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Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Geld, Land und Nahrung

Die Lüge von der Bevölkerungsbombe

In Zeiten der Dauerkrise ist die Klage vor „zu vielen Menschen“ eine ebenso beliebte wie verklärende Strategie, um von den wahren Gründen für Armut, Hunger und Naturzerstörung abzulenken. Von Patrick Spät

VONPatrick Spät

 Die Lüge von der Bevölkerungsbombe
Der Verfasser, geboren 1982 in Mannheim, Promotion in Philosophie 2010 an der Uni Freiburg, lebt als freier Journalist und Buchautor in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch: Und, was machst du so? Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch, Zürich: Rotpunktverlag, 2014. Seine Internetseite finden Sie hier./

DATUM19. Januar 2015

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RESSORTGesellschaft, Meinung

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Angesichts der enormen Produktivität in den Industrienationen könnte man ohne weiteres 12 Milliarden Menschen ernähren, wie der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, betont. Wenn täglich über 57.000 Menschen an Hunger sterben, in den Industrienationen aber der unerträgliche Überfluss herrscht, dann sind nicht die Menschen, sondern unsere Unmenschlichkeit das Problem. „Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Jedes Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet“, so die zutreffende Anklage Zieglers.

Im Mainstream von Politik, Medien und Stammtischen sieht man das meist anders: Schuld ist dort nie der sakrosankte Kapitalismus an der Zerstörung von Menschenleben und Natur – schuld seien die Menschen selbst aufgrund ihrer bloßen (zu zahlreichen) Existenz. Genauer: schuld sind immer nur die anderen Menschen, nicht aber das Profitstreben der westlichen Industrienationen. Nach dieser menschenverachtenden Logik ist nicht die Ausbeutung der Menschen ein Übel, sondern die Fortpflanzung der ausgebeuteten Menschen. So jedenfalls wollen es uns viele Medien und Politiker weismachen. Das ist nicht nur bequem und realitätsfern, es ist aktiv menschenverachtend, wie auch die Publizistin und Sozialforscherin Jutta Ditfurth in ihrem Buch Worum es geht festhält:

„Das Bild von der zu kleinen Erde, auf der sich die Armen hemmungslos fortpflanzen, während die Lebensmittelproduktion stagniere, ist ein prominentes Klischee der Inhumanität. […] Statt zu fragen: ‚Wie viele Menschen erträgt die Erde?‘, müsste es lauten: ‚Wie viel Kapitalismus ertragen der Mensch und die Natur noch?‘ […] Die üblichen Berichte über die Entwicklung der Weltbevölkerung sind meist mit Bildern eng gedrängter dunkelhäutiger Menschenmassen illustriert, selten mit Bildern Hellhäutiger im Feierabendverkehr, beim Schlussverkauf oder in Autobahnstaus zu Ferienbeginn.“

Die Niederlande (405 Einwohner pro km2), Deutschland (226 Einwohner pro km2) oder die Schweiz (200 Einwohner pro km2) sind weit dichter besiedelt als Äthiopien (87 Einwohner pro km2) oder Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas (165 Einwohner pro km2). Und wenn irgendwo auf der Welt „Überbevölkerung“ herrscht, dann eindeutig im Club der Superreichen: In Monaco drängen sich 18.229 Menschen auf einen Quadratkilometer. Umgekehrt macht Werner Boote, Regisseur des sehenswerten Dokufilms Population Boom, folgende Rechnung auf: Selbst wenn wir alle Menschen der Welt in das kleine Österreich brächten, hätte jeder 11 Quadratmeter zur Verfügung – immerhin 2 Quadratmeter mehr, als einem österreichischen Strafgefangenen zustehen.

Es ist schlichtweg ein gezielt verbreiteter Mythos, dass Armut und Umweltprobleme von der „Bevölkerungsbombe“ ausgehen. Jeder Medienbericht, jede Politikerrede und jede Volksinitiative, die das propagiert, will lediglich rassistische Ängste schüren und die Grenzen dichtmachen – dichter als sie es ohnehin schon sind. Außerdem dienen diese Behauptungen als Beruhigungsmittel dafür, dass nicht etwa unsere massive inhumane Ausbeutung, sondern die simple biologische Vermehrung der Grund allen Elends sei. Fakt ist aber: Ein durchschnittlicher US-Amerikaner verbraucht 32-mal so viele Ressourcen wie ein durchschnittlicher Kenianer – und in den USA leben knapp 320 Millionen Menschen. Und ebendieser steigende Ressourcenverbrauch ist nicht ans Bevölkerungs-, sondern ans Wirtschaftswachstum gekoppelt.

Sowohl in linken als auch in bürgerlichen und rechten Medien liest man nur noch die Zauberwörtchen „Wachstum, Wachstum, Wachstum“. Wachstum wohin denn bitte? Die westlichen Länder wachsen sich kaputt, während andernorts nur das Elend wächst. Wenn in milliardenschweren Schwellenländern wie Indien oder China jeder Bewohner ein Auto, ein Haus, ein Smartphone und ein Steak haben möchte, wer vermag ihm dann diesen Wunsch abzustreiten, solange „wir“ dieses Übermaß vorleben und sonntags unseren Zweitwagen waschen?

