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Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Fernsehen

Unsere tägliche Dosis Rassismus – im Kinderkanal

Vier Stunden verbringen Menschen in Deutschland täglich vor dem Fernseher. Vier Stunden, in denen rassistische Inhalte serviert und konsumiert werden – auch in den Öffentlich-Rechtlichen, wie das MDR-Beispiel „Das Mutcamp“ (ausgerechnet) im Kinderkanal zeigt.

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Szene aus dem Mutcamp 2.0 Trailer © MDR/KiKa

VONSchröder, Schulz, Lindner, Rüss

Franziska Schröder, Karin Schulz, Simon Lindner, Franziska Rüss

DATUM20. Juli 2015

KOMMENTARE13

RESSORTFeuilleton, Leitartikel, Meinung

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Menschen in Deutschland verbringen täglich durchschnittlich vier Stunden vor dem Fernseher, unabhängig von der Wahl des Senders oder der Sendezeit. Und immer wieder werden sie mit rassistischen Inhalten konfrontiert. Antrainierte Denkweisen, diskriminierende Handlungen und veraltete Vorstellungen werden unreflektiert wiedergegeben, bis sie tief in den Köpfen der Zuschauer verankert sind. Dies geschieht beiläufig und vielleicht nicht einmal böswillig – doch darf das keine Entschuldigung dafür sein, sich der Verantwortung zu entziehen, die wir alle im Umgang mit dem Thema haben.

Der Fernseher ist Teil unserer Gesellschaft und bestimmt als Leitmedium unser tägliches Leben. Darum ist es zwingend erforderlich und mehr als überfällig, sich der Gefahr bewusst zu werden, die er, durch stumpfes Nachkauen von damals wie heute schwierigen gesellschaftlichen Ansichten, für alle Schichten und Altersgruppen unserer Gesellschaft bedeuten kann! Unsere Kritik folgt dabei keinesfalls einer neuen Einsicht, sondern äußert sich gegen eine nicht endende, systematische Reproduktion von Rassismus, auf die wir durch Menschen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen (müssen), immer wieder hingewiesen wurden und werden. Es ist Zeit, ein allgemeines Bewusstsein für die Inhalte zu entwickeln, die uns Tag für Tag umspülen. Es ist Zeit, zu hinterfragen, was die Bilder, Szenen und Worte mit uns machen und vor allem – zu was sie uns machen. Wir müssen begreifen, dass solche Handlungen allen schaden – uns selbst, indem wir uns durch die anhaltende Betäubung mit unreflektierten Werten selbst die Möglichkeit nehmen, rassistische Muster aufzubrechen.

Wir sind weiße Studierende in Berlin und haben uns im Rahmen eines Seminars mit kolonialen Kontinuitäten und dem Thema Rassismus im Allgemeinen, in unserem direkten Umfeld, aber auch bei uns selbst, beschäftigt. Erschrocken mussten wir feststellen, wie unkontrolliert uns rassistische Strukturen umgeben, wie unauffällig und subtil sie jeden Tag aufs Neue reproduziert werden – im TV mitunter durch Perspektiven, Bilder, Rollenverteilungen, Szenen, Worte. Als Massenmedium leistet das Fernsehen dabei einen wesentlichen Beitrag zur Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, was hohe Einschaltquoten zeigen.

In dem Versuch, die falsche Auseinandersetzung und den Umgang mit Rassismus im in diesem Bereich bloßzustellen, haben wir eine der beliebtesten Sendungen für junge Menschen näher untersucht und waren schockiert! Das „Mutcamp“, dessen dritte Staffel im August dieses Jahres anläuft, soll im Rahmen des Bildungsauftrags des MDR und KIKA den Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass Ängste etwas Alltägliches sind und man den Umgang mit ihnen erlernen kann. An sich vielleicht ein guter Ansatz – wären da nicht die vielen Fehltritte der Produzierenden, Betreuenden und Teilnehmenden bei der Durchführung dieser Idee.

Schon in der Wahl des Drehorts wird klar, dass definitiv keine verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit historischen Gegebenheiten stattgefunden hat: Südafrika als Spielfeld der Konfrontation von Kindern mit ihren schlimmsten Alpträumen. Es liegt nahe, dass hier eine Korrelation zwischen dem Titel „Mutcamp“ und der Ortswahl zu ziehen ist, die vermittelt, dass es „mutig“ ist, nach Südafrika zu reisen. Mit der Begründung, eine „authentischere Angstumgebung“ sowohl für Teilnehmer als auch Zuschauer zu schaffen1, werden Bilder erzeugt, die Südafrika mit „Gefahr“ gleichsetzen. Eine seltsame Entscheidung, da das Leben dort für viele Normalität bedeutet und auch die Frage aufwirft, wie wir uns fühlen würden, wenn die Situation genau umgekehrt und wir „Gastgeber“ für eine groß aufgezogene südafrikanische Therapiesitzung wären.

  1. „Das Mutcamp“, KIKA / mdr, Staffel 2.0, Trailer, ab Minute 0:37  []
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13 Kommentare
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  1. Christian sagt:

    Super Analyse!
    Ich empfehle, diesen Post direkt an kika-presse@kika.de weiterzuleiten, damit das auch direkt als Leserbrief/-beschwerde registriert wird.

