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Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

9. November

„Tief- und Höhepunkt des deutschen Volkes“

Vor 25 Jahren war der Mauerfall und vor 76 Jahren die verheerenden Novemberpogrome gegen Juden in Deutschland. Sollten in der Erinnerung der Menschen nicht beide Ereignisse einen bedeutenden Platz einnehmen? Michael Groys kommentiert.

VONMichael Groys

Der Autor ist Student der Verwaltungswissenschaften an der Universität Potsdam und besitzt einen Bachelor in Politik und Verwaltung/Öffentliches Recht und ist Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung. Darüber hinaus ist er im Vorstand der Jusos Charlottenburg-Wilmersdorf sowie Leiter des Jüdischen Studentenzentrums Berlin.

DATUM10. November 2014

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Es gibt wohl kaum einen Tag in der gesamten deutschen Geschichte, der den Tief- und Höhepunkt des deutschen Volkes so veranschaulicht wie der 9. November. In diesem Jahr gibt es ein besonderes Jubiläum: 25 Jahre Mauerfall. Ein wahrhaftiger Grund zur Freude und Feier, ein Tag, an dem die Trennung von Familien sein Ende gefunden hatte, sowie natürlich das Ende des Unrechtsstaates DDR. In Berlin fand gestern zu diesem Anlass ein Bürgerfest statt, welches von Barenboim bis Kalkbrenner reichte.

Im Jahr 1938 wurde gewissermaßen auch ein Fest gefeiert. Es war ein Fest des Hasses, der Zerstörung, der Vernichtung, Verbannung, Verachtung und vor allem der Vorbereitung auf den Holocaust. Tausende Synagogen brannten, jüdische Geschäfte wurden zerstört und geplündert, tausende Menschen wurden in Konzentrationslagern inhaftiert. Die sogenannte Reichskristallnacht ging in die Geschichte ein als ein Tag der Scham des zuschauenden deutschen Volkes.

Welches außergewöhnliche Gefühl von fehlender Selbstreflexion muss man eigentlich besitzen, um an einem Tag der Scham in ein grenzenloses Jubeln zu verfallen? Wie kurz ist das Gedächtnis der Deutschen, wenn es um das einmalige Menschheitsverbrechen geht? Wie schade doch nur, dass wir Juden uns nicht an den steigenden Luftballons erfreuen. Ausgerechnet heute hätte ich mir von deutschen Politikern in der Stunde der Freude eine klare und deutliche Erinnerung an die ermordeten, vertriebenen, beleidigten, entwürdigten Juden gewünscht. Dass ich dies als Nachkomme des Opfervolkes fordern muss, ist mehr als traurig für diese Republik.

Die wahre Tragödie dieses Tages vor 76 Jahren waren nicht die Aktionen der Nazis mit ihrer kranken Ideologie, sondern die Untätigkeit der Menschen. Statt das Feuer der brennenden Synagogen zu löschen, wurden die eigenen Häuser beschützt. Diese Haltung ließ die Nazis ihren mörderischen Plan durchführen, der in den Öfen von Auschwitz, Maidanek und Treblinka endete.

Wenn ich heute diese tausenden jubelnden Menschen vor dem Brandenburger Tor sehe, die fröhlich Bier trinken und sich mit Würstchen vollstopfen, erklingt in meinen Ohren dieser ungeheure Schrei der Ungerechtigkeit. Mir scheint es so, als würden die Opfer die feiernde Menge um Respekt bitten, womöglich um die letzte Ehre. Für einige ist der Mauerfall 25 Jahre her, für die Juden ist die Pogromnacht noch gestern gewesen. Die zerbrochenen Fensterscheiben werden offensichtlich noch lange auf deutschen Straßen liegen bleiben.

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Ein Kommentar
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  1. Michel Meyer sagt:

    Sehr geehrter Herr Groys,
    mit Interesse habe ich wahrgenommen, dass in jüdischen Publikationen deutscher Sprache die zeitliche Überschneidung von Jubelfeiern über den „Mauerfall“ und dem Jahrestag der „Reichskristalnacht“ mit Bitterkeit kommentiert wurde. Der gleiche Tenor auch in Ihrem Beitrag.

    Ich kann Ihre Einstellung von Ihrem Standpunkt, also dem eines Juden, durchaus nachvollziehen. Aus Ihrer Sicht ist dieser Tag ein Tag der Trauer.

    Ich möchte an dieser Stelle aber auch an Sie appelieren, ein wenig Verständnis für ihre deutschen Mitbürger aufzubringen. An diesem Tag wurde ja nun einmal der „eiserne Vorhang“ zwischen die bis dahin durch einen Todesstreifen getrenntenTeile Deutschlands geöffnet. Herr Grabowsky hätte natürlich auch ruhig noch eine Tag warten können – hat er aber nicht.

    Das deutschen Volk hat somit an diesem Tag einen besonderen Tag zum Feiern, wie Sie es ja auch am Anfang Ihres Beitrages schreiben.

    Ich habe aber durchaus auch wahrgenommen, dass in den Medien auch weiterhin der Jahrestag der „Reichskristallnacht“ erwähnt wurde.

    Es ist natürlich schwer, den beiden Anlässe, die ja doch sehr unterschiedlicher Natur sind, im Gedenken gleichzeitig gerecht zu werden

    Sie schreiben: „Wie kurz ist das Gedächtnis der Deutschen, wenn es um das einmalige Menschheitsverbrechen geht? “

    Das durchschnittliche Gedächnis eines Deutschen reicht ja tatsächlich nur circa 40 Jahre zurück (bei einer Lebenserwartung von 80 Jahren).
    Von den heute noch Lebenden hat nur ein sehr kleiner Teil das Jahr 1938 erlebt, und dies auch nur als Kind. Bitte verkenne Sie das nicht.

    Wie schon gesagt: Ich kann durchaus nachvollziehen, dass aus jüdischer Sicht eine gewisse Bitterkeit angesichts der jubelnden Deutschen an diesem denkwürdigem Tag entsteht. Aber bitte zeigen Sie etwas Nachsicht, denn ansonsten treiben Sie nur einen weiteren Keil zwischen das jüdische und das deutsche Volk. Und hierfür besteht aus meiner Sicht kein weiterer Bedarf.



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