Ein hochgradig übertriebenes Konsumniveau von ein paar Millionen reichen Menschen einerseits und ein hochgradig inhumanes Elend von Milliarden Menschen andererseits – das kann nur in einer humanen Katastrophe münden. Wir wachsen solange, bis wir buchstäblich platzen – Immobilienblasen und Aktienkurse eingeschlossen. Unser Heißhunger nach Konsum und übertriebenem Luxus lässt andere bluten. Die WTO, der IWF und Heerscharen von Soldaten sorgen dafür, dass das so bleibt. Schuldig daran ist kein Mensch, kein einziger – schuldig ist allein die ungleiche globale Verteilung von Geld, Land und Nahrung.

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6 Kommentare
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  1. Realist sagt:

    Eine Zuwanderung in die Sozialsysteme schadet letztlich den Migranten selbst. Je mehr man verteilt, desto weniger bleibt übrig. Da hilft die selbst definierte „Moral“ nichts, auch kein „Recht“, sondern nur der Realismus einer Partei wie der CSU! Wenn man unbegrenzte Zuwanderung für alle will, bitteschön, dann soll man aber auch nicht jammern.

  2. Thomas Rindt sagt:

    Hervorragender Artikel!!

    …und er lässt mich ziemlich ratlos zurück – wissen und nicht handeln ist eigentlich schon eine Missetat! Ich weiß – und spätestens nach diesem Artikel kann jeder wissen – und dennoch „genieße“ ich den Überfluss unserer Industriegesellschaft – ich rede gegen „unsere“ Flüchtlingspolitik, kritisiere den Kapitalismus – dieses Grundübel und Monster unserer Zeit – aber handele ich radikal genug? Ganz bestimmt nicht! Nicht mal ansatzweise!

  3. H.P.Barkam sagt:

    @ Realist

    Zuwanderung in die Sozialsysteme? Abgesehen davon, dass Fakten und Zahlen anderes belegen, gerade auch hier immer wieder nachzulesen,
    geht es doch wohl in erster Linie um Zuwanderung in die Menschlichkeit,
    solange es weltweit über 45 Millionen Verfolgte und Kriegsflüchtlinge gibt.
    Übrigens, dass die meisten Nörgler in den neuen Bundesländern sitzen und als Pegida oder gleich als Nazis über die Ausnutzung deutscher Sozialsysteme meckern, liegt ja wohl daran, dass gerade vieler dieser Rechtsextremen selbst die Sozialkassen plündern – die sie für scheinbar als ihr Eigentum betrachten, ohne je selbst darin eingezahlt zu haben oder sich direkt als V-Leute und Informanten vom Staat bezahlen lassen.

    In diesem Sinne

  4. Poser sagt:

    Das Hauptproblem liegt darin, dass wir Menschen denken intelligenter und weniger instinktgeleitet zu sein als Tiere. Aber schlussendlich leben wir auch nur nach dem Motto „survival of the fittest“. Wir sind nicht sozialere oder bessere Erdenbewohner als der Hund der in einem youtube-video einen anderen Hund von der Autobahn zieht. Wir besitzen nur die Arroganz zu behaupten wir wären was besseres und könnten mehr leisten.

  5. Realist sagt:

    @ H.P. Barkham „Abgesehen davon, dass Fakten und Zahlen anderes belegen“

    Ihre Aussage verstehe ich nicht. Ich habe nur behauptet, dass eine Zuwanderung in die Sozialsysteme schlecht ist. Wo mehr verteilt wird als vorher, muss folgerichtig weniger pro Kopf verteilt werden. Diese Tatsache werden Sie ja wohl kaum abstreiten. Wer so sozial ist, dass er an alle verteilt, handelt im Endeffekt zwar theoretisch sozial, aber nicht praktisch sozial. Was soll an dieser Haltung besonders „menschlich“ sein?
    Der „Ossi“ kennt dieses System. Die Ostdeutschen haben sich den Sozialismus als System nicht ausgesucht. Wenn sie heute relativ arm oder wirklich arm sind, dann ist das nicht die Schuld irgendwelcher Großkapitalisten, sondern das der SED-Sozialisten. Der Sozialismus funktioniert nicht, weil er von falschen Grundannahmen ausgeht, deren Richtigkeit noch niemals belegt werden konnte. Im Übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass die meisten Pegidaanhänger ganz normale Arbeitnehmer sind. Hier marschiert der Mittelstand!

  6. Stogumber sagt:

    „Wenn in milliardenschweren Schwellenländern wie Indien oder China jeder Bewohner ein Auto, ein Haus, ein Smartphone und ein Steak haben möchte, wer vermag ihm dann diesen Wunsch abzustreiten, solange “wir” dieses Übermaß vorleben und sonntags unseren Zweitwagen waschen?“

    Eine sehr „weiße“ Überlegung. Wir sollen also unseren Zweitwagen abschaffen (ich hab gar kein Auto), damit sich die Bewohner der Schwellenländer ein Beispiel nehmen und ebenfalls auf weiteres Wirtschaftswachstum verzichten. Die Probleme der Afrikaner lassen sich dann anschließend durch bloße Umverteilung erledigen.

    Das zentrale Problem, was der Verfasser bekämpft, ist offenbar nicht die Armut, sondern das Wachstum.



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