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Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Erschreckend

Durch Europa geht ein Rechtsruck

Durch Deutschland und Europa geht ein Rechtsruck. Es werden Gesetze verschärft und Grenzen dicht gemacht. Täglich gibt es Übergriffe auf Flüchtlinge, seit Monaten werden unsägliche Debatten geführt – immer zu Lasten von schutzsuchenden Menschen. Von Kaveh Ahangar

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Ein Müllcontainer in Belgrad © Belit Onay

Durch Europa geht ein Rechtsruck. Die jüngsten Asylrechtsverschärfungen in Deutschland haben unter anderem zur Folge, dass viele Syrer nicht mehr ihre Familien nach Deutschland holen dürfen. Marokko, Tunesien und Algerien werden zudem zu sicheren Herkunftsländern erklärt, um Abschiebungen zu erleichtern. Währenddessen müssen in Berlin die bereits angekommenen Asylsuchende hungern, weil das Lageso ihnen teilweise kein Geld mehr auszahlt. Wenn die Behörden einen Geflüchteten nicht loswerden, lassen sie einfach die Staatsangehörigkeit ändern. Afrikanische Botschaften werden dabei für ihre Mithilfe bezahlt.

Nachdem vorübergehend ein Schwimmbadverbot für männliche Schutzsuchende in Bornheim ausgesprochen wurde und Asylsuchenden in Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg ab 200, 350 bzw. 750 Euro das Geld und der Schmuck weggenommen werden, haben Geflüchtete nunmehr auch keinen Zutritt mehr in Freiburgs Clubs und Diskotheken. Was kommt als Nächstes? Dürfen Refugees bald auch nicht mehr in Supermärkten einkaufen gehen? Dass drei SPD-Ortsverbände zu Straßenblockaden gegen die Errichtung von Flüchtlingsunterkünften in Essen aufgerufen haben, lässt Böses ahnen.

Dabei ist das Discoverbot für Schwarze oder „orientalisch“ aussehende Menschen nichts neues in Deutschland. Als ich früher noch öfters ausgegangen bin, wurde ich trotz deutschem Personalausweis in vielen Clubs noch nicht mal reingelassen, wenn ich vom DJ auf die Gästeliste gesetzt wurde. Eine rassistische Türpolitik ist allgemein üblich in deutschen (und französischen) Diskotheken. Eines der Gründe dafür, dass „migrantische“ Jugendliche und Geflüchtete auf öffentlichen Plätzen manchmal aggressiv auftreten als Folge des Ausgeschlossenseins vom sozialen Leben. Struktureller Rassismus und tägliche Diskriminierung sind Gift und Hindernis für die „Integration“.

Laut BKA hat sich die Zahl der Attacken auf Asylunterkünfte binnen eines Jahres auf über eintausend verfünffacht. 2015 wurde jeden Tag ein Mensch Opfer rechter Gewalt und es bilden sich seit den sexuellen Attacken am Silvesterabend immer mehr Bürgerwehren, die Jagd auf nicht-weiße Menschen Machen. Die Zahl der Anträge auf Waffenscheine ist explodiert. Auch die Zahl gewaltbereiter Rechtsextremisten ist 2015 um mehr als 1.000 Personen auf über 11.500 gewachsen. Sicherheitskreise beziffern die rechtsextreme Szene auf mehr als 22.000 Anhänger und laut Umfragen gilt die rechtsradikale AfD mittlerweile bundesweit als drittstärkste Kraft – ja, die Partei mit dem „Schießbefehl„. Das ist auch eine Folge davon, dass die Mainstream-Medien Rassisten wie Sarrazin, Buschkowsky & Co. seit Jahren eine Plattform bieten.

