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Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Debatte im Bundestag

Optionspflicht bleibt, dafür wird das türkische Ğ eingebürgert

Erstmals wurde der Gesetzesentwurf der Bundesregierung zur Änderung der Optionspflicht im Bundestag beraten. Die Debatte verlief planmäßig, nichts Neues. Für Abwechslung sorgte das türkische „Ğ“ – es wurde eingebürgert – und ein freudscher Versprecher.

Eigentlich sind die Positionen im Bundestag klar: CDU und CSU sind für die Beibehaltung der Optionspflicht. Die SPD, die Grünen sowie die Linken wiederum eigentlich für die generelle Hinnahme der doppelten Staatsbürgerschaft.

Doch während der schwarz-roten Koalitionsverhandlungen mussten Union und SPD einen Kompromiss finden. Die Union sprang über ihren Schatten und die SPD fiel weit hinter ihr Wahlversprechen zurück. Heraus kam eine Änderung der Optionspflicht. Sie soll in Zukunft für in Deutschland geborene Kinder entfallen. Das geht der Linkspartei und den Grünen nicht weit genug.

So wiesen SPD Politiker in Verteidigungshaltung immer wieder darauf hin, dass der jetzt vorliegende Gesetzesentwurf im Vergleich zur bisherigen Regelung immerhin ein großer Fortschritt sei. Wichtig sei nun, dass das Gesetz schnellstmöglich verabschiedet werde, damit nicht noch mehr Jugendliche sich zwischen ihren zwei Pässen entscheiden müssen. Unionspolitiker wiederum machten keinen Hehl daraus zu betonen, dass Sie eigentlich gegen den Doppelpass sind – vor allem wegen den Türken.

Unfreiwillige Abwechslung
Auf Einwände der Opposition, die geplante Regelung sei ein unnötiger Bürokratiemonster, schaffe doppelte Standards, diskriminiere bestimmte Gruppen und schaffe Rechtsunsicherheit, gingen Regierungspolitiker kaum ein.

So verlief die Debatte planmäßig und ohne Überraschung. Also mussten unfreiwillige Momente für zumindest etwas Abwechslung sorgen. Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer beispielsweise betonte das „ğ“ im Namen von Linkspolitikerin Sevim Dağdelen so sehr, dass daraus fast ein „k“ wurde. Dabei hätte er diesen Buchstaben –vergleichbar mit dem deutschen Dehnungs-h – einfach weglesen müssen. Dağdelen, die mittlerweile seit neun Jahren Bundestagsmitglied ist, korrigierte kurz: „Daːdelen“.

Das weiche Ğ
Das wäre keine Notiz wert gewesen, wenn das weiche „Ğ” aus dem türkischen Alphabet nur kurze Zeit später nicht erneut von sich Reden gemacht hätte. Während Staatsministerin Aydan Özoğuz (SPD) am Rednerpult stand, fotografierte Grünen-Chef Cem Özdemir die Anzeigetafel des Plenums, auf dem die Tagesordnungspunkte und die Namen der Redner aufgeführt sind. Das Foto twitterte mit der Bemerkung: „Immerhin türkisches ‚yumuşak ğ‘, also ğ in Özoğuz ist eingebürgert.“

Innerhalb kürzester Zeit verbreitete sich das Foto in den sozialen Netzwerken tausendfach und sorgte vor allem unter Türkeistämmigen für Erheiterung. Während einige in ironischem Unterton den Untergang des Abendlandes prophezeiten, fragten andere, wie lange es wohl dauern wird, bis man es auch richtig ausspricht. Der ganz überwiegende Teil zeigte sich erfreut. Muhsin A. meinte auf Twitter: „Es ist nur ein kleiner Strich auf dem G und doch freue ich mich riesig. Die Kleinigkeiten machen’s.“

Apropos Kleinigkeit
Den freudschen Versprecher des Tages lieferte CDU Politiker Helmut Brandt. Während seiner Rede wandte er sich an Dağdelen und sagte: „auf Ihren (…) Ministerpräsidenten Erdogan.“ Zwar korrigierte sich Brandt noch im selben Atemzug, doch laut Özcan Mutlu (Grüne) war die Katze schon aus dem Sack: „Das zeigt, wie Sie denken“, rief er dazwischen.

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