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Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier – als Wirtschaftsflüchtling. Den kriegen wir nie wieder los

Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, PresseClub Regensburg, 15.9.2016

Antisemitismus und Islamophobie

Zum Gedenken an Solingen: 20 Jahre Mordanschlag

Vor 20 Jahren kamen Menschen bei einem rassistisch motivierten Brandanschlag ums Leben. Was trieb die Täter an? Wer waren die geistigen Brandstifter, was die Ursachen? Und was kann man heute tun?

VONSabine Schiffer

 Zum Gedenken an Solingen: 20 Jahre Mordanschlag
Die Autorin arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als Medienpädagogin und promovierte zur Islamdarstellung in den Medien. 2005 gründete sie das freie Institut für Medienverantwortung (IMV) und leitet es seither. Das IMV fordert mehr Verantwortung von Produzenten- und Nutzerseite.

DATUM29. Mai 2013

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RESSORTLeitartikel, Meinung

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Gerade der anti-antisemitische Diskurs, den es um die Jahrhundertwende auch gab, sollte uns heute nachdenklich stimmen, wenn man etwa das Hiersein von Unliebsamen durch deren Nützlichkeit zu rechtfertigen sucht. Die Aufklärungsbemühungen des Abwehrvereins gegen den Antisemitismus sowie die Schriftensammlung „Der Antisemitenhammer“ konnten die Konstruktion aus Vorurteil, Verallgemeinerung und geschürten Ängsten sowie dessen stets wiederbelebbaren Missbrauch nicht durchbrechen.

Zahlreiche weitere Beispiele ließen sich an dieser Stelle aufführen. Der Vergleich mit dem antiislamischen stellt keine Prognose dar. Aber er soll durchaus vor den Potentialen warnen, die jeder menschenverachtende Diskurs hat. Rassismus tötet, wofür schon einige tragische Opfer exemplarisch stehen – die Mitglieder der Familien Genc, Marwa El-Sherbini und die Opfer des sog. NSU sowie viel zu viele andere.

Wie der Hinweis auf das Verhalten des Bildungsbürgertums um die Jahrhundertwende zeigt, ist eine Verortung der Problematik an den rechten Rand auch nicht ungefährlich. Sie kann uns vielleicht zu sehr in Sicherheit wiegen, den Rassismus der Mitte, der Mächtigen, den strukturellen Rassismus durch Teilhabeverweigerung nicht zu erkennen. So muss auch der Verweis eines Thilo Sarrazin auf Integrationsdefizite einer Minderheit in der Minderheit als rassistischer Trick entlarvt werden, der davon ablenkt, dass die Mehrheit der stigmatisierten Menschen erfolgreich ist, wofür gerade die Opfer des sog. NSU als Beispiele stehen. Und es ist dieser Erfolg, der den Rassismus weiter anstachelt, wo der Mittelstand mit Abstiegsängsten kämpft – wie nicht zuletzt Wilhelm Heitmeyer in seinen jährlichen Studien „Deutsche Zustände“ nachwies. Wer sog. Integrationsprobleme auf die Minderheit projiziert, schreibt deren Ausgrenzung fort, während es nicht die Mitglieder der Minderheit sind, die darüber entscheiden können, ob sie Zugang zu Beteiligung bekommen oder nicht.

Wie kann es gelingen, dass Rassismus ernster genommen und bekämpft wird?
Zunächst ist es wichtig, die Funktionen des Rassismus zu erkennen, statt dem Blick des Rassisten auf das Objekt seiner Betrachtung zu folgen. So lässt sich Antisemitismus nicht mit Aufklärung über das Judentum bekämpfen, weil Antisemitismus ein Problem des Ressentimentsträgers und seiner Konstruktionen ist. Ebenso lässt sich Islamfeindlichkeit nicht durch Aufklärung über den Islam bekämpfen, sondern darüber, auf die Funktionen von antimuslimischem Rassismus hinzuweisen – etwa seiner Verwendung im Sinne einer Strategie der Spannung in Zeiten des „Kriegs gegen den Terror“, der in Wirklichkeit ein Ressourcenkrieg ist. Die Dekonstruktion des subjektiven Bildes vom Anderen ist also nur der Schlüssel für den Einzelnen, während die Einordnung der Thematik in größere Zusammenhänge unabdingbar ist, um eine Idee von den relevanten Zusammenhängen zu bekommen – hierzu soll auf die Arbeit des Historikers Daniele Ganser aus der Schweiz verwiesen werden, der den Zusammenhang zwischen Ressourcenfragen und Feindbildern klar benennt.

Solingen steht als Mahnmal dafür, dass sich Rassisten durch eine entsprechende Politik ermutigt fühlen können. Wenn die politisch Verantwortlichen keine klaren Signale gegen Rassismus setzen, sondern den Forderungen menschenverachtender Agitateure nachgeben, dann befördern sie die Spaltung der Gesellschaft. Dies geschah als Helmut Kohl 1992 vom „Staatsnotstand“ sprach und das Asylrecht meinte, nicht den Rassismus.

Hinweis: Dieser Beitrag ist ein überarbeiteter Vortragstext bei folgenden Veranstaltern in Solingen: Arbeitsgemeinschaft der Solinger Naturfreunde, Attac, Bündnis für Toleranz und Zivilcourage, Christlich-Islamischer Gesprächskreis Solingen, Deutscher Gewerkschaftsbund, SOS-Rassismus, Verdi, VVN–Bund der Antifaschisten, Projektgruppe „Pro Agenda Contra Nazi“ des Jugendstadtrats Solingen

Der international renommierte Soziologe Cas Mudde hat diesen Zusammenhang in verschiedenen Studien nachgewiesen: Die Parole, Ausgrenzungsdebatten „nicht dem rechten Rand überlassen“ zu wollen, stärkt diesen rechten Rand, der sich als verlängerter Arm einer „politisch korrekten“ Mitte versteht. Insofern sind rechtsextremistische Auswüchse auch ein Produkt fehlgeleiteter, menschenverachtender politischer Diskurse.

Nehmen wir uns ein Beispiel an Mevlüde, Fadime und Bekir Genc, die trotz ihres Leids nicht müde werden, an die Gemeinschaft zu appellieren, deren Teil sie sind – wie wir alle. Und darum lassen Sie uns weiter kritisch hingucken und anprangern, wenn verbal über andere Menschen hergezogen wird, weil es immer Worte sind, die weitergehende Taten vorbereiten.

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  1. […] MiGAZIN kann man einen Vortrag von Sabine Schiffer lesen, der anlässlich des Gedenkens an die Terrortat […]

  2. […] Zum Gedenken an Solingen: 20 Jahre Mordanschlag (Sabine Schiffer / 29.05.2013) […]

  3. […] MiGAZIN kann man einen Vortrag von Sabine Schiffer lesen, der anlässlich des Gedenkens an die Terrortat […]



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