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Demnach waren die Arbeitgeber bestrebt, diejenigen ausländischen Arbeitnehmer zu halten, die sich in mehrjähriger Beschäftigung bewährt hatten, zumal bei ihnen die Anpassungs- und hier vor allem die Sprachschwierigkeiten … überwunden waren.

Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, 1968
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Interview mit Aamer Rahman

Wir müssen begreifen, dass wir nicht in einer islamischen Umgebung aufwachsen

Sein Stand-up Video „Reverse Racism“ wurde auf YouTube bereits 1,7 Mio. mal gesehen. Seitdem ist Aamer Rahman, ein australischer Muslim, ein Globetrotter. Emine Aslan hat ihn in London getroffen. Im Gespräch erklärt er, wo Muslime umdenken und mit wem sie sich solidarisieren müssen.

Comedian Aamer Rahman
Comedian Aamer Rahman

VONEmine Aslan

Die Verfasserin (geb. 1990), ist Studentin der Soziologie und Ethnologie, Bloggerin, schreibt und referiert zu Themen rund um Rassismus, Postkoloniale Studien, Identitätspolitik, Dekolonialität und der Verknüpfung dieser Themen mit einer islamischen Perspektive. Außerdem ist sie Vorstandsmitglied bei #SchauHin.

DATUM27. März 2015

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RESSORTInterview, Leitartikel

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Oft gehen Muslime von Gleichheit aller Menschen aus, nur weil das nach islamischem Verständnis so sein sollte. Dass sie aber nicht ausschließlich mit diesem islamischen Verständnis sozialisiert werden, wird oft ausgeblendet.

Aamer Rahman: Das ist absolut zutreffend. Wir müssen begreifen, dass wir nicht in einer islamischen Umgebung aufwachsen. Selbst wenn wir in muslimischen Ländern leben würden, würden wir immer noch innerhalb eines globalen Systems der politischen und kulturellen Hegemonie leben, das uns alle möglichen Ideen lehrt. Ja, Muslime werden genauso mit rassistischen Ideologien indoktriniert wie alle anderen auch. Deshalb ist es wichtig, sich diese Tatsache einzugestehen und nach Wegen zu suchen, um diesen Automatismus zu brechen.

Durch deine Arbeit hast du die Möglichkeit, viele Länder zu bereisen und ganz unterschiedliche Menschen kennenzulernen. Siehst du Gemeinsamkeiten oder Unterschiede bei Problemen, denen Muslime und nicht-muslimische People of Color ausgesetzt sind?

Aamer Rahman: Vorab: Wo immer ich Muslime traf, waren sie immer mit derselben Frage konfrontiert: Auf wessen Seite stehst du? Bist du der gute Muslim oder der problematische Muslim? So entsteht ein interner Kampf innerhalb der muslimischen Communities, der uns ständig auseinanderreißt. Die Communities werden gegeneinander ausgespielt. Und da reicht es nicht zu demonstrieren, dass du ein guter europäischer Muslim, amerikanischer Muslim oder australischer Muslim bist. Nein, du musst dich explizit von der unerwünschten Sorte Muslim, meistens sind das die Armen, distanzieren.

Nicht-muslimische People of Color reagieren auf meine Comedy ähnlich wie Muslime weil sie ähnliche Erfahrungen machen – vor allem der tägliche Druck, dem sie sich ausgesetzt sehen. Aber auch die Auswirkungen von Rassismus auf der Arbeit oder in der Schule usw. sind tatsächlich sehr ähnlich.

In Deutschland jedenfalls habe ich den Eindruck, dass es schwierig ist, Muslime für das Anliegen von anderen Communities zu mobilisieren. Welchen Eindruck hast du von Australien oder anderen Ländern?

Aamer Rahman: Dasselbe Problem existiert überall. Zum einen stehen Muslime selbst unter einem enormen Druck. Da fällt es schwer, sich für die Belange anderer Communities zu solidarisieren. Aber ich denke auch, dass gerade daran kein Weg vorbeiführt. Denn letztlich bekämpfen wir alle dasselbe: Rassismus. Das ist nichts, was aus der Isolation aus erreicht werden kann.

Wie könnte man muslimischen Communities Schub geben?

Aamer Rahman: Zunächst einmal müssen wir ehrlich sein. Wir müssen Selbstkritik üben. Wo liegen unsere Mängel? Gleichzeitig dürfen wir uns von der Kritik nicht vereinnahmen lassen und Dinge selbst aufbauen. Es ist nicht ausreichend, Muslime einfach nur zu kritisieren und sich darüber zu beschweren, dass sie als Gemeinschaft nicht genug tun und dass sie dieses oder jenes nicht verstehen. Wir müssen Möglichkeiten für Menschen schaffen, die etwas tun. Wir müssen Menschen Möglichkeiten bieten, wo sie sich einbringen können.

Es gibt Stimmen, die für so etwas wie eine einheitliche Linie plädieren. Kannst du dich dem anschließen?

Aamer Rahman: Nein, definitiv nicht. Ich denke es müssen unterschiedliche Wege ausprobiert werden. Was hieße eine einheitliche Linie denn? Der Aufbau einer zentralen Organisation, dem sich alle anschließen müssen? So etwas kann nicht funktionieren.

Welchen Rat würdest du jungen Muslimen in Deutschland oder generell in Europa hinsichtlich Identitätspolitik und dem Umgang mit Islamophobie geben?

Aamer Rahman: Islamophobie ist kein einzigartiges Phänomen. Es ist nur eine andere Form von Rassismus. Für viele andere Communities ist Rassismus nichts Neues. Muslime stehen also nicht alleine mit diesem Problem. Daher ist es falsch, sich als Muslime in einer exklusiven Position zu sehen. Das Problem heißt Rassismus. Wenn wir das verstanden haben, müssen wir uns nur noch umsehen, wer noch davon betroffen ist und uns mit ihnen zusammenschließen.

Sehen wir dich vielleicht auch mal in Deutschland?

Aamer Rahman: Ja, sehr gerne, wenn Interesse da ist, wieso nicht.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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Ein Kommentar
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  1. Aya sagt:

    Awesome, thanks, Emine Aslan, for interviewing this great artist!! Thanks, Aamer Rahman, for your work that is so important for us Black people and People of Color, muslim and non-muslim in Germany!!



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