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Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Vor Ort

Dedes zweite Chance im Kirchenasyl

Das Kirchenasyl steht in der Kritik des Bundesinnenministers. Er wirft den den Kirchen vor, sich über bestehende Gesetze hinwegzusetzen. Die Kirchen wehren sich. Ein Besuch bei einer Berliner Gemeinde, die dem Nigerianer Osobie Kirchenasyl gewährt hat.

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Ein Kirchenturm © H. Füller @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Wenn es das Kirchenasyl für ihn nicht gegeben hätte, wäre Chinedu Osobie vielleicht schon tot. „Oder ich wäre Amok gelaufen“, sagt der Nigerianer. „Egal wie: Sie hätten mich nur in einem Sack aus Deutschland bekommen.“ Der 45-Jährige lebt seit 1993 in Deutschland. Geflohen war er vor dem Bürgerkrieg in Sierra Leone, in den ihn sein Bruder zwang. Er hat in Deutschland geheiratet. Die Ehe ging schief. 2003 kam die Scheidung. „Ich kam nicht mehr klar, habe Fehler gemacht“, sagt Osobie. Er nahm Drogen, verkaufte sie auch, wurde erwischt und kam ins Gefängnis. Es folgten die Abschiebedrohung und mehrere Selbstmordversuche, erzählt Osobie.

Seit Mai vergangenen Jahres gewährt ihm eine Kirchengemeinde in Berlin-Mitte Asyl. In direkter Nachbarschaft der Sophienkirche hat er derzeit eine Ein-Zimmer-Wohnung. Nur wenige Gehminuten entfernt liegt der Hackesche Markt, auch zum Alexanderplatz ist es nicht weit. Vom lebendigen Trubel der Hauptstadt hat Osobie in den vergangenen acht Monaten trotzdem wenig mitbekommen. Er durfte das Kirchengrundstück nicht verlassen, um sich nicht zu gefährden. Nur hier war er wirklich vor der Polizei sicher. So lautete seine Regel im Kirchenasyl.

Seit kurzem hat er nun eine Duldung. Das heißt, er darf bleiben. „Aber Arbeit und eine Wohnung finden, das wird schwer“, sagt Osobie, der von seinen Freunden „Dede“ genannt wird. Er bereut seine Drogendelikte, will neu anfangen. „Im Knast habe ich Schuster gelernt, ich kann auch kochen“, sagt er. „Hoffentlich findet sich was.“

„Mit dem Kirchenasyl für Chinedu Osobie ging es uns in erster Linie darum, zu zeigen, dass hier jemand eine zweite Chance verdient hat“, sagte Christina Bammel. Sie ist die Pfarrerin der Gemeinde, die Osobie aufgenommen hat. Sein Leben habe eine völlig neue Ausrichtung bekommen. Auch er selbst sieht es als zweite Chance in Deutschland. Und er will sie nutzen.

Durch die aktuelle Diskussion um das Kirchenasyl stehen Fälle wie der des Nigerianers Osobie im Fokus. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) wirft den Kirchen vor, sich über bestehende Gesetze hinwegzusetzen. Ein besonderer Dorn im Auge ist ihm, dass Kirchenasyle besonders in sogenannten Dublin-Fällen, bei denen nach dem Gesetz ein anderes Land für die Bearbeitung des Asylantrags zuständig wäre, eine Abschiebung verzögern, bis die Frist abgelaufen ist. 190 Kirchenasyle sind der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche derzeit bekannt. Bei 157 davon geht es nach ihren Angaben um Dublin-Fälle.

Im Raum steht nun der Plan, die derzeitige Frist, in der zurückgeschickt werden kann, von sechs auf 18 Monate zu erhöhen. Kirchen und Opposition sind empört. Es gibt derzeit wohl kein Gespräch hoher Kirchenvertreter mit Regierung oder Opposition, in dem das Thema Kirchenasyl nicht auf den Tisch kommt.

Chinedu Osobie ist kein Dublin-Fall. Dennoch kann er die Zweifel an der humanitären Einrichtung, die ihm nun neue Hoffnung gibt, nicht verstehen. „Es wäre ein großer Fehler, das zu beenden“, sagt er. „Die Kirchen haben ein großes Gehör. Sie kümmern sich wirklich um die Menschen“, sagt Osobie, der zwar Muslim, seit seinem Kirchenasyl aber aktiv in der evangelischen Gemeinde vor Ort ist.

Auch Pfarrerin Christiane Bammel hat wenig Verständnis für den Angriff auf das Kirchenasyl. Osobie war der zweite Fall in ihrer Gemeinde. „Keine Gemeinde macht es sich damit einfach“, sagt sie. Denn der Prozess sei ein immenser Kraftakt. „Spenden müssen organisiert werden, Betreuung gesichert, Integration möglich sein.“ Die Kirche stelle sich nicht leichtfertig neben das Recht. „Wir reizen einen gewissen Spielraum im Recht aus, um ein Leben, das bedroht ist, zu schützen“, betont sie und ergänzt: „Wir stehen nicht auf der Seite der Illegalität, sondern auf der der Humanität.“ (epd)

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