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Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Der Politische Islam

Opposition, Krise und Macht

Seitdem die ISIS (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) im Irak wüted, hat der Politische Islam es wieder auf die Titelseiten hiesiger Medien geschaft. Doch was steckt dahinter? Hat es eine Zukunft? Imad Mustafa über Muslimbrüder, Hamas und Hizbollah.

VONImad Mustafa

Der Verfasser, 1980 in Esslingen/Württemberg geboren. Studierte Politologie, Orientalistik und Soziologie an den Universitäten Heidelberg, Damaskus und Frankfurt a.M. Er ist Mitbegründer des Blogs das migrantenstadl und arbeitet als freier Autor u.a. zum Politischen Islam und der Arabischen Welt. Im September erschien sein Buch „Der Politische Islam – Zwischen Muslimbrüdern, Hamas und Hizbollah“ bei Promedia (Wien).

DATUM4. Juli 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Doch abseits aller Detailfragen über eine „ideale islamische Ordnung“, sehen sich die islamischen Akteure in den nächsten Jahren viel größeren Herausforderungen gegenüber. Der Umgang damit wird auch darüber entscheiden, ob der Politische Islam als Bewegung zukunftsfähig ist und die komplexen sozialen Probleme der arabischen Welt lösen kann. Im Kern dieser Herausforderungslage steht die Frage, ob sich Bewegungen wie etwa Muslimbrüder und Hamas breiteren Bevölkerungsschichten öffnen können oder sich endgültig den Interessen der eigenen Anhängerschaft verschreiben. Auch wenn der ägyptische Militärputsch viele komplexe Ursachen hatte, die sich nicht auf einen Kulturkampf zwischen Säkularismus und Islamismus einengen lassen, so hat er zwei wesentliche Phänomene aufgedeckt, die weit über Ägypten und den Politischen Islam hinausweisen und maßgeblich zur Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage beitragen:

Zum einen den Mangel an politischer Kultur und die damit verbundene Unfähigkeit, Fragen der politischen Machtverteilung friedlich zu regeln. Die jahrzehntelange Ausübung erst kolonialer, dann heimischer autoritärer Herrschaft –oftmals vom Westen unterstützt- hat zu einer Erstickung zivilgesellschaftlicher Ansätze und Organisationsformen geführt, die über die Erfüllung wohltätiger Zwecke hinausgehen. Zudem hat die damit einhergehende Privatisierung staatlicher und ökonomischer Macht dazu geführt, dass die Gesellschaft in widersprüchliche Gruppeninteressen zerfällt, zwischen denen ein Ausgleich nur noch sehr schwer zu realisieren ist. Auch aus diesem Grund scheiterte Muhammad Mursi daran, Präsident aller Ägypter zu werden.

Zum anderen hat der Mangel an politischer Kultur in einer Situation der fast anarchischen Freiheit in den Umbruchsländern des sogenannten Arabischen Frühlings zu einer blinden Hinwendung zu westlich-liberalen Modellen der Machtverteilung geführt, ohne jemals substanzielle Erfahrungen damit gemacht zu haben. Im Ergebnis führte dies zu einem sehr formalistischen Verständnis von Demokratie, bei dem der Wahlsieger wähnte, vom Volk einen Blankoscheck ausgestellt bekommen zu haben.

Die Fähigkeit, für traditionell außerhalb ihrer Klientel liegende Bevölkerungsschichten attraktiv zu werden, wird in den nächsten Jahren maßgeblich davon abhängen, Abstriche bei ihrer religiös-ideologischen Programmatik vorzunehmen und die Rechte der säkularen Teile der Bevölkerung auf einen säkularen Staat zu berücksichtigen.

Die Gegner islamischer Bewegungen in der arabischen Welt wiederum scheinen zu übersehen, dass sie es mit zwar sehr konservativen, aber nichtsdestotrotz legitimen, sozialen Bewegungen zu tun haben, die nicht nur aus Analphabeten bestehen, wie Muhammad El Baradei gesagt hat. Aus diesem Grund kann man diese Organisationen auch nicht per Dekret beseitigen und unterdrücken. Die darin zum Ausdruck kommende Verachtung ärmerer Bevölkerungsschichten verschärft die gesellschaftlichen Konflikte nur und schlägt in die gleiche Kerbe wie die Gegner islamischer Bewegungen im Westen, die Islam und Politischen Islam mit Rückständigkeit und anti-modernem Denken gleichsetzen.

Diese Konstellation birgt viel gesellschaftlichen Sprengstoff für die Zukunft. Die Völker des Nahen Ostens können eine Explosion vermeiden, wenn sie sich auf einen langen Prozess einlassen, in dessen Verlauf sie große Geduld, Kompromissbereitschaft und Respekt für den politischen Gegner beweisen müssen. Nur so ist – vielleicht in einigen Jahrzehnten – ein Wandel möglich.

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4 Kommentare
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  1. H.P.Barkam sagt:

    Gut!

  2. u. h. sagt:

    Der irakische Schriftsteller Achmed Wali hat bei seiner „Reise in das Herz des Feindes“ gelernt, daß Demokratie nicht die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit bedeutet, sondern die Gewährung der Minderheitenrechte. Dies müssen anscheinend demokratisch legitimierte Regierungen – nicht nur in islamischen Staaten – wohl erst noch lernen, auch ihre Völker, auch die Mehrheiten, damit die Minderheiten die Mehrheitsmeinungen akzeptieren können und das friedliche gemeinnsame Leben möglich ist.

  3. posteo sagt:

    Der europäische Kolonialismus hat der arabischen Welt nicht nur Unterdrückung sondern auch jede Menge moderner Infrastruktur gebracht, man denke nur an den Suezkanal. In religiöser Hinsicht waren die europäischen Kolonialisten des 19. Jahrhunderts absolut tolerant. D. h. sie interessierten sich schlicht nicht mehr für die Religionen ihrer Kolonien, sondern nur für ihre Güter.
    Was die sozialen Leistungen der Moslembrüder angeht, sind solche Zuwendungen oftmals nur der „Speck, mit dem man Mäuse fängt“, das bedeutet, mit dem man sich Anhänger verschafft. Wie teuer der Preis für diese sozialen Leistungen letztendlich ist, müssen Millionen Araber jetzt erleben.

  4. Mika sagt:

    Dieses immer und immer wieder Aufbereiten in den Medien hat nur ZWEI Ziele: zum einen sollen Muslime als schlechte Menschen und Terroristen dargestellt werden. Zum anderen wird immer wieder betont, dass die ISIS-Einheiten aus Sunniten besteht, die Schiiten bekriegen; also versucht man auch Zwietracht unter den Muslimen zu schüren! That’s it!

    Posteo, ja sicher…..moderne Infrastruktur…..man denke nur an die Säurebäder, in die Männer hinabgleiten mussten. Und wissen Sie, woher der Spruch „Kinder an die Wand klatschen kommt“? Ja richtig: die europäischen Kolonialisten haben es wortwörtlich genommen und tatsächlich Säuglinge und Kinder an die Wand mit aller Wucht gedonnert.



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