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Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Theater

Chillen in der Zwangsjacke

Talent trifft Theater – Das Zukunftslabor im Berliner Ballhaus Naunynstraße, die „Akademie der Autodidakten“, serviert ein Singspiel für zwölf Spieler: „Schizo!“ Jamal Tuschick hat sich das Stück angesehen.

VONJamal Tuschick

 Chillen in der Zwangsjacke
Der Verfasser, geboren 1961 in Kassel, hat seinen libyschen Vater nicht kennengelernt, die Mutter ist Deutsche. Arbeitet seit 1987 als Autor und Journalist vor allem für die Frankfurter Rundschau und die junge welt. Herausgeber der 2000 im S. Fischer Verlag erschienenen Anthologie "Morgenland", die Einfluss gewann auf die Kulturdebatte innerhalb des Migrationsgeschehens. Stichwort: Das Ende der Gastarbeiter-Literatur Tuschick trug zu einem neuen Verständnis der Literatur von Autoren mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft bei. Er veröffentlichte im Suhrkamp Verlag Keine Große Geschichte, Kattenbeat, Bis zum Ende der B-Seite Zuletzt erschien von ihm im Martin Schmitz Verlag Grobzeug im Rindermix

DATUM8. November 2013

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Sie heißen Sakina Abushi, Musa Arzuev, Fanny Dehnkamp, Karin Gäbel, Serena Gregorio, Manuel Hoffmann, Aron Kamil, Ya-Hui Kuan, Mehmet Küçük, Hong-Nhi Le, Takako Suzuki und Hannah Valentin. Auf der Ballhausbühne spielen sie verrückt. Sie spielen, was man allen Ernstes kriegen kann, wenn einem der Konformitätsdruck über den Kopf wächst und das Drama der Einzigartigkeit als vom Schicksal persönlich zugestelltes Paket sich seltsam entfaltet. Man wurde sich selbst in die Schuhe geschoben, das kann nicht gut gehen.

Auf einer psychiatrischen Mondstation begegnen sich ADHS, DMDD und bipolare Störungen bei der Tablettenausgabe so wie im Küchendienst. Die Verrücktspieler toben sich in der Musiktherapie aus, doch lieber wären sie zu Hause bei ihren problematischen Eltern. Zunichte machen sie sich gegenseitig ihre Hoffnungen. Zugleich suchen sie Nähe in der Gruppe.

„Ich bin ein menschlicher Verkehrsunfall in einem Ozean voller Angst.“ Das sind zwei Zitate, montiert zu einem Satz. Geladen ist die Lage, die den Worten eine Umgebung stiftet. Man überbietet sich im Wettbewerb der Abweichungen.

Devianz und Diät
Erst stellt man sich auf die Waage, dann läuft man gegen die Wand. Bulimie bedeutet Autonomie. So lässt sich der Rivalin vorwerfen: „Du kannst ja gar nicht richtig kotzen.“

Mit Sport integriert man sich in die kleine Einheit des Selbst. Es wird geboxt – und mit den Armen gerudert.

Paranoia und Pubertät
Eine hat zehntausend Euro in Blumen gesteckt und ihr Elternhaus in einem Dschungel verwandelt. Das Bühnenbild changiert zwischen Turnhalle, Schlafsaal und Käfig, das Blumenkind träumt davon, im winterlichen Müggelsee zu schwimmen. Neben ihr leidet einer unter posttraumatischen Belastungsstörungen, „nach ein paar notwendigen Exekutionen“. Die privaten Höllen kühlen im Medikamentenhimmel ab, die Insassen sedieren sich mit „Wahrheit oder Pflicht“.

Info: Schizo! hatte Premiere am 29. Oktober 2013 und wurde am 30. Oktober zum zweiten Mal vor ausverkauftem Haus aufgeführt. Wiederaufnahme ist im Februar 2014 geplant.

Drei Monate lernten die Akademieabsolventen Krankheitsbilder in Frage zu stellen. Ob Bulimie oder Borderline: Regisseurin Salome Dastmalchi legte ihnen die Einsicht nah, dass die Pathologisierung von Verhalten mit gesellschaftlichen Erwartungen zusammen- und folglich vom Herrschaftstext (ab)hängt. Als Thema der Migrationsforschung haben die Beziehungen zwischen Abweichung & Deutungshoheit auf jeden Fall Zukunft. Ich finde es gut, dass im Ballhaus Naunynstraße immer wieder das Bewusstsein für solche Tücken im Kulturkampf geschärft wird. Der Kampf geht weiter.

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