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Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Debatte

Selbstbewusste europäische Muslime statt österreichisch geprägter Islam

Das österreichische Islamgesetz schlägt auch in Deutschland hohe Wellen. Vor allem an der Finanzierung von Moscheegemeinden aus dem Ausland ist die Diskussion entbrannt. Doch nicht nur an diesem Punkt hinkt die Vorlage aus Österreich und ist ganz und gar nicht nachahmenswert. Von Prof. Mohammed Khallouk

Moschee, Islam, Kuppel, Halbmond, Moscheekuppel, Muslime
Moscheekuppel © Islamwoche Berlin

VONMohammed Khallouk

Der Verfasser ist Politologe und Islamwissenschaftler. Er studierte Arabistik und Islamwissenschaften an der Mohammed V.-Universität Rabat und anschließend Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Er lehrte bereits in Politikwissenschaft in Marburg und an Universität der Bundeswehr München. Zur Zeit ist er Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime (ZMD) und stellvertretender Vorsitzender des Deutsch-Islamischen Vereinsverbands Rhein-Main e.V. (DIV). Khallouk publiziert zu zeitgeschichtlichen Themen, insbesondere zum Verhältnis zwischen Westen und Islam sowie beteiligt sich an intellektuellen Debatten. Sein letztes Buch „In Deutschland angekommen: Marburg“ erschien 2013 beim Rimbaud Verlag in Aachen. Mehr über ihn...

DATUM3. März 2015

KOMMENTARE5

RESSORTLeitartikel, Meinung

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Bereits seit 1912 ist der Islam in Österreich offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt. Trotzdem sah die Regierung der Alpenrepublik es nun als notwendig an, ein Gesetz zu erlassen, das einen Islam spezifisch „österreichischer Prägung“ entwickeln soll. Dass Muslime in Krankenhäusern und Altenheimen ihrem Glauben gemäße Ernährung erhalten, Verstorbene nach ihren islamischen Ritualen beerdigen und an islamischen Feiertagen vom Arbeitsplatz fern bleiben können, sollte nach so langer Zeit eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Wenn die Mehrheitsgesellschaft diese Ansprüche nicht von sich aus einzulösen bereit ist, vermag ein gesetzlicher Zwang hierbei durchaus nachhelfen. Imame, die in Österreich ausgebildet sind, und auf Deutsch predigen, lassen sich jedoch nur durch eine entsprechende Infrastruktur erreichen.

Das Versprechen eines neu einzurichtenden Lehrstuhls für die Imamausbildung an der Wiener Hochschule kommt eigentlich viel zu spät, denn im benachbarten Deutschland existieren immerhin fünf Zentren für islamische Theologie bereits, an denen u.a. auch Imame ausgebildet werden. Hierfür eine Nachfrage zu sichern, lässt sich auf keinen Fall mit dem Predigtverbot für vom Ausland finanzierte Imame und dem Zwang zur deutschsprachigen Predigt erreichen.

Diese, im Kern dem Geleichbehandlungsgrundsatz der Religionen entgegenstehende Forderung stärkt vielmehr den Verdacht, mit dem „Islam österreichischer Prägung“ einen von der Mehrheitsgesellschaft angenehm empfundenen Staatsislam kreieren zu versuchen. Entlarvend erscheinen vor allem die Gesetzespassagen, wonach die Muslime sich zu „österreichischen Werten“ bekennen sollen und Staatsgesetz Vorrang vor religiösem (gemeint ist islamischem) Gesetz einzuräumen sei. Den Muslimen, die staatsrechtlich bereits seit über einem Jahrhundert Teil Österreichs sind, wird damit indirekt suggeriert, aufgrund ihrer Religion bis in die Gegenwart de fakto nicht zur österreichischen Gesellschaft hinzuzugehören.

Mag es in Österreich wie in Deutschland nach wie vor an der Tagesordnung sein, dass Islamverbände Finanzmittel von außen beziehen und Gemeinden von Imamen betreuen lassen, die im Ausland ausgebildet und der deutschen Sprache kaum mächtig sind. Die Ursache hierfür ist jedoch keinesfalls in einer Gesetzeslücke zu suchen, sondern in der mangelnden Bereitschaft der Öffentlichkeit, Gemeinden und Verbänden die Ressourcen zuzugestehen, aus eigenen Mitteln gesellschaftlich aktiv zu werden. Ohne die regelmäßigen Einnahmen aus der Kirchensteuer könnten weder katholische noch evangelische Kirchen ihre Pastoren und Priester unterhalten. Die zahlreichen karitativen Dienste im Sinne der Allgemeinheit wären ohne permanente staatliche Zuwendungen unvorstellbar.

Islamgesetze wie in jenes Österreich ignorieren vielmehr, dass zahlreiche muslimische Gemeinden trotz des Fehlens staatlicher Zuschüsse bereits gegenwärtig unzählige Gesellschaftsleistungen erbringen, die den kirchlichen Diensten allenfalls an Quantität, nicht aber an Qualität nachstehen. In dem Maße wie ein entsprechender Lehrstuhl existiert und eine deutschsprachige Imamausbildung in ausreichendem Umfang vorhanden ist, werden die Gemeinden deshalb aus eigenem Antrieb heraus hierzulande ausgebildete Imame „Importen“ vorziehen.

Wer zu demonstrieren beabsichtigt, dass der Islam und die Muslime keine Immigrantengemeinde, sondern gleichberechtigte europäische Bürger sind, darf keine nur auf Muslime bezogenen Sondergesetze erlassen, sondern muss dafür sorgen, Bedingungen herzustellen, die es ermöglichen, den Islam in vorgeschriebener Weise und zugleich konform mit europäischen Werten zu praktizieren. Dabei mag zwar kein spezifisch „österreichisch geprägter Islam“ entstehen, wohl aber europäische Muslime, die sich in deutscher Sprache selbstbewusst am politischen Diskurs beteiligen und durch ein bürgerschaftliches Engagement auszeichnen, das mit jeglichen Gemeinschaftsinitiativen aus der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft sich als ebenbürtig erweist.

