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Migration und Integration in Deutschland

Das Beitragsaufkommen [in den Rentenversicherungen beträgt] auf Grund der Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer jährlich rd. 1,2 Milliarden DM, während sich die Rentenzahlungen an ausländische Arbeitnehmer jährlich auf rd. 127 Millionen DM, also etwa ein Zehntel, belaufen.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Interview mit Birgit Rommelspacher

Vor 10-20 Jahren war der Begriff Rassismus verpönt. Heute sprechen wir darüber.

Dr. Birgit Rommelspacher ist Professorin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Interkulturaltiät und Geschlechterstudien an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Im Gespräch erklärt sie, wer die geistigen wegbereiter für Pegida sind, wieso junge Männer in den Krieg ziehen und ob sie „Charlie“ ist.

Prof. Birgit Rommelspacher
Prof. Birgit Rommelspacher © Heinrich-Böll-Stiftung @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONHelga Suleiman

Die Verfasserin schreibt aus Österreich für das MiGAZIN. Sie publizierte über Integrationspolitiken, u.a. Musliminnen in der Arbeitswelt. Über den Aufbau einer Migrantinnen-Selbstorganisation war sie in der Jugendarbeit, in der antirassistischen Beratung und internationalen Lernwerkstätten tätig. Sie arbeitet als Bildungsberaterin und ist in der Friedensbewegung aktiv. Geschichtestudium.

DATUM2. Februar 2015

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RESSORTAktuell, Interview

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Es ist schon merkwürdig, dass solche Situationen in westlichen Wohlfahrtsstaaten entstehen…

Rommelspacher: Ja, das ist die sozioökonomische Situation. Die Kluft zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Es gibt immer mehr Arme, die wirklich keine Zukunft haben. Aber das Problem kann auf keinen Fall nur auf die ökonomische Dimension reduziert werden. Es ist auch der internationale Rahmen, von Israel über den Afghanistan-Krieg oder Abu Ghraib und die Folter, diese furchtbaren Geschichten, wo sich jeder Muslim natürlich denkt ‚wie kann das sein?‘ und wo sich Gegenwehr und Gegenpositionen entwickelt haben.

Es ist die ganze weltpolitische und konkret-ökonomische schwierige Situation und die Ausgrenzung im Alltag, der Alltagsrassismus – das Zusammenspiel vieler Faktoren muss bedacht werden.

Die Aufrüstung von Polizei und Militär und Verschärfung von Gesetzen bringt zunehmend Kriminalisierung mit sich, ganz allgemein von Minderheiten und Gruppen, die sich nicht dem Mainstream anpassen, auch renitent sind. Was können sie tun, um sich zu schützen?

Rommelspacher: Auch früher schon wurden in Moscheegemeinden frühmorgendliche Razzien durchgeführt. Der Verdacht war oft keineswegs gut begründet. Ich finde es ganz wichtig, so etwas öffentlich zu machen. Einigen gelingt es, das in die ganz großen Zeitungen zu bringen. Journalisten aus den Hauptmedien müssen sich dafür interessieren und diese Geschichten hinterfragen: Warum genau fand die Razzia statt, worin besteht der Verdacht, worauf gründet er sich?

Es ist auch wichtig, das Gerichtsverfahren gegen unberechtigte Übergriffe angestrengt werden und natürlich muss die Öffentlichkeit mobilisiert werden.

Es ist vorgekommen, dass Muslime zu hören bekommen, sie sollen ruhig bleiben und nichts an die Öffentlichkeit bringen, denn das könne noch schlimmere Folgen haben.

Rommelspacher: Im Gegenteil! Bei uns in Berlin war es so, dass nach den Attentaten von Paris Frauen angegriffen wurden und das wurde sofort öffentlich gemacht. Nur so kann derartiges verhindert werden.

Zum Stichwort ‚Attentate von Paris‘: Sind sie auch Charlie?

Rommelspacher: Nein! (lacht) Nein, ich habe diese Identifikationshysterie gar nicht begriffen. Ich kann nicht sagen ‚Ich bin Charlie‘, wenn ich Charlie gar nicht kenne. Ich weiss nicht, worum es in dieser Zeitung geht. Wie kann ich mich da so identifizieren? Sicherlich, die Leute meinen die Pressefreiheit – natürlich bin ich auch für die Pressefreiheit. Aber was dabei zu kurz kommt – inzwischen ist es ja schon etwas besser – dass gar nicht darüber gesprochen wurde, dass Karikaturen, wie auch Witze respektvoll aber auch respektlos sein können. Wir kennen das aus der Nazizeit, dem Propagandamagazin ‚Der Stürmer‘. Ich weiß nicht, wie die Leute auf die Idee kommen, eine Karikatur wäre per se eine Form der Kritik und Ausdruck von Meinungsfreiheit. Sie kann ja auch eine Form der Missachtung, des Rassismus sein. Ob das jetzt in diesem Fall so war, das will ich damit nicht behaupten. Es gibt unterschiedliche Sehgewohnheiten und Empfindlichkeiten. Als Mohamed auf dem letzten Cover von Charlie Hebdo als weinend dargestellt wurde, konnte ich nicht nachvollziehen, dass das als verletzend empfunden wurde, aber ich habe eine andere Sozialisation. Genauso wie westliche Leute sagen, sie können es nicht tolerieren, wenn jemand in der Burka kommt – weil es nicht ihren Sehgewohnheiten entspricht – so haben andere Leute andere Dinge, die sie nicht tolerieren können.

Darüber müsste man natürlich reden. Damit man es gegenseitig nachvollziehen kann.

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