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Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, MiGAZIN, 28. Januar 2010

Prof. Bekim Agai im Gespräch

„Wir müssen uns positionieren aber nicht distanzieren“

Die Terrormiliz IS treibt im Irak und in Syrien ihren Krieg und Muslime in Deutschland sollen sich davon distanzieren. Nasreen Ahmadi sprach mit Prof. Bekim Agai über diese Forderung, ihre Folgen und was man tun bzw. vermeiden sollte.

VONNasreen Ahmadi

Die Verfasserin hat einen afghanischen Migrationshintergrund. Sie studiert Wirtschaftswissenschaften und Islamische Studien an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Neben dem Studium ist sie ehrenamtlich in dem Verein InteGREATer e.V. aktiv, denn sie glaubt, dass Integration nur durch Bildung zustande kommt.

DATUM2. Oktober 2014

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RESSORTAktuell, Interview

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MiGAZIN: Immer mehr Vertreter des Islams und viele Theologen in Deutschland aber auch weltweit verurteilen ausdrücklich die Gräueltaten der Terrorgruppe IS im Irak und in Syrien. Müssen sich Muslime für jegliche Art von Verbrechen, die im Namen des Islams begangen werden, distanzieren und bedeutet eine Distanzierung nicht, dass Muslime in der Nähe der Terrormiliz IS stehen würden?

Bekim Agai: Genau deshalb haben wir das Wort „Distanzierung“ in unserer Frankfurter Erklärung zum IS nicht verwendet. Das Wort Distanzierung, das in diesem Zusammenhang stets genannt wird, trifft die Sache eigentlich nicht, denn hier geht es um eine Positionierung. „Distanzierung“ suggeriert eine prinzipielle Nähe zu denjenigen, die Terror und Gewalt mit Religion rechtfertigen, die nicht gegeben ist.

Als muslimische Theologen, aber auch als Bürger und Muslime müssen wir unsere Bestürzung und Zurückweisung zum Ausdruck bringen, da bestimmte Handlungen hier islamisch legitimiert werden. Es geht also um eine Positionierung und Aufklärung darüber, wofür wir als die Träger einer universitären theologischen Beschäftigung mit dem Islam stehen und die Formulierung einer Haltung. Diese aufklärerische Haltung richtet sich nicht nur an eine nicht-muslimische Öffentlichkeit, sondern auch an Muslime selbst.

Was vermissen Sie in der öffentlichen Debatte über die Terrormiliz IS am meisten?

Gerade in den Teilen des Nahen Ostens, in denen Bürgerkrieg und Terror nun schon seit Jahren wüten, sind unter den Opfern und Vertriebenen auch Muslime, ebenso wie Christen und Yeziden. Dies ist ein Aspekt, auf den nicht oft genug hingewiesen wird. Es entsteht der Eindruck, als sei diese entfesselte Gewalt gegen bestimmte Gruppen gerichtet und würde von Muslimen gegen andere ausgeübt, das ist mitnichten der Fall. Über viele Jahrhunderte gewachsene Verhältnisse des Zusammenlebens unter Hoheit verschiedener sich ausdrücklich islamisch legitimierender Herrscher wie zum Beispiel dem osmanischen Sultan und Kalifen werden hier durch Verwendung einer religiösen Rhetorik für „unislamisch“ erklärt.

Es muss deutlich gemacht werden, dass die IS damit jenseits grundlegender sunnitischer Überzeugungen steht. Denn grade die Medien sprechen hier oftmals von extremistischen „Sunniten“. Aber der sogenannte „IS“ steht gerade nicht in der sunnitischen Tradition, sie lehnt die Tradition geradezu ab. Sie ist ein Produkt einer totalitären Moderne.

Die allgemeine Öffentlichkeit übersieht manchmal, dass diese Menschen auch Ängste und Sorgen haben und diese zunächst einmal im direkten Lebensumfeld Deutschland stattfinden. Aber statt sie in einer Willkommenskultur zu inkludieren, wie es der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff getan hat, scheint man friedliche Muslime latent dafür schuldig zu machen, was zurzeit im Nahen Osten passiert, der für die meisten eine Region ist, aus der vielleicht vor drei Generationen Verwandte herkamen. Dabei hat das politische Chaos und Klima der Gewalt im Nahen Osten eine lange Vorgeschichte und ist nicht erst mit jungen Jihadisten entstanden.

Welche Auswirkungen hat das Ganze auf die Muslime in Deutschland?

Der Rechtfertigungsdruck, der in Deutschland auf Muslime ausgeübt wird, hat in Deutschland meines Erachtens bisher eher negative Auswirkung für diejenigen, die hiermit nicht vertraut sind. Sie verstehen nicht, was hier eigentlich vorgeht. Denken wir zum Beispiel an einen Enkel eines Syrers in Deutschland, der in der Moschee Trost sucht, weil seine Verwandten in Syrien umgekommen sind. Er soll nun gleichzeitig die Verantwortung für das übernehmen, was sogenannte „Muslime“ gemacht haben.

Das ist oft zu viel und führt zu einem Gefühl des Ausgegrenzt- und Alleingelassenseins und der Hilflosigkeit. Öffentliche Stimmen wie die der Verbände und der Akademiker sind hier wichtig, um diesen Menschen eine Stimme zu geben.

Besteht nicht auch die Gefahr, dass durch die ständigen Distanzierungsforderungen ein Ihr-Gefühl geschaffen wird, anstelle eines Wir-Gefühls?

