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Michael Walzer, Sphären der Gerechtigkeit, 2006

Ausländerbehörde

Der Albtraum ausländischer Studenten

Seit sich die Wirtschaft über einen Fachkräftemangel beklagt, fordert die Politik eine Willkommenskultur im Kampf um die besten Köpfe. Doch fühlen sich ausländische Akademiker in Deutschland alles andere als Willkommen, wie eine Studie zeigt.

VONSaid Rezek

 Der Albtraum ausländischer Studenten
Der Verfasser studiert Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Kassel und beschäftigt sich inhaltlich mit Fragen der Einwanderungsgesellschaft, speziell mit der Medienberichterstattung über Muslime.

DATUM27. August 2013

KOMMENTARE8

RESSORTLeitartikel, Politik

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Wenn es um den Universitätsstandort geht, braucht sich Bayreuth nicht zu verstecken. Die Studien- und Forschungsbedingungen schneiden in Berichten und Rankings regelmäßig überdurchschnittlich gut ab. Die Probleme ausländischer Studenten mit der örtlichen Ausländerbehörde sind aber groß, wie Prof. Bernd Müller-Jaquier und sein Forschungsteam von der Uni Bayreuth herausgefunden haben. In einer wissenschaftlichen Studie attestieren sie der Bayreuther Ausländerbehörde grundlegende Missstände im Umgang mit ausländischen Akademikern.

So bestimmt etwa die Ausländerbehörde, ob ein Student einen Fachwechsel machen darf und nicht die Universität oder der Professor. Eine Rücksprache findet nicht statt – mit kostspieligen Folgen für die ohnehin klammen Studenten. Sie müssen in solchen Fällen wieder ins Ausland reisen und einen neuen Visumsantrag stellen. Der Master-Studentin H. aus China etwa kostete ein Fachwechsel 5.000 Euro und mehrere Monate Zeitverlust.

Latent aggressiv und schikanös
Auch kommt es der Erhebung zufolge nicht selten vor, dass die Beamten zunächst Zustimmung für einen Antrag signalisieren und die Studenten dann doch abblitzen lassen. Nicht selten müssten sich Mitarbeiter der Universität einschalten, wenn sich die Behörde querstellt. Professor Müller-Jacquier kritisiert vor allem den Umgangston im Ausländeramt. Dort würden „latent aggressiv-schikanöse Kommunikationsformen“ verwendet. Gegenüber dem MiGAZIN erklärte Professor Müller-Jaquier, die Einstellung der Mitarbeiter und des Leiter der Ausländerbehörde der wesentliche Faktor sei.

„Ein Großteil der interviewten Akademiker sieht sich in der Ausländerbehörde als nicht willkommen, oft nicht sachgerecht behandelt und generell in die Rolle des ‚dummen Ausländers‘ verwiesen“, heißt es wörtlich in der Studie. Insgesamt 80 Betroffene haben Müller-Jacquier und sein Forscherteam interviewt und sie kommen zu einem vernichtenden Gesamturteil: Diese Praxis hat System.

Gesetz zu schwer für Amt
Die Stadt Bayreuth wiederum spricht von Einzelfällen. Dem MiGAZIN wurde mitgeteilt, dass die Kritik „sicher nicht alleine in der Tätigkeit der Sachbearbeiter in der Ausländerbehörde begründet“ sei, sondern „seine Ursache in einer sehr schwierigen Rechtslage“ habe. Das Ausländerrecht sei eine ausgesprochen komplexe Materie, die von unterschiedlichen bundes- und landesrechtlichen Vorgaben geprägt sei.

Ein Blick in die Studie zeigt jedoch, dass es die komplizierte Rechtslage allein nicht sein kann: So befristet die Behörde „manchmal einfach das Aufenthaltsende der Studierenden auf den Abgabetag ihrer Qualifikationsarbeiten, obwohl dieser Prüfungsteil erst nach der nötigen Bewertung durch die Gutachter (2 Monate) oder auch nach einer möglichen Prüfungswiederholung abgeschlossen ist“.

Hohe Dunkelziffer
In einem anderen Fall stellte die Leipziger Behörde einer Studentin aus Russland für ihren Wechsel nach Bayreuth ein Schreiben aus, das als „Übergangsvisum“ dienen soll. Der Sachbearbeiter der Ausländerbehörde Bayreuth akzeptierte dieses Dokument jedoch nicht, nannte die Mitarbeiter der Leipziger Behörde „unwissend“ und warf der Studentin vor, das Schreiben illegal, durch „Geschichten“ erhalten zu haben.

