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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Geld, Land und Nahrung

Die Lüge von der Bevölkerungsbombe

In Zeiten der Dauerkrise ist die Klage vor „zu vielen Menschen“ eine ebenso beliebte wie verklärende Strategie, um von den wahren Gründen für Armut, Hunger und Naturzerstörung abzulenken. Von Patrick Spät

VONPatrick Spät

 Die Lüge von der Bevölkerungsbombe
Der Verfasser, geboren 1982 in Mannheim, Promotion in Philosophie 2010 an der Uni Freiburg, lebt als freier Journalist und Buchautor in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch: Und, was machst du so? Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch, Zürich: Rotpunktverlag, 2014. Seine Internetseite finden Sie hier./

DATUM19. Januar 2015

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RESSORTGesellschaft, Meinung

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Auf der anderen Seite der Erdkugel herrschen ähnliche Horrorszenarien: Australien startete 2014 eine Hetzkampagne gegen Boots-Flüchtlinge aus Asien: „NO WAY. YOU WILL NOT MAKE AUSTRALIA HOME“ prangerte in großen Lettern auf tausenden von Plakaten und Werbespots der australischen Regierung. Jedes Boot, das illegal in australische Gewässer eindringt, wird vom Küstenschutz abgedrängt. „Diese Regel gilt für jeden: Familien, Kinder, unbegleitete Kinder, Gebildete und Fachkräfte“, stellt die Regierung klar. Eine Ansage, die jedes Jahr für tausende Menschen den Tod bedeutet.

Früher haben die europäischen Kolonialherren die Menschen des Globalen Südens überfallen, ausgeraubt, ermordet, zwangschristianisiert, versklavt und in die Schuldknechtschaft getrieben. Heute überschwemmt die EU den afrikanischen Markt mit Billigfleisch und anderen Agrarprodukten, während die dortigen Märkte den Bach runtergehen und die Menschen weiter verarmen. Im Hintergrund unterstützt die EU Diktatoren in Afrika; und die USA Diktatoren in Lateinamerika. Über die von der CIA initiierten Putschversuche spricht kaum jemand, aber regierungshörige Medien verbreiten allabendlich Bilder von überfüllten Flüchtlingslagern. Die Politik selbst – die mitverantwortlich für das Elend ist – hat gar keine allzu großen Probleme mit diesen Bildern: Sie sollen einerseits die Flüchtlinge abschrecken, andererseits sollen sie vor der vermeintlichen „Flüchtlingsflut“ warnen, die man rigoros eindämmen müsse.

In der Schweiz, in der man bereits Minarette als Bedrohung des Landfriedens ansieht, treibt die Angst vor Zuwanderung ganz andere Blüten: Die rechtskonservative Vereinigung Ecopop rührt eine menschenverachtende Propagandatrommel mit ihrer Volksinitiative „Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen“. Ecopop will zentrale Stellen der Bundesverfassung ändern. So soll Artikel 73 festhalten, dass durch eine Begrenzung der Einwohnerzahl „die natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft sichergestellt sind“, indem die „Zuwanderung im dreijährigen Durchschnitt nicht um mehr als 0,2 Prozent pro Jahr wachsen“ soll. Infolgedessen müsse die Entwicklungsarbeit des Bundes verstärkt „Massnahmen zur Förderung der freiwilligen Familienplanung“ fördern. Die Schweizer stimmten am 30. November 2014 über die Initiative ab, fast 75 Prozent votierten dagegen. Nichtsdestotrotz schwirrt das rassistisch-faschistoide Gedankengut von Ecopop weiter in den Köpfen zahlreicher Menschen umher. Es ist zu befürchten, dass Ecopop mit seiner Propaganda und mit weiteren Initiativen fortfahren wird. Auf der Homepage von Ecopop liest man etwas mehr zu den Hintergründen der ökofaschistisch anmutenden Vorhaben: „Weil die ökologischen Kapazitäten und die Ressourcen der Erde unabhängig von Staatsgrenzen beschränkt sind, und angesichts der zunehmenden internationalen Migration, soll diese eidgenössische Volksinitiative den Bevölkerungsdruck sowohl national als auch international reduzieren helfen.“

