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Neue Prämissen

Grundlagen der Migrationsgesellschaft

Vor etwa 20 Jahren verfassten führende Wissenschaftler das „Manifest der 60“ – auch als Reaktion auf die die Übergriffe in Rostock Lichtenhagen, Mölln und Solingen. Seitdem hat sich viel verändert, einige grundlegende Probleme sind aber geblieben. Zeit für ein neues Manifest?

VONRobert Westermann

 Grundlagen der Migrationsgesellschaft
Der Verfasser hat Politik- und Geschichtswissenschaften in Freiburg, Basel und Salamanca studiert. Seit 2012 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei BQN Berlin e.V. und koordiniert dort die PR- und Öffentlichkeitsarbeit der Landesinitiative Berlin braucht dich!. Sein Blog migrationsystems.org beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen in der internationalen Migrations-, Transnationalismus- und Diversitätsforschung.

DATUM22. Oktober 2014

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RESSORTLeitartikel, Meinung

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Dem Paradigmenwechsel von der Aufnahme- zur Einwanderungsgesellschaft war eine Diversitäts- und Teilhabedebatte vorausgegangen: Verstärkt seit 2006 hatten immer mehr deutsche Unternehmen und öffentliche Einrichtungen sogenannte Diversity Strategien und (Marketing-)Konzepte eingeführt, mit denen Weltoffenheit sowie ein proaktiver Umgang mit den Themen innerbetriebliche und gesell-schaftliche Vielfalt zum Ausdruck gebracht wurden.

Nachprüfbare Maßnahmen und Ziele sind dabei in den seltensten Fällen formuliert worden.1 Konkreter verlief die politische Debatte um einen stärker teilhabe- orientierten Integrationsbegriff vor allem auf kommunalpolitischer Ebene:

Hierbei wurde die gleichberechtigte Teilhabe zur zentralen „Vorbedingung von ‚Integration’“, was dazu führte, dass sich die Perspektive von einer einseitigen Integrationsleistung von Einwanderern und deren Nachkommen hin zu einem gesamtgesellschaftlichen Anpassungs- und Öffnungsprozess verschob.2

Diese ersten Ansätze veränderter Einstellungen und Rahmenbedingungen können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entwicklung zur Einwanderungsgesellschaft in Deutschland noch „in den Kinderschuhen“ steckt: Der „Lackmustest“ wird erst in den kommenden Jahren folgen, sobald sich herausstellt, ob ein Wandlungsprozess von der „lehrenden zur lernenden Gesellschaft“3 einsetzt hat, d.h. der Aufbau von Fähigkeiten und Mechanismen, mit denen in pluralen Gesellschaften Potentiale erkannt und genutzt werden, die Neujustierung von Regeln und Normen unter Bedingungen erhöhter Diversität voranschreitet und in allen Lebenslagen und Sozialräumen – von der Kita bis ins Altenheim, in der Wirtschaft, Verwaltung und Politik – Schlüsselpositionen mit Menschen mit interkulturellen Kompetenzen und Erfahrungen besetzt werden.4

Trans-Nationalismus

Um praxisorientierte Lösungen in Gesellschaften zu finden, die durch Migration und Diversität geprägt sind, muss eine neue Sichtweise auf den Zusammenhang von Mobilität und sozialer Transformation entwickelt werden.5 Auch wenn sich der Anteil von internationalen Migranten an der Weltbevölkerung in den letzten Jahrzehnten nicht maßgeblich verändert hat, so haben doch technologische, infrastrukturelle und kulturelle Entwicklungen dazu geführt, dass immer mehr Menschen immer häufiger über nationalstaatliche Grenzen hinweg denken, handeln und miteinander verbunden sind.6

Dieser Paradigmenwechsel muss stärker als bisher von Wissenschaftlern und Politikern aufgegriffen und weitergedacht werden. Ein Beispiel dafür bietet die Studie Freedom in Diversity, in der Timothy Garton Ash, Edward Mortimer und Kerem Öktem fünf verschiedene Einwanderungsgesellschaften miteinander vergleichen und zehn Handlungsoptionen „herausdestillieren“, die sich im Rahmen der politischen Steuerung vielfältiger Gesellschaften bewährt haben.7

Die Grundannahme der Studie besagt, dass aufgrund globaler Veränderungen ökonomisch-fortgeschrittene Länder per se Einwanderungsgesellschaften sind. Dies wirkt sich nicht nur auf die Vergleichbarkeit nationaler Politik aus, sondern liefert zugleich das Argument dafür, dass Kommunen (insbesondere Großstädte und Metropolregionen) unter ähnlichen Rahmenbedingungen gemeinsame ‚Migrations- und Vielfaltsstrategien’ entwerfen bzw. erfolgreiche Ansätze übertragen werden.8

Letztendlich stellt sich die Frage, ob die Begriffe Einwanderungs- und Migrationsgesellschaft synonym verwendet werden sollten oder aber etwas Unterschiedliches bedeuten? Fest steht, dass heutzutage der Gestaltung und Steuerung von Migration und Diversität als gesellschaftspolitisches Kernthema zentrale Bedeutung zukommt. In der Einwanderungsgesellschaft liegt dabei der Fokus immer noch auf den Menschen, die „von außerhalb“ hinzukommen, und darauf wie diese sich am besten in eine bestehende Gesellschaft „integriert“ werden. In der Migrationsgesellschaft hingegen verschiebt sich der Fokus auf die Anpassung und Veränderung gesamtgesellschaftlicher Normen, Regeln und Strukturen auf der Grundlage superdiverser Rahmenbedingungen. Dies ist etwas grundsätzlich anderes.

