantrag sei abgelehnt, die Arbeitserlaubnis entzogen worden. „Ich will deutsch lernen und arbeiten. Was soll ich dann in Deutschland machen?“, fragt er weiter. Nun hoffe er, in England Arbeit zu finden. Das sei auch nicht einfach, für ihn aber die letzte Perspektive in Europa. Gute Erinnerungen an Calais wird er wohl nicht behalten. „Es ist ganz schlimm, hier zu leben. Wir haben Probleme mit der Polizei, sie nehmen uns alles“, sagt Mohammed.

Gemeint sind damit die Räumungen der Lager durch die Polizei. „Offiziell sind es Reinigungsaktionen. Die Polizei lässt aber den Müll da und nimmt die Habseligkeiten“, sagt Helena Kelly, die als Freiwillige bei der Organisation „Refugee Info Bus“ mitwirkt. Beschlagnahmt würden dann unter anderem Zelte, Decken und Schlafsäcke. Kelly spricht dabei auch von Polizeigewalt und Einschüchterungsversuchen gegenüber Freiwilligen. Gleichzeitig biete die Lokalregierung zweimal täglich an festen Punkten Mahlzeiten und habe sich einverstanden erklärt, Wasserstellen und Toiletten zu installieren. Kellys Organisation fährt die inoffiziellen Lager täglich an, bietet dabei unter anderem mobile Handy-Ladestationen, Wlan, Sprachkurse und rechtliche Beratung. Auch für die Freiwilligen sei die Situation schwierig, zu sehen wie schlecht die Menschen von der Polizei und Regierung behandelt würden. „Es ist frustrierend, Spenden zu verteilen, die zwei Tage später konfisziert und zerstört werden.“

Doch so lange noch ein kleiner Bruchteil einen Weg nach Großbritannien finden, lebt auch der Traum bei den anderen weiter. Und Berichte über erfolgreiche Versuche machen immer wieder die Runde. Gerade die Regenfälle und starken Temperaturabfälle Mitte August haben jedoch auch gezeigt, dass in der Hafenstadt bald die unangenehmen Monate bevorstehen. Die Stimmung sei zunehmend verzweifelt gewesen während der nassen Tage, berichtet Helena Kelly. „Es war ein Schock, dass der Winter schon bald kommt.“ Doch selbst wer sich dafür entscheidet, in Frankreich Asyl zu suchen, könne auf der Straße landen – aus Platzmangel. „Um eine Unterbringung zu erhalten, muss man nachweisen, zu einer verwundbaren Gruppe zu gehören“, sagt Kelly.

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Helena Kelly (rechts) informiert mit ihrem Team Flüchtende über ihre rechtlichen Möglichkeiten in Frankreich. © Niklas Golitschek

Katie Richards engagiert sich beim „Refugee Women’s Center“ in Dünkirchen und kümmert sich vor allem um Familien in der benachbarten Hafenstadt von Calais. Zuletzt seien hier deutlich mehr Menschen angekommen, teilweise bis zu 40 täglich. Auch 55 Familien waren Mitte August nach Angaben der Freiwilligen darunter. Die meisten kampieren in einem neuen Dschungel unweit der Autobahn Richtung belgischer Grenze, zwischen den Bäumen sind die Zelte von dort bereits erkennbar. „Wir haben einmal pro Woche eine Räumung“, sagt Richards. Die Mehrheit der Menschen in Dünkirchen versuche ebenfalls, nach Großbritannien zu gelangen. Gerade Familien berichteten jedoch, dass dies nun deutlich schwieriger sei. Wenn bei den Räumungen die Reisebusse anrücken, werde ihr Team jedoch auch immer wieder von den Familien gefragt, wie diese in eine staatliche Unterkunft könnten. „Dort dürfen sie aber nur einen Monat bleiben, dann müssen sie nach Asyl fragen“, führt Richards aus. Danach dürften sie zwar auch weiterhin übernachten, erhielten allerdings kein Essen mehr. Diese Lücke versuchten dann Freiwillige zu füllen. Doch gerade für unbegleitete Minderjährige, eine vulnerable Gruppe, tue die Regierung kaum etwas, obwohl dies laut Gesetz deren Pflicht sei. Dies führe zu Ausbeutung und Kinderarbeit.

