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Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Keine Schwalben

Welche Flüchtlinge kosten am meisten

Warum sind Flüchtlinge immer Männer? Welche Flüchtlinge kosten am meisten Geld? Und was bedroht die aktuelle Flüchtlingssituation tatsächlich? Obwohl die Migrationsdebatte ihrer Natur nach ständig in Bewegung ist, gibt es in ihr einige Wahrheiten, die wissenschaftlich unstrittig sind. Von Dr. Chadi Bahouth

Einwanderung, Migranten, Zuwanderung, Reise, Koffer
Migration © Yannic Meyer @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONDr. Chadi Bahouth

DATUM1. Oktober 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Dieser Text wurde zuerst auf dem Debattenportal SagWas der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht und für das MiGAZIN leicht überarbeitet.

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Diese Männermehrheit hat jedoch gute Gründe: Die wenigsten Familien sind so wohlhabend, dass sie sich eine gemeinsame Flucht leisten könnten. Obwohl Haus und Hof verkauft und Schulden gemacht werden, ist es den meisten nicht möglich, mehr als einem Familienmitglied die Überfahrt nach Europa zu finanzieren. In der Regel ist dies ein Mann im arbeitsfähigen Alter. Die Hoffnung ist, dass er, sobald er in Europa etabliert ist, die Familie nachholen kann, und zwar auf einem sicheren Weg.

Selbst bei Familien, die verhältnismäßig wohlhabend sind, bleiben Frauen und Kinder zunächst zurück. Frauen sind während der Überfahrt stark durch Entführungen und sexuelle Übergriffe gefährdet. Geflohene berichten außerdem von Situationen, in denen schreiende Kinder von Schleusern über Bord geworfen wurden.

Flüchtlinge als „Nettobelastung“?

Geflüchtete werden häufig nach ihrem finanziellen Wert beurteilt. „Je ärmer das Land ist, aus dem die Migranten kommen, desto höher sind die sozialen Kosten ihrer Aufnahme“, heißt es auch bei Frum. Die Wirtschaftsleistung der „Migrantenbevölkerung“ sei zum Beispiel in Schweden durch die ärmeren Flüchtlinge deutlich gesunken. Frum spricht in diesem Zusammenhang von „Nettobelastung“, „Schulabbrechern“ und „Kriminellen“.

Dabei belegen Statistiken, dass die nach Deutschland geflüchteten oder immigrierten Menschen bereits in der zweiten Generation höhere Abschlüsse erzielen als die autochthone Bevölkerung. In Kanada sei bereits die zweite Generation so gut integriert, dass sie volle Teilhabechancen erhalte, berichtet Ratna Omidvar, Präsidentin der Maytree Foundation. „Staatsbürgerschaft ist entscheidend! Je früher Migranten Bürger werden, desto schneller fühlen sie sich in einem Land und einer Gesellschaft zuhause“, so Omidvar.

Für den Migrationsexperten Doug Sanders ist Integration „ein lustiges Wort, weil viele denken, es bedeute, andere zu dem zu machen, was man selbst sei. Wenn Leute einen Job haben, werden sie ganz automatisch beginnen, Teil der Gesellschaft zu werden, ihre Kinder werden zur Schule gehen und erfolgreich sein“, sagt Migrationsexperte Doug Saunders. „Die Unterschiede werden bleiben, aber es werden nützliche Unterschiede sein.“

Steuerflüchtige verursachen mehr Kosten als Flüchtlinge

Umso weniger verständlich ist die Abwehr gegen die Flüchtlinge, die mit hoher Qualifikation zu uns kommen. Zu uns, die wir mit einer auf den Kopf gestellten Alterspyramide kämpfen, die wir nicht wissen, wie zukünftig Renten gezahlt und alte Menschen versorgt werden sollen. Europa profitiert in enormem Maße von Fluchtbewegungen und Migration, gerade finanziell.

Die Versorgung der 2015 ankommenden Asylbewerber wird nach heutiger Schätzung etwa 10 Milliarden Euro kosten. Diese Kosten werden auch von den hier lebenden Menschen mit ausländischen Wurzeln getragen. Das ist mittlerweile jeder Fünfte in Deutschland.