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5 Kommentare
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  1. […] Das neue österreichische Islamgesetz hat bei vielen Muslimen des Landes das Gefühl bestärkt, trotz einer bereits seit 1912 bestehenden rechtlichen Anerkennung als Religionsgemeinschaft aufgrund ihrer Religion nicht als vollwertige gleichberechtigte Bürger zu gelten. Besonders das Verbot für die Gemeinden, Finanzmittel vom Ausland zu erhalten und im Ausland ausgebildete Imame einzusetzen, aber auch der Zwang zu deutschsprachigen Freitagspredigten haben viele als Signal empfunden, der Islam gehöre nicht zur österreichischen Gesellschaft hinzu. Mohammed Khallouk setzt sich kritisch mit dem neuen Gesetz auseinander und verlangt von den europäischen Staaten, anstatt auf Muslime bezogene Sondergesetze zu erlassen, der islamischen Gemeinde die gleichen finanziellen und rechtlichen Bedingungen wie den christlichen Kirchen zuzugestehen. Den am 03.03.2015 bei Migazin veröffentlichten Artikel finden Sie unter http://www.migazin.de/2015/03/03/selbstbewusste-europaeische-muslime-statt-oesterreichisch-gepraegte… […]

  2. karakal sagt:

    Dem Verbot der Finanzierung aus dem Ausland müßte im neuen Islamgesetz logischer- und gerechterweise eine geregelte Finanzierung aus dem Inland gegenüberstehen, d. h. der österreichische Staat müßte dann die Finanzierung der Gehälter von Imamen, Predigern und anderen beruflich in den muslimischen Gemeinden tätigen Personen tragen und somit einen Staatsislam schaffen oder andernfalls zumindest die gesetzlichen Voraussetzungen, die es den Muslimen ermöglichen und erleichtern, sich durch Stiftungen im Inland zu finanzieren. Da dies nicht vorgesehen ist, kann man das neue Gesetz nur als ungerecht bezeichnen.
    Weiterhin heißt es in diesem neuen Islamgesetz, die muslimischen Prediger und Lehrer sollten eine positive Grundeinstellung gegenüber Gesellschaft und Staat haben. Da sollte man im Gegenzug von der österreichischen Mehrheitsgesellschaft auch eine positive Grundeinstellung zum Islam und den Muslimen fordern. Diese scheint mir derzeit jedoch nicht gegeben. Also handelt es sich hier um eine weitere ungerechte Behandlung und Demütigung der Muslime in diesem Gesetz.
    Daher muß man sich fragen, ob die Neufassung dieses „Islam-“Gesetzes im Vergleich zum alten Gesetz von 1912 nicht eine Veränderung zum offensichtlichen Nachteil der Muslime bedeutet.

  3. Monika Fares sagt:

    Also ich verstehe nicht, was daran diskriminierend ist, wenn gefordert wird, dass Freitagspredigten in Deutsch gehalten werden !
    Gerade als deutsche Muslima (zum Islam übergetreten) würde ich es sehr begrüßen, wenn die Predigten in Deutsch gehalten würden, damit ich diese besser verstehen kann!
    Wenn diese in türkisch oder arabisch sind, können deutsche Muslime (sofern sie die arabisch/türkische Sprache nicht beherrschen) den Wert der Predigt (die zum besseren Verständnis des Glaubens und der islamischen Umma beitragen soll) nicht nutzen!
    Gerade für deutschsprachige Muslime, die nicht im islamischen Glauben erzogen wurden) wären detschsprechende Immame dringend erforderlich!

  4. Schwertlein sagt:

    @Monika Fares Man kann nicht in 20 Jahren das schaffen, wofür man normalerweise 300 oder 400 Jahre braucht. Die ganze Diskussion ist typisch deutsch und im Kern völlig sinnlos. Einen deutschen Islam im historischen Sinn gibt es nicht. Ein Islam im deutschen Sinn wäre ein völliges Kunstprodukt. Wie soll der aussehen. Hans-Detlef Abdullahi an der Vereinsspitze und Fatima Meier-Müller als Stellvertreterin? Wäre schön, entspricht aber nicht der Realität. Wunschträume! Vergleiche mit der jüdischen Gemeinde taugen da wenig, da die schon mindestens 800 Jahre im Land ist.

  5. Rinne sagt:

    Der Autor geht nicht darauf ein, was genau man beabsichtigt mit diesem Islamgesetz zu erreichen. Und das ist auch ein ganz grundsätzliches Problem, dass das Ziel vor allem von muslimischen Vertretern nur all zu gerne aus den Augen verloren wird und ohne konstruktive und neue Vorschläge lediglich die Veränderungen blockieren wollen. Oder darauf verwiesen wird, dass es aus gewissen gründen nicht möglich sein soll etwas zu ändern.

    Die islamischen Vereine haben keine Antwort auf die Radikalisierung ihrer jüngeren Mitglieder, gleichzeitig lehnt man aber konsequent jeden Lösungsvorschlag der Politik ab. Vereine und religiöse Gruppierungen in Europa sollten aus rein moralischen Gründen auf Geld aus Diktaturen und Unrechtsstaaten ablehnen.

    „Dabei mag zwar kein spezifisch „österreichisch geprägter Islam“ entstehen, wohl aber europäische Muslime…“

    Man kann ja wohl schlecht Europäer sein wenn man sich nicht zu einem seiner Mitgliedsländer kulturell, sprachlich und werteorientiert zugehörig fühlt.



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