Für die Freiwilligen des Frauen-Centers kommt erschwerend hinzu, dass ihr Lagerhaus mit zahlreichen Spenden Ende August gebrannt hat. Das macht die Versorgung der Menschen in Dünkirchen noch komplizierter. Mit Spendenaufrufen versucht die Organisation, die Bestände wieder aufzustocken.

Anfragen zur aktuellen Lage ließen die Verwaltungen von Calais und Dünkirchen unbeantwortet. Im Falle Dünkirchens handelten die Behörden nun jedoch: Die Polizei räumte abermals das Lager – und löste es auf. Vorausgegangen war dem Frauen-Center zufolge ein Gerichtsurteil zur Räumung, nachdem der Grundstücksbesitzer gegen die Besetzung seines Landstücks geklagt hatte. „Familien haben uns geschrieben, dass sie keine Zeit hatten, ihre Sachen einzusammeln und nichts mehr haben“, schrieb die Organisation auf Facebook. Dabei habe es auch Berichte von Übergriffen seitens der Polizei gegenüber den Männern gegeben. Während die Familien und einige Männer in Unterkünfte gebracht worden seien, hätten etwa 300 Männer keine Bleibe erhalten. Die Freiwilligen berichteten zudem von mehreren Männern, die übereinstimmend erzählt hätten, den ganzen Tag ohne Verpflegung herumgefahren worden zu sein – und am Ende am Straßenrand stehen gelassen worden zu sein.

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Mittagsschlaf in einem der Zelte. © Niklas Golitschek

Die Situation in den beiden nordfranzösischen Hafenstädten hat sich seit der Räumung im Oktober 2016 kaum verändert – bis auf die wieder zunehmende Zahl von ankommenden Menschen. Die Erfahrung im Falle der Räumung in Dünkirchen zeigt auch, dass wohl bald an neuer Stelle wieder ein neues Zeltlager entstehen wird.

Seit sieben Monaten probiert auch Abdul, der ebenfalls nicht seinen richtigen Namen nennen will, erfolgslos, von Calais aus auf eine Fähre Richtung England zu kommen. Andere seien seit zwei Jahren hier, sagt er. „Am Hafen sind viele Kontrollen“, weiß Abdul aus Erfahrung. Besonders hart, heißt es, ist die dritte Kontrolle, wenn die Polizei mit den feinen Nasen der Spürhunde die Lkw durchsucht. Doch für Abdul ist das den Aufwand offensichtlich wert, solange eine kleine Chance besteht, Großbritannien zu erreichen. Mit sechs, sieben Leuten teilten sich die Camp-Bewohner ein Zelt, wenn sie denn eins haben. In Frankreich nach Asyl zu fragen, sei für ihn jedoch keine Option. Denn auch er wurde in Deutschland abgelehnt und könnte von Frankreich per Dublin-Verfahren zurückgeschickt werden – das wäre wohl gleichbedeutend mit einer Abschiebung in sein Heimatland, in dem er verfolgt worden sei. Erst nach 18 Monaten werden die Fingerabdrücke in der Eurodac-Datenbank gelöscht. „Ich muss nach England fahren“, sagt Abdul.

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2 Kommentare
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  1. Rene sagt:

    Nur, dass die Fingerabdrücke nicht gelöscht werden. Sie verbleiben in der Datenbank. Von einer Löschung nach Zeit steht auch nichts in den rechtlichen Grundlagen.

  2. Jochen sagt:

    Da sind so viel Illusionen im Spiel. Der Brexit wird es final erledigen, in GB noch Arbeit zu finden. Die Wirtschaft geht jetzt schon den Bach runter.



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