Was da etwas bürokratisch-formal daherkommt, ist sowohl inhuman als auch verklärend. Im Kern dieser These steckt der Wahn eines Thomas Robert Malthus (1766–1834), der 1798 in seinem Essay on the Principle of Population vor einer Überbevölkerung warnte: Der Pfarrer Malthus behauptete, dass die Nahrungsmittelproduktion arithmetisch wachse, während die Bevölkerung geometrisch zunehme. Mit anderen Worten: Das Nahrungsangebot vermehre sich nach dem Muster 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 …, während sich die Menschen nach dem Muster 1, 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128 … vermehrten.

Soweit Malthus‘ Theorie, die jeglicher Wissenschaftlichkeit und Faktenlage entbehrt. Malthus verlangte von den Armen und Ärmsten sexuelle Enthaltsamkeit, von der Politik forderte er eine Abschaffung der ohnehin bescheidenen Armenfürsorge. Der nicht ganz so barmherzige Pfarrer freute sich sogar über Kriege, Hungersnöte und Epidemien: „Kriege – die stille, aber sichere Vernichtung von Menschenleben in großen Städten und Fabriken – und die engen Wohnungen und ungenügende Nahrung vieler Armen – hindern die Bevölkerung daran, über die Subsistenzmittel hinaus zu wachsen und, wenn ich eine Wendung gebrauchen darf, die zuerst gewiß befremdlich erscheint, überheben große und verheerende Epidemien der Notwendigkeit, zu vernichten, was überflüssig ist.“ Malthus‘ Menschenhass sprengt alle Register. Und er fährt fort: Ein „Normalmaß an Elend“ sei eben hinzunehmen und notwendig, denn es habe „sich gezeigt, daß infolge der unvermeidlichen Gesetze der Menschennatur manche menschliche Wesen der Not ausgesetzt sein werden. Diese sind die unglücklichen Personen, die in der großen Lebenslotterie eine Niete gezogen haben.“

Malthus naturalisiert das millionenfache Elend der Menschen und erklärt es damit für unausweichlich. Dass der Kapitalismus schuld am Elend ist, dass ebendieser Kapitalismus nicht naturgegeben ist wie der alltägliche Sonnenaufgang und folglich auch abgeschafft werden kann, all das kommt Malthus erst gar nicht in den Sinn. Die Kernthese des Malthusianismus hat sich bis heute in die Köpfe eingenistet: Angeblich minderwertige, weil arme Menschen bedrohen den Luxus der Wohlhabenden. Die soziale Frage von Armut und Reichtum wird kurzerhand biologisiert, wie der Philosoph Robert Kurz treffend kritisiert: „Malthus verlagert also das Problem aus der Struktur der gesellschaftlichen Verhältnisse heraus, um die kapitalistisch erzeugte künstliche Armut, ja sogar ‚Überflüssigkeit‘ von Menschen auf die Ebene von Karnickeln oder Bibern zu bringen, die sich unter bestimmten Bedingungen ‚zu stark vermehren‘.“

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6 Kommentare
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  1. Realist sagt:

    Eine Zuwanderung in die Sozialsysteme schadet letztlich den Migranten selbst. Je mehr man verteilt, desto weniger bleibt übrig. Da hilft die selbst definierte „Moral“ nichts, auch kein „Recht“, sondern nur der Realismus einer Partei wie der CSU! Wenn man unbegrenzte Zuwanderung für alle will, bitteschön, dann soll man aber auch nicht jammern.

  2. Thomas Rindt sagt:

    Hervorragender Artikel!!