„Die Liste solcher Vorgehensweisen ist lang, und die Dunkelziffer problematischer Entscheidungen muss hoch eingeschätzt werden. Denn viele ausländische Akademiker stellen behördliches Vorgehen nicht infrage – aus Furcht vor der Institution, aus Angst vor noch bedrohlicheren, existenziell relevanten Entscheidungen und aus Unkenntnis ihrer Rechte“, heißt es in der Untersuchung weiter.

Studenten ohne Pass
Äußerst problematisch sei auch, dass ausländische Akademiker der Universität Bayreuth oft monatelang ohne gültige Ausweisdokumente auskommen müssten, weil die Behörde Anträge zeitlich verschleppe und Pässe zu lange einbehalte. Als Folge könnten sich die Betroffenen nicht ausweisen und riskierten zeitaufwendige Polizeikontrollen.

Download: Die Studie mit dem Titel „Ausländische Akademiker und deutsche Behörden. Ein Bayreuther Forschungsprojekt.“ kann hier kostenfrei heruntergeladen werden.

Damit sich die Situation bessert, hat das Bayreuther Forscherteam das Verhalten von Behörden in 14 deutschen Universitätsstädten untersucht und daraus 16 Handlungsempfehlungen formuliert. Wenn die Beamten in den Behörden aber „skeptisch bis ausländerabweisend oder -feindlich eingestellt sind“, erklärte Müller–Jaquier dem MiGAZIN, „nützen Empfehlungen, Anweisungen nichts oder recht wenig.“ Der Abwehrcharakter der gesetzlichen Bestimmungen zum Aufenthalt ausländischer Akademiker gebe rechtlich immer etwas her, um Anträge abzuweisen oder hinaus zu zögern.

Abschottungskultur gegen Willkommenskultur
Das Bayreuther Forscherteam ist sich sicher: „Solche Praktiken illustrieren realitätsfremde Interpretationen der universitären Prüfungsordnungen durch die Ausländerbehörde und verweisen auf eine abwehrorientierte Grundeinstellung der Verantwortlichen.“

Woher diese Einstellung kommt? Arbeitgebervertreter Peter Clever gab bereits im April dieses Jahres in einem Interview mit dem Deutschlandradio eine möglich Erklärung: „Wir haben unseren Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals! Die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern! Und jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte benötigen, die wir umwerben müssen! Diese Mentalität in den Köpfen der Mitarbeiter in den Behörden zu verändern, geht nicht von heute auf Morgen.“

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8 Kommentare
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  1. Michael meier sagt:

    Hmmmmm , wie heisst das so schön ? Institutioneller rassismus ! Tja es sind ja nicht nur anscheinend die bildungfernen „dummen“ , “ moslems “ die ein problem mit der gelebten leidkultur in deutschen amtsstuben haben .

    Kein wunder das keiner von denen hier bleiben will , wenn sie schon so von staatswegen schikaniert werden .

    Die deutsche arroganz und überheblichkeit wird in naher zukunft (20 jahre ) noch einige vor vollendete tatsachen stellen , im kampf um die besten köpfe gehts nicht immer ums geld manchal ist auch der zwichen menschliche umgang entscheidend … und da sie ja genug hochkaräter haben und nicht angewiesen sind auf fremde , werden sich die amerikaner briten und asiaten um die gut ausgebildeten köpfe freuen .

  2. Josef Özcan sagt:

    Es ist bekannt, dass der deutsche Faschismus sich in institutionellem Aufzug bewahrt hat.

    Der Faschismus ist „behördlich geworden“. das hier aufgeführte Beispiel zeigt, dass dies auch noch für das Jahr 2013 gilt.

    Hier hilft nur offener Kampf gegen diese Strukturen und eindeutige Gesetze gegen das behördlich-deutsche Unwesen.
    Und die Betroffenen müssen den Mut finden zu protestieren und es muss Menschen geben, die sie dabei unterstützen.

    Josef Özcan (Diplom Psychologe / Kölner Appell gegen Rassismus e.V.)

  3. Uwe Borchert sagt:

    Ich sehe da erst mal keinen besonderen Unterschied in der Behandlung ggü anderen Behörden wie Bundesagentur für Arbeit und JobCentern. So gesehen ist das doch einfach nur eine alternativlose Einführung in deutsche Umgangsformen und dient der nachhaltigen Integration.