  2. Otto sagt:

    Typisch deutsch.

  3. Cill sagt:

    Da hilft nur eines: Glotze aus! Kommt eh nur Schrott auf allen Kanäle! Lässt sich prima leben ohne den Müll und wenn das mit den vier Std. pro Tag stimmt, hätte doch jeder mal richtig Zeit für sich und seine Mitmenschen. Kann das nur wärmstens empfehlen, auch Kinder können damit leben und verblöden nicht so gnadenlos.

  4. u. h. sagt:

    Wie gut, daß ich gar keinen Fernseher habe!

    Als ich noch zur Schule ging, besuchte unsere Klasse das Opernhaus in Lübeck. Da traf Papageno auf Monostatos, und der Schreck war auf beiden Seiten groß: „dasIst derTeu felSi cherLich.“ Und etwas später merkt der Vogelfänger: „Es gibt ja schwarze Vögel, warum soll es dann nicht auch schwarze Menschen geben?“

    Dieser Gedanke hat mich bis heute beinflußt.

    Ich habe gerade im MiGazin viele Nichtdeutsche kennengelernt, die hoch zu achten sind.

    Und wir alle sollten beachten: Wir alle sind Kinder des einen Gottes, den wir mit verschiedenen Namen benennen und in verschiedener Weise ehren. Doch wir sollen einander wie Geschwister lieben und nicht auf den andern heruntersehen. Wissen wir denn, in welchen Punkten der andere uns überlegen und wertvoller ist als dieses ich, das sich zum Richter über den andern aufschwingt?

    Ich habe den Eindruck, die Macher und die Verantwortlichen für die gescilderte Fernsehsendung sollten sich schämen.

    Liebe Grüße an alle Nichtrassisten,
    u. h.

  5. GEGEN GEZ sagt:

    Und den Sch… sind wir gezwungen mit unseren Rundfunkggebühren zu finanzieren. Wir finanzieren unsere eigene Ausgrenzung.

  6. tektonischerzerstörer sagt:

    ja gez für rassistisch fashistoide programme […].

    ich frag mich nur wie wohl deutschland 1946 war ….

  7. Bianca sagt:

    Es ist also rassistisch, wenn ein paar nette Mädchen helfen, einen Kindergarten zu streichen, mit den Kindern singen, freundlich zu ihnen und der Erzieherin sind etc.? Versteh einer die Welt…
    Und sollen sie lügen? Sehr einladend sahen die Townships wirklich nicht aus. Darf man ärmliche Verhältnisse jetzt nicht mehr ärmliche Verhältnisse nennen? Da stand nun mal eine Bretterbude und kein Haus aus Stein. Wirklich, man kann es auch übertreiben.

  8. Matthias sagt:

    Ich gebe Bianca Recht. Zumindest was die KiKa-Serie angeht. Ich habe mir davon jetzt zwar nur eine Folge angeguckt und finde einige Dinge unglücklich, aber die Rassismuskategorie halte ich für übertrieben.

    Das Gefühl habe ich allerdings beim Dschungelcamp. Der unreflektierte Seher muss ja denken, dass die australischen Ureinwohner den ganzen Tag nur Känguruhhoden aber vergorenen Schnecken essen. DAS ist für mich der größere Aufreger.

  9. Malte sagt:

    @Bianca: Hast Du versucht, den Artikel vollständig zu lesen und während dessen oder im Anschluss zu verstehen? Anscheinend nicht, denn sonst würdest Du nicht so viele Fragen stellen, die dort alle schon beantwortet wurden…

  10. Victor sagt:

    @Bianca: Wie Malte bereits anmerkte, scheint es nicht so, als hättest du den Artikel gelesen, und gehst mit der selben naiven Unreflektiertheit an die Thematik heran wie es die Teilnehmer und erschreckenderweise wohl auch die Macher der Sendung tun.

    In deinem Kommentar blitzt genau die von den Produzenten propagierte Binarität auf, die in der Sendung vermittelt wird und die dieser Artikel beschreibt: Die „netten“ weißen Mädchen, die ja bloß „helfen“ wollen und „freundlich“ sind und auf der anderen Seite die „ärmliche[n] Verhältnisse“ der Afrikaner, die auf die Hilfe der Weißen angewiesen sind.
    Eine Fernsehsendung gibt eben nicht die „Realität“ wieder, wie dein Beitrag impliziert, sondern ist an bestimmte Vorbedingungen, Ideologien etc. gebunden und selektiert dementsprechend. Hier werden bloß kolonialirassistische Klischees aufgewärmt. Als öffentlich-rechtlicher Sender sollte der MDR bzw. der Kika seinem Bildungsauftrag jedoch gerecht werden anstatt äußerst problematische Menschenbilder weiterzugeben. Und denjenigen eine Stimme geben, die medial ausgeschlossen werden. Stattdessen darf hier ein Junge ernsthaft in die Kamera sagen, dass in Afrika alles so schlimm und die Menschen bemitleidenswert seien und in Deutschland dagegen alles geil. Unreflektiert geht’s nicht.


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