Zeit also für ein neues Manifest!

  1. Vgl.: Mark Terkessidis: Was ist Interkultur?, in: Susanne Stemmler (Hrsg.): Multikultur 2.0 – Willkommen im Einwanderungsland Deutschland, Bonn 2011, S. 222-230.  []
  2. Vgl. Barbara Kiepenheuer-Drechsler: Vielfalt plus Zusammenhalt – Eine ethnologische Perspektive auf die Praxis Berliner Integrationspolitik, Bielefeld 2013, ,S. 92.  []
  3. Zitat von Rita Süssmuth auf der Cities of Migration Konferenz am 5. Juni 2014 in Berlin.  []
  4. Eine solche Debatte wird vor allem dort geführt, wo „super-diverse“ Rahmenbedingungen besonders spürbar sind: Vgl. beispielhaft die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK), die am 28. Mai 2014 auf der Fachtagung „Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule“ vorgestellt wurden [zuletzt aufgerufen am 10.10.2014] oder den strategischen Ansatz des Bundesverbandes für Wohnen und Stadtentwicklung e.V. (vhw) einer „zukunftsgerechten kommunalen Kohäsionspolitik“, präsentiert auf dem 4. StädteNETZWERKKongress am 18. September 2014 [zuletzt aufgerufen am 10.10.2014]  []
  5. Vgl. Stephen Castles: Migration and Social Transformation Inaugural Lecture for the Migration Studies Unit (MSU) LSE 15 November 2007.  []
  6. Stephen Castles; Hein de Haas; Mark J. Miller: The Age of Migration – International Population Movements in The Modern World, 5th Edition, New York 2014, p. 320.  []
  7. Timothy Garton Ash; Edward Mortimer; Kerem Öktem: Freedom in Diversity – Ten lessons for Public Policy from Britain, Canada, France, Germany and the United States, Oxford 2013. [zuletzt aufgerufen am 5.10.2014]  []
  8. Vgl. z.B. das Portal der kanadischen Maytree Foundation: www.citiesofmigration.com  []
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3 Kommentare
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  1. KJB sagt:

    Lieber Robert Westermann, Sie haben Recht: Wir brauchen z.B. die Mehrheits- und Einwandererbevölkerung ideell und mental zusammenbindende große Erzählung, an die zuletzt Naika Foroutan erinnert hat. Sie sollte Migration als konstitutives Element der Entwicklung von Bevölkerung, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur nicht nur in der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit verankern. Sie sollte auch die längeren Linien der Geschichte Deutschlands und Europas einschließen, in denen sich ständig Menschen über Grenzen und oft auch Grenzen über Menschen bewegten. Dieses visionäre Selbstbild der Einwanderungsgesellschaft sollte in allen öffentlichkeitswirksamen Bereichen vermittelt und gelebt werden – von Kindertagesstätten über Schulen, Betriebe und Museen bis zur kultursensiblen Altenpflege.
    Bleibt eine solche Zusammenhalt stiftende große Erzählung in der modernen Einwanderungsgesellschaft dauerhaft aus, dann könnte in der oft vergessenen Mehrheitsbevölkerung trotz insgesamt zunehmender Akzeptanz von Zuwanderung und kultureller Vielfalt die Zahl derer wachsen, die sich als ‚Fremde im eigenen Land‘ übergangen fühlen und sich deshalb ujmso mehr gegen ‚Überfremdung‘ wenden. Der internationale Vergleich mit der Entwicklung einwanderungs- bzw. fremdenfeindlicher Strömungen in anderen europäischen Einwanderungsländern sollte hier eine Warnung sein, zumal entsprechende Entwicklungen auch hierzulande schon in Gang gekommen sind. Es ist also in der Tat Zeit für ein neues Manifest – fangen Sie doch einfach an und suchen Sie nach geeigneten Autoren, so habe ich das damals auch gemacht, herzlich KJB

  2. Joschuah sagt:

    „Wir brauchen z.B. die Mehrheits- und Einwandererbevölkerung ideell und mental zusammenbindende große Erzählung.“

    Also wo wollen Sie denn da ansetzen: Bei Vater Zeus oder der Arche Noah? Bei Adam und Eva? Geht nicht – da protestieren die Atheisten. Vielleicht einigen wir uns darauf, dass alle Deutschen von Hammurabi abstammen?

    Scherz beiseite: Identität ist kein Plastikbegriff. „Identität“ heißt „identisch-sein“, zu 100, 90, 80, 70, 50 oder 0%. Wenn die einzelnen Identitätsmerkmale zu weit auseinandergehen, kann es keine „Identität“ als Gesamtheit geben. Welche Vision soll da helfen?

  3. […] dazu auch: Neue Prämissen – Grundlagen der Migrationsgesellschaft, in: MiGAZIN vom 22.10.2014 [03.08.2015]  […]



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