Deportation, Geschichte, Juden, Nationalsozialismus, Antisemitismus
Die erste Deportation von Juden © Sezene aus YouTube-Video

„Schande des 9. November 1938“

Das Entsetzlichste: Erinnerung an die Gleichgültigkeit der Nachbarn

Die Kanzlerin nennt es eine „Schande“, der Antisemitismusbeauftragte spricht von moralischem Versagen: Bei der Reichspogromnacht vor 82 Jahren gingen die Nazis offen zur Gewalt gegen Juden über. Am Montag wurde an die Opfer erinnert.

Dienstag, 10.11.2020, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 09.11.2020, 16:35 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Am 82. Jahrestag der Novemberpogrome vom 9. November 1938 haben Politiker zum Einsatz für eine demokratische Gesellschaft aufgerufen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von der „Schande des 9. November 1938“ und erinnerte an die Pogrome gegen jüdische Mitbürger, „an die Menschen, die in den Tod getrieben wurden, die brennenden Synagogen, die zerstörten Geschäfte“.

„Wir gedenken der Opfer des von Deutschland begangenen Menschheitsverbrechen, der Schoah, in Scham“, sagte Merkel am Montag in Berlin. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, betonte im RBB-Inforadio, aus dem damaligen Versagen, der allgemeinen Gleichgültigkeit und der Unterwürfigkeit gegen Diskriminierung müssten heute die richtigen Schlüsse gezogen werden.

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Gleichgültigkeit der Nachbarn

Das Internationale Auschwitz Komitee erklärte, bis heute sei für jüdische Überlebende dieser Schreckensnacht die Erinnerung an die Gleichgültigkeit der allermeisten ihrer Nachbarn das Entsetzlichste, womit sie nicht fertig geworden sind. Gerade deshalb würden sie sich gegen aufflammenden antisemitischen Hass und mörderische Gewalt engagieren, erklärte der Vizepräsident des Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, in Berlin. Wegen der Corona-Pandemie fanden am Montag in vielen Orten keine öffentlichen Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht vor 82 Jahren statt.

Klein betonte, wie wichtig die Erinnerung an die Pogromnacht vor 82 Jahren sei. Das Datum veranschauliche, wie das Land damals moralisch versagt habe. Es sei wichtig, heute anders mit Diskriminierung und Ausgrenzung umzugehen. Er ermunterte Betroffene und Zeugen, antisemitische Vorfälle zu melden: „Denn nur so kann sich etwas ändern. Wir müssen das Problem sichtbar machen, um es auch als Gesellschaft zu überwinden.“

Müller: Umgang mit Juden ist Gradmesser

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) nannte den Umgang mit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland einen Gradmesser für den Zustand des demokratischen Gemeinwesens. Er betonte, die Verantwortung gegenüber der jüdischen Gemeinschaft sei zugleich die Verantwortung „für unser demokratisches Gemeinwesen, für den Rechtsstaat und für unser aller Freiheit“. Antisemitismus und neonazistischer Terror hätten in Berlin und in ganz Deutschland keinen Platz. Dies sei die Botschaft des 9. November 1938. Antisemitische Haltungen, Propaganda und Hass besonders in sozialen Medien sowie Gewalttaten müssten entschieden verurteilt, verhindert und bekämpft werden.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brannten Synagogen in ganz Deutschland. Die Nationalsozialisten gingen zur offenen Gewalt gegen Jüdinnen und Juden über, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört, jüdische Bürger misshandelt. Es wird davon ausgegangen, dass in dieser Nacht mehr als 1.300 Menschen getötet und mindestens 1.400 Synagogen in Deutschland und Österreich stark beschädigt oder zerstört wurden. (epd/mig)

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