    Man sollte die reale Lage auf dem Arbeitsmarkt, jenseits der hypschen Statistiken, auch noch berücksichtigen. Diese ist alles andere als rosig, da kommt wenige Freude auf. Die realen Zahlen (Mikrozensus, SOeP) sind ein Desaster und bei Akademikern ist die Quote der nicht und nur geringfügig erwerbstätigen Erwerbspersonen mit knapp unter 40% fast doppelt so hoch wie der Schnitt von 21% bei allen Erwerbspersonen. Jeder qualifizierte Migrant ist ein potentieller Konkurrent für die Einheimischen (egal ob Alt-Migrant oder Echtdeutscher) auf dem Arbeitsmarkt.

    Da es aktuell auch ein massives Überangebot an Fachkräften für die handgewrungene Fachkräftemangel gibt ist diese Politik sogar rein ökonomisch gesehen nicht mal „falsch“. Viel weiter drücken kann man die Einkommen nicht mehr. Ein Mehr an Migration ist vom Arbeitsmarkt nicht mehr ökonomisch verwertbar und kostet dann den Sozialkassen Geld, da nicht genug Arbeitsplätzchen, auch für Fachkräfte, vorhanden sind. Man muss diesen Tatsachen ins Auge sehen.

    Diese Randbedingungen verschärfen die Lage. Das Grundproblem ist aber eine generelle Menschenfeindlichkeit in Deutschland und keine spezielle Ausländerfeindlichkeit. Eine weitere Verschärfung der Lage auf dem Arbeitsmarkt kann das aber schnell kippen lassen.

  4. Saadiya sagt:

    @ Uwe Borchert

    Es ging im Artikel erstmal um ausländische Studierende, die nur zum Zwecke der Aus- und Weiterbildung nach Deutschland einreisen und nicht um die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte. Sie belasten deutsche Sozialkassen nicht und haben in der Regel auch keine Ansprüche auf solche Leistungen. Aktuell verlassen die meisten ausländischen Studierenden die BRD wieder, nachdem sie ihr Studium hier beendet haben.

    Die unfreundliche Haltung der Ausländerbehörden und deren Umgangsformen sind nicht ein neuerliches Phänomen, dass mit der ökonomischen Situation zusammenhängt, sondern es gab diese „rauen Unsitten“ schon immer.

  5. Rabeh Kasmi sagt:

    Hallo,
    Das Internet bietet viele gute Moeglichkeiten, um meiner Stimme in Deutschland Gehoer zu verschaffen.
    Es ist wichtig, dass die Vertreter der Regierung, in Deutschland verstehen, dass die Buerokratie extrem ist in Deutschland und nicht nur eine Huerde ist, die genommen werden muss, sondern oft ein Hindernis darstellt fuer Studium.
    warum man kein Visum ausstellen kann?! wenn ich doch die Zulassung, die Sprachkenntnisse und den Mietvertrag habe.Seit Jahren versuche ich ein Visum fuer Deutschland zu bekommen. leider ohne Erfolg
    Ich kenne Europa nur ueber Unterhaltungen mit Leuten und war noch nie aus Algeria weg.
    Habe die Sprache selbststaendig angefangen zu lernen und schreibe schon gute deutsch
    Da ich sehr interessiert bin, in Deutschland zu weiterzubilden, Die Probleme mit der Botschaft in Algier liegen nicht an mir, trotzdem bitte
    ich Sie,die Situation zu entschuldigen.
    Da die Botschaft derzeit kein Visum ausstellen kann. Mfg
    Rabeh

  6. […] im August 2013 hatte ein Forscherteam an der Uni Bayreuth herausgefunden, wie unfreundlich Ausländerbehörden mit ausländischen Studierenden umgehen. Professor Müller-Jacquier hatte vor allem den Umgangston im Ausländeramt kritisiert. Dort […]

  7. Ekaterine sagt:

    Ich finde die Studie super, wir haben solche Studien dringend nötig!!!
    Als Student war für mich die Aufenthaltsverlängerung immer ein Albtraum, ich weiß noch, dass ich schon Nächte davor nicht gut schlafen konnte und ich war nicht die Einzige, fast die ganze WG hatte das gleich Problem. Vor allem eine türkische Mitarbeiterin galt bei der Ausländerbehörde als besonders ausländerfeindlich. Sie bearbeitete die Anträge oft monatelang und behielt die Pässe immer bei sich, die deutschen Mitarbeiter waren mit Abstand besser als sie…



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