MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010
Anzeige

Das Warten

Der Eingangsbereich hat mehr von einer Tiefgarageneinfahrt als von einem bewohnten Haus

In Syrien hatte Tarek zwischen Studium, Familie und Geldverdienen kaum Zeit. In Deutschland kämft er gegen die Langeweile. Das wenige Geld was er hat, gibt er für Fahrkarten aus, um dem tristen Flüchtlingswohnheim zu entkommen – der Alltag vieler Flüchtlinge.

jugendlicher, mann, warten, gucken, zukunft
Symbolfoto © Ian Sane @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONJulia Sophia Schwarz

Julia Sophia Schwarz, Kultur- und Sozialwissenschaftlerin, arbeitet derzeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an verschiedenen Projekten. Ihr erstes Buch "Globalisierte(s) Sorgen. '24-Stunden-Pflege' als transnationale Care Work" erscheint im Sommer 2015 im Herbert Utz Verlag.

DATUM27. April 2015

KOMMENTARE2

RESSORTFeuilleton, Leitartikel

SCHLAGWÖRTER , , , , ,

Seite 1 2

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Die einzige Möglichkeit, die Tarek hat, um zu arbeiten ist in der Gemeinschaftsunterkunft auszuhelfen. Das macht er gern. Für einen Euro die Stunde. Tarek hat also großes Glück, er kann sich eine Fahrkarte kaufen und einen Sprachkurs absolvieren, und er hat eine sinnvolle Beschäftigung. Das alles ist Teil seines neuen Lebens und war nicht immer so seit seiner Ankunft in Deutschland. Tarek steht unter Druck, er will so schnell wie möglich, die „verlorene Zeit“ aus seinem „alten Leben“ in Deutschland nachholen. Tareks altes Leben hat den Namen „Baierbrunnerstraße 14.“ Hier befand sich bis zum Februar 2014 die Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Bayern. Tarek erinnert sich zurück, lacht und sagt: „Wo ist Lidl?“ Einzige Anlaufstelle war dort der nahe gelegene Supermarkt. Sitzen, essen, schlafen. Drei Monate lang. Sitzen, essen, schlafen. Weil er damals noch kein Wort Deutsch versteht, weil da niemand ist der etwas erklärt. Tarek wurde dann derjenige, der den anderen etwas erklärt hat. Er gab Kindern Englischunterricht und übersetzte bei Arztbesuchen.

Er gab Kindern Englischunterricht und übersetzte bei Arztbesuchen.

Jemanden wie Tarek bräuchten jetzt Nick und Sam. Beide sind zu Zeitpunkt des Gesprächs seit einigen Wochen an dem Ort, der für Tarek das Symbol für verlorene Zeit darstellt: die Erstaufnahmestelle. Von dort aus werden die AsylbewerberInnen auf die Gemeinschaftsunterkünfte verteilt. Das kann dauern. Schahnam al Taie zum Gesprächszeitpunkt Mitarbeiterin vom Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“ geht von einer durchschnittlichen Aufenthaltszeit zwischen drei und sechs Monaten aus und betont, wie wichtig es ist, die Menschen in der Erstaufnahmestelle ab dem ersten Tag an zu begleiten und ihnen Orientierung in der fremden Umgebung zu verschaffen. Die Angebote der Flüchtlingshilfen in München allein reichen aber nicht aus, um allen BewohnerInnen gerecht werden zu können.

In einer Einrichtung, die einen fast dazu zwingt, durchgängig über alles was war und noch sein wird nachzudenken, wird die Zeit zum Feind. Deshalb geht Nick Treppen steigen. Rauf und runter. Immer wieder. Einfach nur, um seinen Gedanken zu entkommen. Außer dem Supermarkt, der auch schon für Tarek ein zentraler Ort war, und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat Nick noch nichts von München gesehen. Wie auch ohne Orientierung und mit zu wenig Geld. Bis zum Sommer 2012 standen erwachsenen Flüchtlingen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz gerade einmal 40,90 Euro im Monat – neben Lebensmittel-und Hygienepaketen – für „private Bedürfnisse“ zur Verfügung. Am 18. Juli 2012 wurden die Bezüge nach dem Asylbewerberleistungsgesetz vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt, da die Regelsätze seit 1993 nicht geändert wurden und somit nicht den erhöhten gegenwärtigen Lebenshaltungskosten entsprechen. Seit ersten März diesen Jahres erhalten Asylsuchende 352 Euro monatlich, in welcher Form (z.B. zum Teil als Sachleistung) dieser Betrag ausgezahlt wird ist von Land und Kommune abhängig.

