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Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Zwischen Regierung und Kirche

Mehrheit deutscher Regierungsmitglieder gehört einer Kirche an

Zwei Drittel aller Politiker, die einem Bundes- oder Landeskabinett angehören, gehören auch der Kirche an. Das ergab eine Umfrage unter Regierungsmitgliedern. Zum muslimischen Glauben bekannte sich kein einziger Politiker. Religionssoziologe Pollack ist verwundert darüber.

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Eine Kirche in Frankfurt © friedenspanzer @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die Mehrheit deutscher Regierungsmitglieder bekennt sich zum christlichen Glauben. Wie eine Erhebung des Evangelischen Pressedienstes ergab, gehören 118 der insgesamt 177 Mitglieder (zwei Drittel) der Bundes- und Landeskabinette einer christlichen Kirche an. 40 Regierungsmitglieder (23 Prozent) sind konfessionslos, 19 machten keine Angaben zu ihrer Religionszugehörigkeit. Kein Mitglied einer Regierung bekannte sich zum muslimischen Glauben. Das überrascht den Religionssoziologen Detlef Pollack: „Es wundert mich, dass man nicht auf diesen Vorbildeffekt setzt“, sagte er dem epd.

Unter den Christen sind die Protestanten in den Entscheidungspositionen der Politik in der Mehrheit: 62 Kabinettsmitglieder (35 Prozent) sind evangelisch, 55 katholisch (31 Prozent). Eine Ministerin gehört der Neuapostolischen Kirche an. Unter den 16 Ministerpräsidenten sind sieben evangelisch, sechs katholisch und drei konfessionslos. Gemeinsam mit der evangelischen Pfarrerstochter Angela Merkel (CDU) sind damit acht Regierungschefs in Deutschland Protestanten. Im Bundeskabinett gehören alle Mitglieder einer christlichen Konfession an: Zehn sind evangelisch, sechs katholisch. Die Differenz zwischen den Konfessionen verliere aber immer mehr an Bedeutung, sagt Religionssoziologe Pollack.

Ost-West Gefälle

Auch wenn sich bei der Kirchenbindung in Ost und West nach wie vor ein Unterschied zeigt, fällt er geringer aus als vielfach erwartet. In den westdeutschen Bundesländern sind knapp 24 Prozent der Kabinettsmitglieder konfessionslos, in den ostdeutschen Bundesländern mit Berlin 27, ohne Berlin 30 Prozent.

Dennoch vermutet Pollack, dass es im Ansehen noch immer Unterschiede gibt. „Im Westen gehört es nach wie vor eher zum guten Ton, kirchlich gebunden zu sein“, sagte er. 80 Prozent der Menschen seien dort irgendwie religiös gebunden. Diese Mehrheitsverhältnisse hätten Auswirkung auf die Bereitschaft, sich zu seiner Konfession zu bekennen, erklärte der Professor aus Münster: „Im Westen ist man eher vorsichtig anzugeben, dass man konfessionslos ist, im Osten könnte es genau andersherum sein.“

Politiker religiöser als Bevölkerung

Verglichen mit dem Durchschnitt der Bevölkerung seien Konfessionsangehörige in der Politik überrepräsentiert, resümiert Pollack, der dieses Verhältnis seit Jahren auch im Bundestag beobachtet. „Es gibt prozentual gesehen viel mehr Katholische und Evangelische im Parlament als in der Bevölkerung insgesamt“, sagte er.

Der evangelische Theologe und Soziologe erklärt das zum Einen mit dem erwiesenen Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Beteiligung am kirchlichen Leben. Es glaubten zwar weniger formal hoch Gebildete an Gott, aber es gingen auch formal mehr hoch Gebildete zum Gottesdienst. Zudem engagierten sich Ehrenamtliche der Kirche auch stärker außerhalb. „Es gibt offensichtlich einen bestimmten Typ, der sich sowohl in Parteien, sozialen Bewegungen, Vereinen als auch in Kirchen stärker einbringt“, sagte Pollack.

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist evangelische Pfarrerstochter.
  • Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) entstammt ebenfalls einem Pfarrhaus.
  • Baden-Württembergs Verbraucherschutzminister Peter Hauk (CDU) und der rheinland-pfälzische Vize-Regierungschef Volker Wissing (FDP) sind ehrenamtliche Orgelspieler.
  • Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) ist Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche.
  • Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) gehört zum Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags.
  • Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).
  • Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) ist Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CSU.
  • Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) wird als Präsident an der Spitze des evangelischen Kirchentags 2019 stehen.
  • Mitglied der katholischen Laienorganisation ZdK sind außerdem die Regierungschefs Winfried Kretschmann (Grüne), Reiner Haseloff (CDU) und Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sowie die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne).
  • Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) ist berufenes Mitglied der Synode der Landeskirche.
  • Der Saarländischer Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) gehört dem evangelischen Kirchenparlament im Rheinland an.
  • Zur Synode der evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gehört die Arbeitsministerin Sachsen-Anhalts, Petra Grimm-Benne (SPD).
  • Der parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, Thomas Rachel (CDU), und die Vorsitzende des Bundestagssozialausschusses, Kerstin Griese (SPD), gehören dem Rat der EKD an.
  • Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, ist Mitglied der EKD-Synode.

Keine Muslime!?

Überrascht äußerte sich der Forscher vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster über das Fehlen von Muslimen in den Regierungen: „Ich hätte gedacht, dass man gerade in der Politik großen Wert darauf legt, Muslime in das politische Geschäft zu integrieren.“ Entweder sei es schwer, geeignete Kandidaten zu finden. „Es könnte aber auch sein, dass man die politische Hebelkraft einer solchen integrativen Maßnahme noch nicht erkannt hat“, sagte Pollack.

Mit Aygül Özkan (CDU) in Niedersachsen und Bilkay Öney (SPD) waren bereits zwei Musliminnen Mitglieder früherer Landesregierungen. Prominente Musliminnen in der Politik sind heute die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz (SPD), die im Kabinett kein Stimmrecht hat, sowie die neue baden-württembergische Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne), die allerdings von sich sagt, dass Religion für sie keine Rolle spielt. (epd/mig)

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