Agai: Genau das ist die Gefahr, obwohl es im realen Leben genug Gegenbeispiele gibt. Diese werden von den Medien allerdings nicht ausreichend gewürdigt, weil sie eben normal sind. Es ist nun einmal so, dass Medien ihr Geld eher mit schlechten Nachrichten verdienen. Umso mehr sind die Förderung eines friedlichen Zusammenlebens und die Stärkung zivilgesellschaftlichen Engagements in diesem Bereich wichtig. Vielleicht sollte die Politik die Normalität und die gelungenen Beispiele von „Wir-Initiativen“ stärker in den Vordergrund bringen.

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6 Kommentare
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  1. Han Yen sagt:

    Gegenvorschlag: Man stelle eine Historiker-Komission zusammen und kompiliere Schulbuch-Versionen der Geschichte westlicher Interventionen und Geopolitik in der Golfregion. Das hat Hand und Fuß. Das Chaos der neuen Kriege hat nichts mit dem Wesen des Islams zu tun, sondern mit geopolitischen Kontinuitäten.

  2. H.P.Barkam sagt:

    Als durch Taufe zum protestantischen Christen bestimmter Mensch distanziere ich mich hier ausdrücklich von den permanenten Sexualverbrechen katholischer Pfaffen, weil diese Drecksäue ja auch Christen sind.

    Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

    In diesem Sinne

  3. surviver sagt:

    STICHWORT: POSITIONIEREN
    Ich finde das Wort „Positionieren“ in diesem Zusammenhang sehr wichtig:
    Also, ich finde es mittlerweile echt diffamierend, dass ständig in den Mainstreammedien das Wort „Terrorismus“ u/o „Gewalt“ mit dem Islam in Verbindung gebracht wird.
    Das geschieht sicherlich nicht zufällig. Da steckt irgendwie eine deklassierende, „verdeckte Mitteilung“ an Gesellschaft, in der wir zusammen leben, wie „das sind doch nur Muslime, die sind eh alle gleich…“.
    Leider beobachte ich bei vielen Jugendlichen islamischer Herkunft eine relativ instabile Persönlichkeit/-Störung.
    Irgendetwas scheint innerhalb der Familien und der Gesellschaft insgeheim falsch zu laufen.
    Dass erklärt auch die Anfälligkeit zu Extremistischen Gruppierungen.

    Ich POSITIONIERE mich in diesem Gesichtspunkt zu:
    „INTEGRATION DURCH BILDUNG“.

    Hier ist auch die Politik gefragt, nicht nur die Islamverbände.
    Je mehr man über sich und den Anderen weiß, desto weniger Vorurteile hat man.

  4. […] Bekim Agai: Wir müssen uns positionieren aber nicht distanzieren (Nasreen Ahmadi – 02.10.2014) […]

  5. […] “Wir müssen uns positionieren aber nicht distanzieren” Die Terrormiliz IS treibt im Irak und in Syrien ihren Krieg und Muslime in Deutschland sollen sich davon distanzieren. Nasreen Ahmadi sprach mit Prof. Bekim Agai über diese Forderung, ihre Folgen und was man tun bzw. vermeiden sollte. MiGAZIN: Immer mehr Vertreter des Islams und viele Theologen in Deutschland aber auch weltweit verurteilen ausdrücklich die Gräueltaten der Terrorgruppe IS im Irak und in Syrien. Müssen sich Muslime für jegliche Art von Verbrechen, die im Namen des Islams begangen werden, distanzieren und bedeutet eine Distanzierung nicht, dass Muslime in der Nähe der Terrormiliz IS stehen würden? Bekim Agai: Genau deshalb haben wir das Wort „Distanzierung“ in unserer Frankfurter Erklärung zum IS nicht verwendet. Das Wort Distanzierung, das in diesem Zusammenhang stets genannt wird, trifft die Sache eigentlich nicht, denn hier geht es um eine Positionierung. „Distanzierung“ suggeriert eine prinzipielle Nähe zu denjenigen, die Terror und Gewalt mit Religion rechtfertigen, die nicht gegeben ist. Als muslimische Theologen, aber auch als Bürger und Muslime müssen wir unsere Bestürzung und Zurückweisung zum Ausdruck bringen, da bestimmte Handlungen hier islamisch legitimiert werden. Es geht also um eine Positionierung und Aufklärung darüber, wofür wir als die Träger einer universitären theologischen Beschäftigung mit dem Islam stehen und die Formulierung einer Haltung. Diese aufklärerische Haltung richtet sich nicht nur an eine nicht-muslimische Öffentlichkeit, sondern auch an Muslime selbst. Quelle: Migazin […]

  6. Muslim sagt:

    Prof Agai trifft mit seiner Analyse den springenden Punkt: Es ist schlichtweg heuchlerisch, wenn unsere Politiker über an den Rand gedrängte, dem Extremismus verfallene Jugendliche einerseits lamentieren und andererseits aber offen alles dafür tun, dass Muslime stets an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und eine wirkliche Integration, in Form der Teilhabe am öffentlichen Dienst insbesondere für muslimische Frauen mit Kopftuch unmöglich gemacht wird. Ich verstehe nicht, wass sich die Politik und die Justiz davon erhofft, wenn sie gerade muslimische Frauen ausgrenzt und diskriminiert. Damit dient sie erst als Katalysator für jeglichen Extremismus.
    Übrigens hat es noch kein Medium geschafft, auch nur in geringster Weise darzulegen, was das sog. „IS“ mit dem Islam zu tun hat! Was bitte ist an diesen barbarischen Selbstdarstellern islamisch? Liebe Medien, ihr schuldet den Beweis, wenn ihr schon permanent die Muslime unter Generalverdacht stellt und den Islam an den Pranger! Fakt ist, dass der Islam im Nahen und Mittleren Osten Jahrhunderte lang Frieden, Fortschritt und Stabilität bewirkt hat. Erst der gierige Neo-Imperialismus der letzten Jahrzehnte hat diese Länder in das Chaos gestoßen!



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