Sam investiert sein gesamtes „Taschengeld“ in Tageskarten, um der Eintönigkeit der Baierbrunnerstraße zu entkommen. Was niemanden verwundern kann, der sich die oft überbelegte ehemalige Erstaufnahmeeinrichtung in Sendling einmal angeschaut hat. Kontrastiert von hohen, modernen Geschäftsgebäuden, aus denen hektisch Menschen im Anzug oder Businesskostüm laufen, steht ein marodes Gebäude, in dessen engen Zimmern Menschen auf ihre Zukunft warten. Mindestquadratmeterzahl in Bayern „pro Mensch“: 7m². Der Eingangsbereich hat mehr von einer Tiefgarageneinfahrt als von einem Haus in dem Menschen wohnen. Grelles Licht, Gitter, Zäune, Überwachungskameras. Eine Monatskarte traut Sam sich nicht zu kaufen, da er nicht weiß, wann er einer Gemeinschaftsunterkunft zugewiesen wird. Die allgegenwärtige Ungewissheit ist schlimm für Sam. Noch schlimmer ist es eigentlich nur, von den Supermarktangestellten für einen Dieb gehalten zu werden. Obwohl er fast jeden Tag da ist und nie etwas stehlen würde. Er kann einfach nur nichts kaufen.

Also sieht er anderen beim Einkaufen zu. Im Supermarkt oder in der Innenstadt. Um die Zeit zu besiegen. Sam würde gerne arbeiten, für ihn ist arbeiten eine Möglichkeit, dem Land, in dem er lebt, etwas zu geben: „Work is not only for money. No money. No work. No food. No house. No nothing. What to do?“

Dem Zeitloch Erstaufnahmestelle ist Tarek entkommen. Er befindet sich bereits auf der zweiten Stufe der Asylverfahrensleiter Deutschlands. Das Warten auf die Zuweisung einer Unterkunft wurde abgelöst vom Warten auf die Aufenthaltserlaubnis. Selbst am Tag seiner Anhörung musste Tarek warten, sechs Stunden, der Termin war um 8.00 Uhr. Angefangen hat die vierstündige Anhörung dann um 14.00 Uhr.

Ohne die finanzielle Unterstützung seiner Verwandten in Deutschland wäre Tarek wieder vom „Zeit verlieren“ bedroht. Er könnte, wie so viele andere Asylsuchende, für die sich die Monate oder Jahre des Wartens ohne die Perspektive auf Teilhabe und Arbeit zäh dahin ziehen, keine Sprachkurse besuchen. Ohne ein bestimmtes Level an Sprachkenntnissen würde ihm ein Studium und somit sein Traum Arzt zu werden verwehrt bleiben. Eigentlich würde er seine Familienangehörigen gerne besuchen, aber das ist für Tarek in einem Bundesland wie Bayern bis zum Anfang diesen Jahres nicht ganz einfach gewesen. Für Asylsuchende war und ist die Deutschlandkarte durchzogen von Grenzen, die sie bis zum vierten Monat ihres Aufenthalts nicht ohne passende Papiere übertreten dürfen. Ein Paradoxon angesichts der internationalen Grenzöffnungen der EU, die den BewohnerInnen der Mitgliedstaaten eine den nationalen Rahmen übersteigende Mobilität ermöglichen und mit Austauschprogrammen für SchülerInnen und StudentInnen den Rahmen für interkulturelle Begegnungen bieten. Als Asylsuchende(r) in Bayern musste man bis Ende 2014 zuerst eine behördliche Erlaubnis einholen, um das Bundesland verlassen zu dürfen.

Verbunden mit dem Titel der Aufenthaltsgestattung ist ein gesetzlicher Regelkatalog. Der nicht vorhandene Anspruch darauf, in welchem Gebiet man sich aufhalten möchte, ist im Aufenthaltsgesetz verankert. Der Aufenthalt für Asylsuchende ist z.B. in München in den ersten drei Monaten auf den Regierungsbezirk beschränkt. Ob Ausnahmen möglich sind, ist von den zuständigen Behörden abhängig. Diese Regelungen sind schriftlich in jedem Ausweis festgehalten. Neben der Festlegung des Aufenthaltsstatus beinhaltet er ebenfalls die Festlegung auf räumliche Bereiche, die Asylsuchenden zugewiesen werden und Lebensraum festlegen. Verstöße gegen die räumlichen Beschränkungen sind strafbar. Landkreise und Regierungsbezirke beschreiben einen vorgegebenen Bewegungsradius.