Eine andere Art der „Flucht“, die Steuerflucht, kostet den Steuerzahler hingegen jedes Jahr bis zu 160 Milliarden Euro. Da könnte man Kosten senken, statt perfide die Armen gegeneinander auszuspielen und Ängste zu schüren, während die Reichsten Milliarden in Steueroasen verstecken.

Die zwei Gesichter der Aufnahmebereitschaft

Rechtskonservative Ansätze suggerieren der Bevölkerung, man könne nur eine bestimmte Anzahl Flüchtlinge aufnehmen – sonst sei der eigene wirtschaftliche Status bedroht. Ein Nebeneffekt davon ist der Anstieg rassistischer Denkmuster in weiten Teilen der Bevölkerung, insbesondere dort, wo der Kontakt zu Menschen mit ausländischen Wurzeln gering ist.

So entsteht Druck auf die Mitte der Gesellschaft. Ist die Politik nicht standhaft, kommt es zum Rechtsruck samt der Aushöhlung von Grund- und Bürgerrechten. Dazu gehört die Ankündigung von Innenminister Thomas de Maizière, ein „Kontingent“ für Asylsuchende einführen zu wollen. Sobald unser „Kontingent“ erfüllt ist, schicken wir Mädchen und Frauen, die Entführungen und Schlimmeres überlebt haben, Männer, die gefoltert wurden und Kinder, die traumatisiert sind, also wieder zurück?

Es gibt aber auch das andere Gesicht Deutschlands, das, welches die Geflüchteten mit Nahrung und Kleidung versorgt, sie am Bahnsteig freundlich begrüßt, ihren Kindern Spielzeug schenkt. Vereine öffnen sich und integrieren Geflüchtete beim Sport, lassen sie teilhaben am alltäglichen Leben. Ganze Dörfer werden durch Neuankömmlinge wieder zum Leben erweckt.

All die Unterschiede, Fähigkeiten und Potenziale der neuen Bürger können genutzt werden. Wichtiger aber noch ist, dass der Großteil unserer Gesellschaft dafür einsteht, dass es Werte gibt, die nicht in Euro und Statistiken beschreibbar sind.

Dieser Text wurde zuerst auf dem Debattenportal SagWas der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht und für das MiGAZIN leicht überarbeitet.

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4 Kommentare
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  1. Gabriele Boos-Niazy sagt:

    Allerherzlichsten Dank für diesen informativen Artikel! Die Zahlen sollte jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, zur Hand haben um zu zeigen, dass bei dem derzeit zu beobachtenden Umschwung der Stimmung politisches Kalkül die Hauptantriebsfeder ist und Tatsachen schlicht ignoriert werden.

  2. Alexei sagt:

    „Die Unterschiede werden bleiben, aber es werden nützliche Unterschiede sein.“
    Ja die nützlichen Unterschiede haben wir ja schon in Leipzig,Kassel und Hamburg gesehen.In der Tat sehr nützliche Unterschiede…

    „Diese Kosten werden auch von den hier lebenden Menschen mit ausländischen Wurzeln getragen. Das ist mittlerweile jeder Fünfte in Deutschland“

    Und das ist wichtig weil? Will man damit implizieren,dass ich es super finde,dass ne million Kulturfremder Migranten nach Deutschland kommen,nur weil ich selber nach Deutschland eingewandert bin?
    Migranten sehen das im allgemeinen nicht anders als Einheimische.Zunächst stehen Sicherheit und Wohlstand der eigenen Familie über allem. So lange diese nicht gefährdet sind kümmert mich die Debatte nicht.Seh ich diese aber als gefährdet ist meine Reaktion die gleiche wie die eines Einheimischen Deutschen.

  3. […] 19,5 milioni scappano oltre i confini del proprio paese e 1,8 milioni presentano domanda di asilo1. Di questi, 627.000 in tutta Europa e 203.000 in Germania. Solo nel 2014, 13,9 milioni di persone […]



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