Der neben Habermas bekannteste deutsche Philosoph Peter Sloterdijk stellt unter Beweis, dass wir in Deutschland und Europa nicht nur eine Flüchtlingskrise haben, sondern auch eine Krise des Humanismus und gesunden Menschenverstandes. Er bedient sich der rassistischen Panikmache, indem er schreibt: „Die deutsche Regierung hat sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben“. Er setzt noch einen drauf und schreibt: „Wir haben das Lob der Grenze nicht gelernt (…) Es gibt schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung.“

Die europäischen Mainstream-Philosophen spiegeln im Allgemeinen das Elend wider, das von Bartsch bis Lafontaine und Wagenknecht tief in die Linke hineinreicht. Das kann man gut am Beispiel Žižeks verdeutlichen, der sich zuletzt für die Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Geflüchteten aussprach und in ahistorischer und essenzialistischer Manier behauptet, dass die Kultur der Asylsuchenden mit westlichen Werten der Menschenrechte nichts gemein hätte. Ein klassisches Beispiel der Veränderung („Othering”) der angeblich kulturell Andersartigen. Sarrazin hätte es wohl nicht besser formuliert.

Deutschland steht aber keineswegs alleine da. Österreich hat eine Obergrenze für Geflüchtete eingeführt und bei 37.500 Anträgen ist Schluss. Der französische Verfassungsrat hat ein Urteil gefällt, dass der Entzug der Staatsbürgerschaft von Terror-Verurteilten rechtens ist. Schweden plant die Abschiebung von bis zu 80.000 Geflüchteten und die Slowakei will keine Muslime mehr ins Land lassen. Dänemarks Polizei kann künftig Asylsuchenden an der Grenze Wertgegenstände und Bargeld abnehmen und die Niederlande wollen Flüchtlinge direkt abschieben – aus Griechenland.

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2 Kommentare
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  1. Wieland der Schmied sagt:

    Hallo Kaveh Ahangar,

    Diskothekenverbot habe ich selbst als „Blonder“, sprich: „Deutscher“, erlebt, der in Istanbul in eine Diskothek wollte. Allerdings darf der touristische Besucher das nur, wenn er zumindestens mit einem ausgeglichenen Frauenanteil „antanzt“. Oder natürlich gerne mehr Frauen – vor allem blonde?! Wir hatten allerdings nur zwei Frauen auf vier Männer dabei, eine davon war meine iranische Freundin – sie ist allerdings nicht blond. Umso schlimmer für einige. Wie auch immer.

    Interessant war die Begründung. Denn als eine unserer portugisischen Begleiterinnen den Türstehern ansprach, dass wir als Ausländer und Besucher in Istanbul sind beeindruckte das wenig. Schließlich beteiligte sich noch eine Türkin, die gerade vor dem Club eine Zigarette rauchte, mit den Worten: „Die Ausländer benehmen sich hier regelmäßig besser als unsere eigenen Leute“.

    Darauf hin erwiderte der Türsteher – ziemlich aufschlußreich, dass es nicht darum ginge, dass Ausländer im Club Stress anfangen, sondern (!), sich die türkischen Männer provoziert fühlten, wenn sich Ausländer für türkische Frauen (oder andersherum) interessierten.

    Würden Sie dies als ein sexistisches Mentalitätsproblem beschreiben oder ist dies lediglich „rassistisch“ – oder beides.

    Grüße aus der Türkei.

  2. Magistrat sagt:

    Sehr gut beobachtet, Herr Ahangar. Dazu kommt noch der (bewusst?) stümperhafte Umgang mit rechtsextremen und rassistischen Kräften: Es wird so gut wie keine Chance verpasst, die selbsternannten Verteidiger des Abendlandes in die Märtyrerrolle zu hieven. Es ist einfach heuchlerisch, wie mit extremen Positionen der AfD umgegangen wird: Wenn Aufmacher und Titelbilder der SZ, von Focus (ja diese zB http://www.migazin.de/2016/01/12/nach-koeln-kritik-titelseiten-focus/) oder Spiegel die Plakate der Pegida/AfD-Demonstranten säumen, die dann wiederum von selbigen lauthals verschrien werden, dann läuft mit den „Leitmedien“ in diesem Land etwas gewaltig schief!!



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