Wollte Tarek zum Beispiel seine Verwandten außerhalb Bayerns besuchen, musste er zuerst eine „Erlaubnis“ bei der zuständigen Behörde einholen. Diesen „Urlaubsschein“ hätte er aber nur für drei Tage am Stück bekommen, zusammen mit den langen Fahrtzeiten lohnen sich die Ausgaben für die Fahrt nicht, um „einen Tag Hallo zu sagen“ und dann wieder abzureisen. Außerdem muss man oft sehr lange auf die Entscheidung der Behörde warten, spontane Besuche sind so unmöglich. Tarek weiß von Freunden, dass man eine hohe Geldstrafe zahlen muss, wenn man ohne „das Papier“ erwischt wird. Auch nach den gesetzlichen Änderungen der Residenzpflicht können Asylsuchende in den ersten drei Monaten nur mit vorher beantragtem „Urlaubsschein“ zugewiesene Bezirke verlassen.

Tarek hat andere Mittel um die Grenzen der deutschen Flüchtlingspolitik zu überschreiten. Er vernetzt sich im Internet mit Freunden und Familie, teilt auf Facebook Fotos der Gemeinschaftsunterkunft. Nur seiner Mutter, der zeigt er die Fotos nicht, er will sie nicht traurig machen. Zu sehen ist ein Flur, auf dem viele Schuhe und Kinderspielzeug durcheinander liegen, überquellende Mülleimer in
der Gemeinschaftsküche, dreckige Toiletten. Als er zum ersten mal die Küche gesehen hat, beschließt er, dort nicht zu kochen. Zur virtuellen Grenzüberschreitungen braucht es einen Computer und einen Internetanschluss – eine Seltenheit in Gemeinschaftsunterkünften. Lage und Ausstattung der Unterkünfte sind entscheidende Faktoren für die Lebensqualität ihrer BewohnerInnen. Dezentrale abgelegene Gegenden und Einrichtungen ohne Internetanschluss verschärfen das Gefühl, in einem ständigen „Wartezimmer“ zu leben.

Die Autorin dankt ihren Gesprächspartnern, dem Verein Hilfe von Mensch zu Mensch e.V. und Frau Schahnam Al-Taie.

Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

2 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Franziska Voges sagt:

    Der Artikel enthält zwei sachlich falsche Aussagen, die ich gerne korrigieren möchte. 1. Arbeitsverbot für Personen mit Aufenthaltsgestattung oder Duldung: Das absolute Arbeitsverbot besteht mittlerweile nur noch in den ersten drei Monaten, anschließend unterliegen o.a. Personenkreis der im Artikel beschriebenen Vorrangprüfung bis zum 16. Monat. Vom 16. Monat bis zum 48. Monat werden von der Agentur für Arbeit noch die Arbeitsbedingungen geprüft (Entlohnung,Arbeitszeit etc.) Nach 4 Jahren besteht dann, sofern Personen mit Duldung nicht durch ein Arbeitsverbot durch die Ausländerbehörde sanktioniert werden, ein voller Zugang zum Arbeitsmarkt.
    2. Residenzpflicht. Die im Artikel beschriebenen Auflagen sind nicht mehr aktuell. Sie gelten nur noch für die ersten 3 Monate, anschließend nur noch bei Vorliegen einer Straftat (Details siehe z.B. unter http://www.residenzpflicht.info/wp-content/uploads/2015/01/2014-12-31_Anmerkungen_Rechtsstellungsverbesserungsgesetz.pdf). Asylbewerber und Personen mit Duldung können sich nach den ersten 3 Monaten frei im Bundesgebiet bewegen. Sie unterliegen allerdings weiterhin der sogenannten Wohnsitzauflage, d.h. sie können nicht eigenständig ihren gemeldeten Wohnsitz ändern.

  2. Julia Sophia Schwarz sagt:

    Vielen Dank für die wichtigen Anmerkungen. Zum Zeitpunkt der Gespräche waren die gesetzlichen Änderungen noch nicht in Kraft getreten, dies ist nun im Text erkennbar…



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...