    …und er lässt mich ziemlich ratlos zurück – wissen und nicht handeln ist eigentlich schon eine Missetat! Ich weiß – und spätestens nach diesem Artikel kann jeder wissen – und dennoch „genieße“ ich den Überfluss unserer Industriegesellschaft – ich rede gegen „unsere“ Flüchtlingspolitik, kritisiere den Kapitalismus – dieses Grundübel und Monster unserer Zeit – aber handele ich radikal genug? Ganz bestimmt nicht! Nicht mal ansatzweise!

  3. H.P.Barkam sagt:

    @ Realist

    Zuwanderung in die Sozialsysteme? Abgesehen davon, dass Fakten und Zahlen anderes belegen, gerade auch hier immer wieder nachzulesen,
    geht es doch wohl in erster Linie um Zuwanderung in die Menschlichkeit,
    solange es weltweit über 45 Millionen Verfolgte und Kriegsflüchtlinge gibt.
    Übrigens, dass die meisten Nörgler in den neuen Bundesländern sitzen und als Pegida oder gleich als Nazis über die Ausnutzung deutscher Sozialsysteme meckern, liegt ja wohl daran, dass gerade vieler dieser Rechtsextremen selbst die Sozialkassen plündern – die sie für scheinbar als ihr Eigentum betrachten, ohne je selbst darin eingezahlt zu haben oder sich direkt als V-Leute und Informanten vom Staat bezahlen lassen.

    In diesem Sinne

  4. Poser sagt:

    Das Hauptproblem liegt darin, dass wir Menschen denken intelligenter und weniger instinktgeleitet zu sein als Tiere. Aber schlussendlich leben wir auch nur nach dem Motto „survival of the fittest“. Wir sind nicht sozialere oder bessere Erdenbewohner als der Hund der in einem youtube-video einen anderen Hund von der Autobahn zieht. Wir besitzen nur die Arroganz zu behaupten wir wären was besseres und könnten mehr leisten.

  5. Realist sagt:

    @ H.P. Barkham „Abgesehen davon, dass Fakten und Zahlen anderes belegen“

    Ihre Aussage verstehe ich nicht. Ich habe nur behauptet, dass eine Zuwanderung in die Sozialsysteme schlecht ist. Wo mehr verteilt wird als vorher, muss folgerichtig weniger pro Kopf verteilt werden. Diese Tatsache werden Sie ja wohl kaum abstreiten. Wer so sozial ist, dass er an alle verteilt, handelt im Endeffekt zwar theoretisch sozial, aber nicht praktisch sozial. Was soll an dieser Haltung besonders „menschlich“ sein?
    Der „Ossi“ kennt dieses System. Die Ostdeutschen haben sich den Sozialismus als System nicht ausgesucht. Wenn sie heute relativ arm oder wirklich arm sind, dann ist das nicht die Schuld irgendwelcher Großkapitalisten, sondern das der SED-Sozialisten. Der Sozialismus funktioniert nicht, weil er von falschen Grundannahmen ausgeht, deren Richtigkeit noch niemals belegt werden konnte. Im Übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass die meisten Pegidaanhänger ganz normale Arbeitnehmer sind. Hier marschiert der Mittelstand!

  6. Stogumber sagt:

    „Wenn in milliardenschweren Schwellenländern wie Indien oder China jeder Bewohner ein Auto, ein Haus, ein Smartphone und ein Steak haben möchte, wer vermag ihm dann diesen Wunsch abzustreiten, solange “wir” dieses Übermaß vorleben und sonntags unseren Zweitwagen waschen?“

    Eine sehr „weiße“ Überlegung. Wir sollen also unseren Zweitwagen abschaffen (ich hab gar kein Auto), damit sich die Bewohner der Schwellenländer ein Beispiel nehmen und ebenfalls auf weiteres Wirtschaftswachstum verzichten. Die Probleme der Afrikaner lassen sich dann anschließend durch bloße Umverteilung erledigen.

    Das zentrale Problem, was der Verfasser bekämpft, ist offenbar nicht die Armut, sondern das Wachstum.



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